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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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Wir find aber auch in der Lage, den bis jetzt bestehenden Zustand nicht nur durch den Mangel an seminaristisch vorgebildeten Lehrern rechtfertigen zu können, wir können noch weiter hinzufügen» daß die Kultusbeamten, welche zurzeit jüdischen Religionsunterricht erteilen, fast durchweg für diese Aufgabe ausreichend vorgebildet sind. Wir wählen mit Absicht den Ausdruck Kultusbeamte, weil das Schächteramt nur einen Teil ihrer Funktionen bildet. Sie leiten den Gottesdienst, haben in der Regel eine gute Kenntnis der Bibel und der Gebete, verrichten seelsorgerische Funktionen, widmen sich den ihnen obliegenden Aufgaben mit voller Hingebung und suchen sich für den Inhalt wie für die pädagogische Behandlung des Religionsunterrichts vorzubereiten und weiter auszubilden. In den allermeisten Fällen haben sie Zeugnisse von Rabbinern über ihre Befähigung vorzuweisen. In den neupreußischen Provinzen ist die Ablegung eines Examens für die Kultusbeamten zur Erteilung des Religionsunterrichtes bei den zuständigen Rabbinern obligatorisch. Auch in den altpreußischen hat das vorhandene Bedürfnis ähnliche Einrichtungen hervorgerufen. So hat z. B. der Oberrabbiner Dr. Feilchenseld in Posen sich schon vor längerer Zeit veranlaßt gesehen, in Posen eine private Anstalt für die Ausbildung von Kultusbeamten, die zugleich Religionsunterricht erteilen können, ins Leben zu rufen. Ebenso werden in dem jüdischen Lehrerseminar in Köln auch Religionslehrer und Kultusbeamte ausgebildet. Auch in anderen deutschen Staaten, wie in Schwerin in Mecklenburg, in Würzburg, Schwabach, Burgpreppach in Bayern werden solche Kultusbeanite und Religionslehrer ausgebildet, und nicht wenige derselben haben auch in Preußen Anstellung gefunden. Im Hinblick daraus, daß nicht nur eine große Anzahl pflichtgetreuer und tüchtiger Kultusbeamten durch die beantragte Aenderung brotlos würde, sondern auch ihre Gemeinden gänzlich außerstande wären, ihre Stellen anderweitig zu besetzen, und dadurch in Gefahr geraten würden, religiös zu verwahrlosen, bitten wir ganz gehorsamst, es bei dem gegenwärtigen, seit Jahrzehnten bestehenden Zustande zu belassen. Der geschästsführende Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland. Diese Eingabe haben die Herren Rabb. Pros. Dr. Maybaum, Dr. Eschelbacher und Dr. Munk-Marburg (Dr. Vogelstein-Stettin war amtlich verhindert) am 3. d. Mts. dem Herrn Kultusminister Dr. Holle in einer Audienz mit der Bitte um wohlwollende Erwägung überreicht. Der Herr Kultusminister empfing die Deputation in sehr liebenswürdiger Weise. Er erklärte, daß es für ihn von großem Interesse sei, aus dem Munde der berufenen Vertreter der jüdischen Gemeinden einen anderen Standpunkt zu dieser Frage zu vernehmen, als den in der Eingabe jener Lehrer präzisierten. Zum Schluß sicherte der Minister den Herren eine wohlwollende Prüfung und dem tatsächlichen Bedürfnis entsprechende Entscheidung ihrer Eingabe zu. Die Angelegenheit wird selbstverständlich noch Anlaß zu verschiedenen Darlegungen geben, in denen die Anschauungen lmd Wünsche beider Parteien zu Worte kommen werden. * In Rußland ist der Pogrom wieder an der Tagesordnung. Gegen Juden, gegen Armenier, gegen Liberale, gleichviel. Am meisten natürlich gegen die Juden, und am schlimmsten in Odessa. Für Kenner der Verhältnisse in Odessa unterlag es übrigens keinem Zweifel, daß man mit neuen Pogromen zu rechnen haben würde. Daß der Baron Kaulbars, der Generalgouverneur von Odessa, ein Protektor des schwarzen Hunderts ist, war seit langem bekannt. So lange das Stadtoberhaupt von Odessa Grigoriew seines Amtes waltete, ver- I hinderte dieser aufgeklärte