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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
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Aus Petersburg wird ferner von anderer Seite gemeldet: „Aus allen Teilen Rußlands treffen Berichte ein, daß vom Verbände des russischen Volkes und seinen hohen Gönnern während der Wahlkampagne allerorten Pogrome in großem Umfange geplant werden. Auf diese Weise soll ein der Regierung günstiges Resultat der Wahlen erzielt werden. Die schrecklichen Ereignisse in Odessa bilden nur ein Vorspiel für die Greueltateu, die noch bevorstehen. Der Zweck der Pogrome ist, die jüdische und liberale Bevölkerung zu terrorisieren und sie von der Beteiligung an der Wahl abzuhalten. In der letzten Nummer des hochkonservativen Blattes „Grashdanin" schreibt der über die Absichten der Hofkreise sehr gut unterrichtete Fürst Meschtscherski, daß es eine Unzahl geheimer Organisationen und vereinzelter Zirkel in ganz Rußland gäbe, deren Absicht, überall Pogrome zu veranstalten, bekannt ist. Mit tiefer Wehmut sahen unsere russischen Glaubensgenossen das alte Jahr scheiden, mit banger Sorge blicken sie in das neue Jahr. Woher wird ihnen Hilfe kommen? Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns nachstehenden Bericht aus Bukarest über den Aufenthalt der amerikanischen Einwanderungskommission in Rumänien zur Verfügung: Die Delegierten der großen amerikanischen Einwanderungskommission haben sich hier auf das genaueste über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ursachen informiert, die die Israeliten Rmnäniens zur Auswanderung treiben. Die Kommissionsmitglieder haben oas Land verlassen, überrascht und tief ergriffen von dem, was sie gesehen und gehört haben. Man darf wohl annehmen, daß die Mitglieder der Kommission Aufklärung gefunden haben über alle die Unbilden, denen die Juden dieses Landes ausgesetzt sind. Der Präsident der Kommission, Herr Bennet, hat sein Bedauern ausgesprochen, daß seine amtliche Stellung ihm nicht gestatte, seine Eindrücke und Gefühle in der Presse darzulegen. Der Bukarester „Adeverul" bringt folgende Auslassung über die amerikanische Kommission: ,Ter Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika hat im Hinblick auf ein vorzubereitendes Einwanderungsgesetz eine Kommission aus seiner Mitte beauftragt, sich nach Europa zu begeben und die Ursachen der Auswanderung zu erforschen. Die Kommission besteht aus 19 Deputierten, von denen jeder einen Dolmetscher und vier Stenographen zur Seite hat. Die Kommission hat sich über ganz Europa verbreitet. Für Italien, die Türkei. Kleinasien, Griechenland, Bulgarien und Rumänien hat die Kommission Herrn W. S. Bennet entsandt, republikanischer Abgeordneter in Washington und Epitropos der Presbyter! anischeu Kirche in New Uork. Herr Bennet hat damit begonnen, Italien in allen Teilen zu besuchen. Danach hat er sich nach Bosnien, Serbien, Bulgarien, Mazedonien, Griechenland, Palästina, Syrien begeben und in Konstantinopel Aufenthalt genommen. Von Konstantinopel begab sich Herr Bennet nach Bukarest, wo er vom König und den Ministern der Auswärtigen Angelegenheiten und des Innern empfangen wurde. Der Minister des Innern gab ihm ein Empfehlungsschreiben au die Präfekten der aufzusuchenden Städte. Da die Ausgabe der Kommission darin besteht, die Ursachen der Auswanderung zu ergründen, so mußten die Delegierten sich mit den Auswanderern, deren materielle, soziale und politische Lage sie kennen lernen wollten, in Verbindung setzen. Herr Bennet richtete naturgemäß seine Aufmerksamkeit auf den jüdischen Teil der Bevölkerung, weil dieser allein das Kontingent für die Auswanderung nach Amerika stellt. Herr Bennet besuchte zuerst die Stadt Jassy, wo er alle aus den Dörfern Vertriebenen, die zumeist nach Amerika gehen wollen, befragte. Der Maire von Podul-Jloici erklärte Herrn Bennet, daß