Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit der Erschütterung der blinden Vertrauensseligkeit in die Ausführbarkeit dieser Projekte auf talmudischrabbinischem Standpunkte, vorausgesetzt, daß mir dies gelungen ist, wäre der Zweck dieser Zeilen bereits erreicht. Ich will aber noch die Bemerkung hinzufügen, daß es auf dem Boden des talmudisch-rabbinischen Rechts Mittel und Wege genug gibt, im Falle der Verweigerung der Chaliza oder des Scheidebriefcs von Fall zu Fall Remedur zu schaffen. Die Ausführung des hier angedeuteten Gedankens würde eine große Abhandlung für sich erfordern, es mag aber kurz darauf hingewiesen werden, daß ich dabei an die sehr weitgehende Befugnis des Rabbinats denke, für einen Widerspenstigen einen Bevollmächtigten zu ernennen, der in dessen Namen Handungen vollziehen kann, zu denen ihn das Rabbinat für verpflichtet hält und erklärt. Derlei Handlungen haben rein rituelle Bedeutung, und hier ist von feiten der Behörden keinerlei Hindernis zu besorgen. Sie Kesh. Von Dr. Arthur Kahn-Charlottenburg. enu ich in den folgenden Zeilen einen Verein schildere, der obgleich er ausschließlich dem Wohle der Armen dient keinerlei Geldbeiträge von seinen Mitgliedern verlangt, so >arf man wohl behaupten, daß ein solcher Verein vielleicht nicht einesgleichen mehr hat, trotzdem er seinen Hauptzweck, die Unterstützung irmer Juden, in ausgiebiger Weise erfüllt. Die Mitgliedschaft ist ebenso leicht zu erlangen, als es sehr einach ist, sogar lebenslängliches Ehrenmitglied zu werden, ohne daß üne Ballotage oder eine Abstimmung, oder die Verpflichtung zu Mnem Geldbeträge, also Eintrittsgeld notwendig wird. Die einzige Verpflichtung, die den Mitgliedern erwächst, ist, dieenigen Gegenstände, deren sie sich entledigen wollen, die sie nicht nehr gebrauchen, ja deren Besitz ihnen sogar lästig geworden, an >en Verein abzutreten. Also, nicht nur, daß man keinen Vereins- 'eitrag zu zählen hat, erspart der Verein sogar seinen Mitgliedern >en Transportlohn sür überflüssiges Gerümpel und — bedankt sich loch obendrein. * Es dürfte denn doch nicht wenig Leser geben, die über diesen merkwürdigen Verein etwas Näheres zu wissen wünschten, um dann, vas sehr lobenswert wäre, sich die Mitgliedschaft zu erwerben. Ich bitte daher die freundlichen Leser und Leserinnen, mir ins Vereinslokal", d. h. in die Vereinsräumtichkeiten folgen, zu wollen; ^enn nur dort und nicht in einem eleganten Sitzungszimmer werden Me Geschäfte des Vereins abgewickelt. In der Neuen Friedrichstraße, oberhalb des Stadtbahnhoses, und neben dem imposanten Gebäude des Polizeipräsidiums, erhebt sich Mn altes Bauwerk, das vielleicht Mitte des 18. Jahrhunderts entbanden sein mag, vielleicht ehemals ein Kloster oder eine Kaserne war. Es trägt die Hausnummer 5/6, was ich zu merken bitte. Durch die Toreinfahrt gelangt man in einen riesigen, von zwei langhin gestreckten Seitenflügeln flankierten Hof. Im linken Seitenflügel befindet sich, wie ein kleines Schild uns anzeigt, die „Peah", der von uns genannte Verein. Breite, bequeme, aber schon stark ausgetretene Treppen führen zn einem ebenfalls verschwenderisch breiten Vorraum, der rechts und links in einen sich in Dämmerung verlierenden Gang mündet. Viele Türen, die numeriert sind, führen in die Wohnungen armer Leute, kleiner Handwerker usw. Am äußersten Ende, wo es schon wieder etwas heller wird, befindet sich eine Aufschrift: „Peah, jüdische Brockensammlung". Nun wissen die verehrten Leser, wer die Dame Peah ist, eine Brockensammlerin. Was eine Brockensammlung ist. wissen aber die meisten Leute doch nur halb, und deshalb schon dürste es manchen interessieren, über das Wesen derselben einmal etwas Näheres zu erfahren. Während man noch vor nicht langer Zeit alte Gegenstände, die im Haushalt nicht mehr verwendbar