und tatkräftige Mann die schlimmsten Ausschreitungen. Nachdem es gelungen war, ihn zu entfernen und durch einet» Kiewer Gendarmerieoffizier, dem der schlechteste Ruf vorausging, zu ersetzen, war man darauf gefaßt, daß neue Pogrome in Odessa ausbrechen würden. Wie von dort berichtet wird, sind die Krankenhäuser mit Verwundeten übersüllt. Die Börse sowie die Getreidebörse sind geschlossen. Eine Abordnung des Börsenkomitees erschien beim Generalgouverneur Glagolew, um wegen der Ausschreitungen der Schwarzen Banden Klage zu führen; Glagolew erklärte, die Polizei sei machtlos; „an allen Ausschreitungen seien die Juden schuld, weil sie an allen revolutionären Organisationen teilnehmen." Also immer dieselbe verlogene und erbärmliche Ausrede, die eine förmliche Ermutigung zum Pogrom ist. In der Tat ließ auch die Polizei die Hooligans ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. An einigen Orten gab sie sich den Anschein, als suche sie die Hooligans zu zerstreuen, sie ließ aber sofort wieder zu, daß sie sich an derselben Stelle wieder versammelten. Der stellvertretende Stadthauptmann Nabokow bat den Rabbiner Dr. Awinowitzki, der bei ihn» über die Greueltaten Klage führte, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischsten Maßnahmen getroffen, um solche „vereinzelte" Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Und obwohl ein Aufruf des Stadthauptmanns Glagolew in den Odessaer Zeitungen erscheint, der alle Ruhestörer mit den strengsten Strafen bedroht, dauerten die Ruhestörungen an und haben sich sogar noch verschärft. Die Polizei versuchte zwar die Grausamkeit der Hooligans einzudämmen, hinderte aber nicht die Ausdehnung der Ausschreitungen innerhalb der Stadt. Viele Juden wurden durch Messerstiche und Schüsse schwer verwundet, so daß sie nach den Hospitälern geschafft werden mußten. Kosaken und Polizei umringten die Teehalle des Verbandes echt russischer Leute und nahmen vergeblich Haussuchung vor. Charakteristisch für das ganze Treiben ist die Mitteilung, daß ein Rädelsführer beim Ueberfall aus ein jüdisches Haus verhaftet, jedoch nach väterlicher Ermahnung durch den Generalgouverneur wieder freigelaffen wurde. Aber man fürchtete sich eben vor der schwarzen Gaunerbande, die heute das große Wort im Lande führt. Wie es heißt, so kam vor etwa zwei Monaten der bisherige Stadthauptmann Grigoriew aus Odessa nach Petersburg, um dem Ministerpräsidenten Stolypin sein Leid zu klagen. General von Kaulbars, der offen mit den Rädelsführern der echt russischen Leute freundschaftlich verkehrte und Huldigungen ihrerseits entgegennahm, begünstige die ruchlosen Treibereien des wilden Gesindels und sähe ruhig zu, wie die „echt russischen" Hooligans Menschen in den Straßen überfielen und verletzten. Die Presse, die nichts gegen den Verband schreiben dürfe und ganz geknebelt sei, berichte nicht einmal den zehnten Teil von all den Greueltaten, die sie begehen. Er fügte dem Ministerpräsidenten hinzu, daß seine, Grigoriews, Autorität allein nicht ausreiche, um Metzeleien zu verhindern, weil General Kaulbars alle seine Pläne, die auf Erhaltung der Ordnung gerichtet seien, durch Gegenbefehle vernichte. Der Ministerpräsident erwiderte Grigoriew resigniert, daß auch er demgegenüber machtlos wäre, weil alle seine Anordnungen nichts nützten, die Generalgouver,teure kümmerten sich nicht um sie; er wäre aber bereit, Grigoriew eine Audienz beim Zaren zu erwirken. Die Audienz hat auch stattgefunden. Aber der Zar empfing Grigoriew und trug dabei auf feiner Uniform ein Abzeichen des Verbandes der echt russischen Leute. Natürlich berichtete Grigoriew dem Zaren über alles andere, nur nicht über die „Tätigkeit" des unter dem Schutze des Zaren stehenden Verbandes. 4 L k i

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