alle Juden, die in dieser kleinen Stadt sich nach 1904 niedergelassen haben, ausgewiesen werden, wenn sie nicht eine Aufenthaltserlaubnis für die ländlichen Gemeinden erhielten. In Botosani unterhielt sich Herr Bennet viele Stunden lang mit den vom flachen Lande Vertriebenen und mit den Auswanderungsanwärtern. Die Kommissionsmitglieder erkundigten sich nach dem Schicksal der Leute, nach ihren Ansichten und den Namen der Verwandten, die sie in Amerika haben. Die Delegierten wohnten auch der Verteilung de Unterstützungsgelder an die im vergangenen Frühjahr Geschädigten bei. Nachmittags besuchten sie die armen jüdischen Stadlvierte , namentlich, den Stadtteil Calicimei, der die meiste Zerstörung anszuweisen hat. Die Herren traten in mehrere Häuser ein und wäre i lebhaft bewegt von dem elenden Zustand, in dem sich die Bewohne» befanden. Herr Bennet spendete 125 Franken zur Verteilung vo t Brot an die Armen, die er besucht hatte." Die Einwanderungskommissare sind inzwischen wieder i i ihrer Heimat eingetroffen. Sie haben der Regierung eine i Bericht erstattet, in dem sie gewisse Beschränkungen der Eir- Wanderung empfehlen. Namentlich sollen Bestimmungen gi troffen werden, welche die Einwanderung von Verbrecher!, mit Seuchen behafteten und subsistenzlosen Personen (Pauper; ) gänzlich verhindern. Die europäischen Regierungen sollen zr,c Mitwirkung in diesem Sinne aufgefordert werden. Eventue l solle dazu geschritten werden, die Einwanderung aus Länder!, wo die Verwaltung ein Zusammenarbeiten in dieser Richtung verweigert, einfach zu verbieten. Lu JCöfung der yudenkrage? Von Friedrich Adler-Prag. erecht zu sein gegen den Feind ist gewiß ein vornehm,, Trieb. Aber ich glaube, man kann mitunter au i darin zu weit gehen. Wenn eine so weit reichende Beivegui; wie der Antisemitismus die Unterdrückung des jüdisch» i Elements als ihr höchstes ethisches Ziel erklärt, so ist es Ec i Wunder, daß den Juden bange ums Herz wird und sie si h selbst besorgt fragen, was von ihrer Seite so Uebles verschuld t wird, daß diese Strömung immer wieder mächtig anwachs, > läßt. Aber in dieser Beklemmung übersehen sie wohl selb \ daß die Psyche der Massen nicht nach Gründen frägt, sonder i Stimmungen folgt, daß die Vergewaltigung heute mehr als ein Zeichen der Zeit ist und daß mit dem Erstarken der öffen lichen Meinung auch das Schlagwort wesentlich an Einfli! gewonnen hat. Ich lebe seit meiner frühesten Jugend in Prag. Ich ha c mit angesehen, wie die deutschen Juden in Böhmen für ih e deutsche Nationalität mit edelster Begeisterung und geradezu idealem Opfermute eingetreten sind — und doch haben w » hier den Antisemitismus. Hier läßt es sich an Beispielen kla - legen, wie eine kleine Anzahl skrupelloser Hetzer, Existenz»: fragwürdigster Art, den Antisemitismus in die Bevölkern! 1 hineingetragen hat. Nun bleibt die naheliegende Entgegnung, daß eine B wegung ohne alle Grundlage sich nicht halten läßt und d» Judenfeinde kein Gehör finden könnten, wenn gar kein Aula: vorliegen würde. Gewiß. Was verschafft nun den Jrrlehrei i das Publikum? Der Hebel ist — man mag es in der modernen Zeit nv > so sehr leugnen wollen — das alte religiöse Vorurteil, d»s mit der Kreuzigung Christi zusammenhängt und in allen chri - lichen Ländern von der ersten Jugend an den Kindern ei - geprägt wird. Mit diesem Gefühl haben Fanatiker und Bö - willige aller Art jederzeit zuverlässig rechnen dürfen. Agitator, n *) In diesen Tagen erscheint im „Modernen Verlagsburea," Curt Wigand, Berlin-Leipzig, ein hochinteressantes Sammelwerk: ,5» Lösung der Judenfrage. Eine Rundfrage, veranstaltet von Dr. Juli» »' Moses." Aus dem uns zur Versügung gestellten Aushängebog» geben wir obigen Aufsatz des rühmlichst bekannten Dichters u»d Uebersetzers wieder. Wir kommen auf das Werk selbst noch zurü k. D. Rw-

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