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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-06 · Heft 36 (6.9.1907) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Ihre werten Leser interessieren werden. Mit christlich-sozialen Grüßen hochachtend! (Folgt die Unterschrift eines pensionierten Gendarmen.)" — Stuttgart, 29. August. Ein längst gefühltes Bedürfnis auf dem Gebiete des höheren Schulwesens hat, wie wir bereits berichteten, endlich die ersehnte Befriedigung gefunden. Eine gesetzliche Verpflichtung zum Besuch des Religionsunterrichts ihres Glaubens hat nämlich bisher, in sonderbarem Unterschied von den Angehörigen der andern kirchlichen Bekenntnisse, sür die israelitischen Schüler an den höheren Schulen in Württemberg nicht bestanden. Gelegenheit dazu war vielfach geboten; sie wurde auch in weitem Umfange benutzt, und die Schulleitungen wurden angeregt, diesen Unterricht durch Schaffung und Erleichterung der äußeren Bedingungen von Zeit und Ort und durch moralische Einwirkung auf die Schüler zu unterstützen. Trotzdem hat der Mangel an ausgesprochener Verpflichtung und der damit verbundenen festen Ordnung manchen Anlaß zur Unregelmäßigkeit, Launenhaftigkeit und Willkür gegeben, die nicht bloß für die mit dem Unterricht beauftragten Lehrer, sondern auch für die Schulleiter vermöge ihrer unklaren Zwischenstellung nicht selten Unlust und Widerwärtigkeit mit sich brachten. Eine vom Ministerium des Kirchen- und Schulwesens neuestens erlassene Verfügung bestimmt nun vom Beginn des nächsten Schuljahres an die Einführung des obligatorischen Unterrichts in der israelitischen Religion für die im volksschulpflichtigen Alter stehenden israelitischen Schüler der Oberklassen. Für den Unterricht im Hebräischen ist dabei die Möglichkeit der Dispensation auch auf der unteren Stufe vorgesehen. Die näheren Voraussetzungen und Einschränkungen in der Durchführung der neuen Ordnung können hier übergangen werden. Hervorgehoben muß werden, daß die Kosten ausschließlich von den jüdischen Gemeinden zu tragen sind, daß aber die Voraussetzung ausgesprochen wird, die unentgeltliche Uebertassung von Schulräumen und deren unentgeltliche Heizung und Beleuchtung werde kaum irgendwo auf Widerstand stoßen. Die erstere Voraussetzung schmeckt angesichts des vielfach herrschenden Raummangels in den höheren Schulen etwas nach dem grünen Tische. Nachdem einmal in Württemberg das höhere Schulwesen nicht nach den Grundsätzen des religionslosen, sondern des simultanen Unterrichts geordnet ist, kann eine der Parität sich wenigstens allmählich annähernde Behandlung der israelitischen Kirchengenossen nur als ein Fortschritt in der Richtung der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit angesehen werden, und man kann sich höchstens darüber wundern, daß die Verwirklichung dieser Forderung so langer Zeit bedurft hat, und daß sie nun immer noch nicht in vollem Umfange erreicht ist. — Stratzburg i. E., 1. September. Von zuverlässiger Seite verlautet, daß demnächst eine vollständige Neuregelu-ng unserer Kultusorganisation vorgenommeu werden soll. Namentlich sollen genaue Bestimmungen getroffen werden über das Verhältnis der Konsistorien zu den Rabbinern, Lehrern, Kantoren und den Gemeinden. Es wäre im höchsten Grade wünschenswert, daß die Konsistorien zu diesem Zwecke auch die Meinung der hervorragendsten Gemeindevorsteher, Rabbiner, Lehrer und Kantoren befragten, damit ein wirklich brauchbares und nützliches Werk geschaffen werde. Auch sollte, wie das seinerzeit in Altdeutschland geschah, der Entwurf der Oeffentlichkeit unterbreitet werden. Gesterretch-Unssrn. ' D Wien, 2. September. Der einzige Redner, der beim diesmaligen Katholikentage die antisemitische Note anschlug, kam natürlich aus Oesterreich. Es war der Vertreter der Zentralorgauisation der Katholiken Oesterreichs, Pater Graf von Galen aus Kloster Emm aus bei Prag. Er brachte die fürchterliche Enthüllung nach Würzburg: „Die Freimaurer, Sozialdemokraten und Juden wollten der katholischen Kirche den Todesstoß geben wie in Frankreich, aber selbst in den Kreisen der Nichtgläubigen bürgerlichen Parteien wehrten sich schon Stimmen dagegen." Dann brachte er ein Hoch auf den „herrlichen Wiener Bürgermeister" Dr. Lueger aus. Und dann hatte er sein Werk getan. — Ein Lichtstrahl in trüber Zeit ist die Ernennung des ersten jüdischen Statthaltereirats in Oesterreich. Der Regierungsrat und Landes-Sanitätsinspektor der mährischen Statthalterei, Dr. Spitzer, wurde