und selbst für die ärmsten Leute nicht mehr zu gebrauchen waren, entweder auf den Schutthaufen oder ins Feuer warf, ist man in der neueren Zeit hierin viel praktischer und sparsamer geworden, wiewohl die meisten Dinge billiger geworden sind, als sie früher waren. Heute wirft man fast gar nichts mehr achtlos fort, weil man es nicht mehr verwenden kann, sondern man schenkt es der Brockensammlung, die selbst den unscheinbarsten und wertlosesten Dingen nochmals eine nützliche Verwendung zukommen läßt. Gebrauchsgegenstände, deren man überdrüssig ist, die in den knappen, teuren Räumen einer Großstadtwohnung nur im Wege sind, die im Keller schimmeln, auf den Böden den Motten eine willkommene Wohnung bieten, im Hofe oder in der Rumpelkammer unverdient den Raum noch mehr versperren, zu schlecht, um verwendet werden zu können, wandern heutigen Tages in die Brockensammlung, wo sie mit Freuden angenommen und einer nochmaligen Metamorphose unterzogen und schließlich noch einmal bei armen Leuten zur Vervollkommnung der Wohnungsräume wiederum ein Plätzchen finden, und, vielleicht gar nicht zum letztenmal, einen Zweck erfüllen. Um nun aber Jrrtümer zu vermeiden, sei hier bemerkt, daß nicht nur absolut altes Gerümpel in die Brockensammlung zu wandern pflegt. Es konnnt sogar zuweilen vor, daß edle Menschen, die das Glück haben, ihre Wohnräume mit neuen Dingen schmücken zu können, ohne aus den geringen Erlös für gebrauchte Gegenstände beim Händler sehen zu müssen, ihren Hausrat der Brockensammlung zuwenden. So hat noch vor kurzem ein generöser Junggeselle, der sich verheiratete, seine reichliche Einrichtung ganz der Peah geschenkt, wofür er zum lebenslänglichen Ehrenmitgliede ernannt wurde. Nun möge hier ein allerdings nicht vollkommenes Bild entworfen werden, was sich alles in einer Brockensammlung zusammenfindet, nachdem es im Haushalt überflüssig und im täglichen Gebrauch invalide geworden, oder in Lager- und Fabrikräumen und in Geschäftsläden zusammengekehrt wurde oder zum Ladenhüter herabgesunken ist. In den Sammelräumen der Peah werden die abgeholten Sachen zunächst einer strengen Sichtung unterzogen, sortiert, in die jeweilig zutreffende Reparaturstelle gebracht und wiederhergestellt, ehe sie von neuem in die Welt, allerdings nicht in die vornehme, hinauswandern. Sobald einmal die Gegenstände erst gründlich gereinigt, neu zusammengenagelt, geleimt, angestrichen, lackiert und sonst wieder ansehnlich gemacht worden sind, jedes Stück seinen passenden Platz einnimmt, wird man förmlich an .ein modernes Warenhaus erinnert. Um jedoch nicht der Uebertreibung geziehen zu werden, muß ich allerdings zugestehen, daß hier nicht ein so verlockender Glanz herrscht und kbie Gegenstände auch nicht ganz so reizvoll aussehen, wie in unfern Kaufhäusern. Dafür sind alle Gegenstände entschieden billiger, die Preise nicht so unerbittlich fest, so daß die Peah mit jedem Kaufhaus konkurrieren kann. Tischler, Polsterer, Anstreicher, Stuhlflechter, Abholer werden nun beschäftigt, ehe die Händler erscheinen und ihre Einkäufe machen. Und damit beginnt die Haupttütigkeit des Vereins. Arme, arbeitslose Männer und Frauen werden täglich mit dem Sortieren und Reparieren, sowie mit dem Abholen der Sachen beschäftigt und erhalten einen ausreichenden Tagelohn, mit dem sie sich und ihre Familien zu ernähren imstande sind. Wie nun nicht erst gesagt zu werden braucht, können um so mehr Leute beschäftigt werden, je mehr Gegenstände dem Verein zufließen, denn nicht Almosen, sondern Arbeit soll den Armen gewährt werden. Und Arbeit den armen jüdischen Familienvätern zu verschaffen, ist eines der Hauptziele, die sich die jüdische Brockensammlung gestellt hat, eine Aufgabe, die sie mit ihren bisher nur sehr bescheidenen Zuwendungen in entsprechendem Maße doch erfüllt hat.