Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber nehmen wir an, daß mit ' öherer Bildung der Einfluß religiöser Momente ganz weg- ' illt, was begeistert diese an dem Antisemitismus? Die Eigenliebe. Nicht umsonst hört man aus diesen Kreisen das Wort > on der Rasse. Diese Theorie von der Rasse sagt dem arischen i hristen: „Der Jude, der mit dir lebt und mit dir konkurriert,! lag auf allen Gebieten der menschlichen Arbeit das Tüchtigste l nsten, du, der arische Christ, bist doch der bessere Mensch." üie viele unter den Tausenden sind so frei an Geist, daß sie! ieser Botschaft, diesem Adelsbrief widerstehen könnten! Dieses Bewußtsein hat in unseren Tagen des Herrenrechts etwas so berauschendes, daß in, innersten Herzen vielleicht kein einziger Arier" darauf verzichtet. Und dieser Strömung gegenüber steht nun der Jude — in i en „„zivilisierten Ländern rohester Gewalt preisgegeben, in den ■ vilisierten von fast aller öffentlicher Tätigkeit prinzipiell aus- > eschlossen und gesellschaftlich für minderwertig erachtet, in jeder Bewegung und Aeußerung unter die kritische Lupe der Ab- : eigung genommen — darf man sich da wundern, daß Fehler. ■ ■ ■ ■ ■■ ■ ■■■ ■■ die ihm von den Feinden aufgezwungen wurden, Fehler der Unfreiheit, nicht ganz verschwinden wollen? Das Gesetz hat dem Juden die Gleichberechtigung zugesichert, aber in der Praxis wird sie nicht geübt und die Gesellschaft richtet ihre Schranken seither mit noch größerer Härte auf. Sie soll einmal ihr Vorurteil aufgeben, und die vielberufenen Besonderheiten, die dem Juden so schwer angerechnet werden, verschwinden, wie sie schon in zahllosen Fällen verschwunden sind. Eine große Schar edelster Persönlichkeiten ist der Beweis dafür. Wir Deutschen in Böhmen brauchen zum Beispiel nur auf Erscheinungen wie Moritz Hartmann, Julius Glaser hinzuweisen, um für den makellosen Idealismus der „jüdischen Rasse" Beispiele zu haben. Mit Haß löst man keine Dissonanzen — versucht es einmal mit der Gleichberechtigung, und dann — nach Jahrzehnten — laßt uns wieder über die Judenfrage reden! Ich verkenne nicht den großen Ernst, mit dem Sie an das Problem herangetreten sind, aber ich glaube doch, daß Sie nicht viel werden dazu beitragen können, denn die Lösung der Judenfrage liegt meines Erachtens — in der Erziehung der Christen. * * * Welche Stellung aber der Jude zu den häßlichen Bemühungen, ihn aus dem Kreise der deutschen Nation herauszudrängen, zu nehmen hat, das habe ich schon vor Jahren in einem Gedichte ausgesprochen, das hier als Abschluß stehen mag: ie alten Lieder hör' ich raunen, Die einst des Tajo Strand vernahm. Ich höre sie, mich faßt ein Staunen Und dann ein langentwöhnter Gram. Der heiße Ton. die dumpfe Weise, Es wird das Haupt davon mir schwer, Und vor dem Blick steigt auf der greise, Der müde Pilger Ahasver. ,,Ein Flüchtling bist du auf der Erde; Zieh hin und irre wie zuvor! Kein Boden, der dir Heimat werde " So tönt das wilde Lied ins Ohr. ,,Dein Fühlen ruht auf keinem Grunde Und dein Begeistern ist nicht echt: Du kannst nicht sein in unsrem Bunde, Du fremd und heimatlos Geschlecht!" Ich zucke auf. Doch kein Erkranken Wirft drum in mich den bösen Keim — Zu sehr an dir mit allen Ranken Hängt meine Seele, deutsches Heim. In deutscher Rede lernt ich träumen, Die Brust erzittert ihrem Wort, Und zu den fernsten Himmelsränmen Trug mich das deutsche Denken fort. So fühl' ich in mir höchste Weihe, Trag meines Volkes Leid und Lust; Kehrt sich von mir der Brüder Reihe — Ich schreite fort, des Ziels bewußt. Und während lautestes Getriebe Mit Schlag- und Losungswort nicht kargt, Berg' ich im Herzen stumm die Liebe, Zu hoch und heilig für den Markt. So lehnt im Kreis von Zechgenossen, Der keck von Abenteuern spricht, Ein Knabe, herb in sich geschlossen, Und lächelt kaum zu dem Bericht. Sie spotten sein, die Ungenruten, Und schelten ihn verstockt und kühl: Allein in ihm erschwillt in Gluten Der Erde seligstes Gefühl. Dir bedingte Lhelchliehung. Bon Rabbiner St David Neumark. u dem Leitartikel in Nummer 35 dieses Blattes unter der Aufschrift „Praktische Reformvorschläge" möchte ich i Agende Bemerkungen machen, von denen ich glaube, daß sie i m Interessenten zu denken geben werden: Die Resolution der französischen Rabbinerversammlung,! inftighin in den jüdischen Ehevertrag, die Kethuba, eine lausel aufzunehmen, wonach die Ehe als nicht geschlossen selten soll, wenn sie später vom Zivilgericht geschieden wird ' nd einer der Ehegatten die rituelle Scheidung verweigert, ist icht neu. Ein ähnlicher Vorschlag in bezug auf die i h aliza ist, wie in dem genannten Artikel bemerkt, nicht nur > vor etwa sechzig Jahren, sondern auch vor nicht sehr langer Zeit in der deutschen Judenheit, und zwar in einer Versammlung der liberalen Rabbiner, sehr eingehend erörtert worden. In der nächsten Nummer der „Rivista Israelitica“ wird ebenfalls eine Abhandlung über diese Frage vom Oberrabbiner Dr. Margulies in Florenz erscheinen, der, wie ich seinen mündlichen Aeußerungen entnehmen zu können glaube, ebenfalls auf dem Standpunkte steht, daß die Aufnahme einer auf den Chaliza-Fall gerichteten Bedingung in den Ehepakt zulässig ist. Demgegenüber bemerke ich, daß dies meines Erachtens vom talmndisch-rabbinischen Standpunkte, auf dem ja auch der Leitartikel in dieser Frage mit Recht bleiben will, ganz unzulässig ist. Daß die Eheschließung unter einer Bedingung nach talmudischem Rechte zulässig ist, kann natürlich nicht ani