zum Statthaltereirate und Landes-Sanitätsreferenten in Mähren ernannt. Dr. Spitzer führt ein Referat, das neben dem Schulwesen das wichtigste des öffentlichen Dienstes bildet. Es ist diese Ernennung eine um so ehrenvollere, als Spitzer aus seinenl Judentum fein Hehl macht; er ist Obmann des Kuratoriums des mährisch-jüdischen Landesmassafonds, Präsident des mährisch-jüdischen Waiseuhilfsvereins/ Obmann der Schulsektion des israelitischen Kultusvorstandes, war stets ein eifriger Vertreter und Anwalt jüdischer Gemeinde- und Schnlinteressen, erzieht seine Kinder im Glauben der Väter, und all das, nebst der erbitterten Opposition der tschechischen Presse und verwandter Cliquen, war nicht imstande, seine auf einstimmigen Vorschlag des obersten Sanitätsrates erfolgte Ernennung zu hindern oder gar zu Hintertreiben. Es folgt hieraus, daß wahre Tüchtigkeit, hingebender Pflichteifer und Unantastbarkeit des Charakters sich allen Widerständen zum Trotze dennoch durchsetzen, und daß vor dem echten Verdienste selbst das Vorurteil und die konfessionelle Unduldsamkeit sich beugen müssen. — Der Direktor des Allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstummeninstitutes, Dr. Mori tz Bru nner, der die Anstalt bereits durch 22 Jahre leitet und sich durch seine zahlreichen wissenschaftlichen und sachschriftstetterischen Arbeiten um die Entwicklung des Taubstummenbildungswesens hervorragende Verdienste erworben hat, hat den Titel „Kaiserlicher Rat" erhalten. — Elk an Steiner, der voriges Jahr in Wien gestorben ist, hat die israelitische Kultusgemeinde Eibenschitz (Mähren) zur Haupterbin seines mehr als eine Million Kronen betragenden Vermögens eingesetzt. — Der mährische Rabbinerverband hat seine Generalversammlung in Mährisch - Ostrau abgehalten. Hauptgegenstand der Beratungen bildete die traurige materielle Lage der Rabbiner und deren Hinterbliebenen in Mähren. Es wurde eine Kommission eingesetzt, die sich mit den in dieser Angelegenheit zu ergreifenden Schritten befassen soll. Vun Sah und jfern. — Folgenden Handelsrichtern: dem Kaufmann Hugo Deutsch und dem Rentier Louis Paderstein in Berlin, ist der Rote Adler- Orden IV. Klasse, dem Kommerzienrat Max Leon, Kaiserlicher Generalkonsul von Persien, das Qffizierkreuz des italienischen St. Mauritius- und Lazarusordens verliehen worden. — Am 29. v. Mts. starb nach kurzer Krankheit au einem Herzleiden im Alter von 47 Jahren der stellvertretende Direktor der Darmstädter Bank, Herr Felix Bamberger. — Der in Königsberg verstorbene Kommerzienrat Lucian Lewandowski, dessen Ableben kürzlich gemeldet wurde, war kein Jude. — In Filehne ist der Stiftsrabbiner Hermann Bodanski, der drei Jahrzehnte hindurch seine hervorragende Gelehrsamkeit zum Wohl und Nutzen der Gemeillde in den Dienst des dortigen Beth-Hamidrasch gestellt hat, verschieden. — In Forst i. L. ist der Kaufmann Louis Schuft an, der Vorsitzende des dortigen Nepräseutanten-Kollegiums, nach längerem Leiden gestorben. — In Breslau feierte Herr Hermann Hamburger, eines der angesehensten Mitglieder der Gemeinde, unter allgemeiner Teilnahme weiter Kreise, seinen 70. Geburtstag. Die Lehrer und Schüler der Industrieschule, deren Vorsteher er ist, beglückwünschten den Jubilarin besonders herzlicher Weise. — An Stelle des nach Franken stein verzogenen Kultusbeamten Alexander wurde der Kantor Isidor Glückstein aus Steinau a. O. zum Kultusbeamten der Synagogengemeinde Strieg au gewählt.—Anläßlich der Anwesenheit Sr.Majestät des Kaisers in Hann ober sind die Herren Senator Leopold Fischer- Linden, Vorsitzender der dortigen jüdischen Gemeinde, und Geheimer Kommerzienrat Caspar mit dein Roten Adlerorden IV. Klasse, Bernhard Loewenstein daselbst mit dem Kronen-Orden IV. Klasse ausgezeichnet, die Herren Bankiers Emil L. Meyer und Spie gelb erg zu Kommerzienräten ernannt worden. — Die mittel fr an kische Handels kam mer veranstaltet eine Umfrage über die Behandlung jüdischer Geschäftsreisender in Rußland, um eventuell bei der bayrischen Staatsregierung eine Aktion zur Beseitigung bestehender Mißstände zu beantragen. — Die neue Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt a. M., an der Friedberger Anlage, wurde am 29. v. Mts. durch einen Festgottesdienst ihrer Bestimmung übergeben. Das Gotteshaus ist von den Berliner Architekten Jürgenseu und Bachmann im romanischen Stil erbaut worden. — Am 1. September waren 40 Jahre verflossen,

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