Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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71. Jahrgang. Nr. 36. Berlin, 6. September 1907. Der Gemeindevote. Driisgr zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums. Korrrsponden-m und Mschrichlen. Deutschland. s. Berlin, 2. September. Die Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden findet in diesem Jahre, wie schon kurz mitgeteilt, am 13. Oktober 1907 in Frankfurt a. M. statt. Sonnabend, 12. Oktober, soll gegen abend in den Räumen der Frankfurt-Loge eine Vorbesprechung der anwesenden Delegierten stattsinden, der sich in dem großen Saale derselben Loge eine Begrüßungsfeier und Bewirtung anschließen wird. Am Sonntag den 13. Oktober beginnt frühmorgens die Arbeit mit einer gemeinschaftlichen Sitzung der Korrespondenten des Verbandes, worauf um 11 Uhr die Hauptversammlung selbst in den Räumen des Saalbaues eröffnet wird. Auf der Tagesordnung stehen nunmehr, nachdem Herr Dr. Nathan durch eine Auslandsreise am Erscheinen verhindert ist, folgende Vorträge: 1. Geheimrat Professor Dr. Cohen-Marburg ..Religiöse Postutate". 2. Professor Dr. Philippson - Berlin „Staatsinteressen und Judenpolitik". Korreferent Rechtsanwalt Dr. Loeb-Mainz. Die Hauptversammlung ist eine öffentliche. Am Abend der Hauptversammlung werden die Teilnehmer zu einem Festmahl im großen Saal der Frankfurt-Loge nochmals zusammentreten. Die Einladungen werden in den nächsten Tagen verschickt; eine erfreuliche Beteiligung steht zu erwarten. §2 Berlin, 3. September. Das deutsche Bureau der Allia nee Israelite U ni verse Ile berfenbet ben folgenden Aufruf zugunsten der unglücklichen Juden in Marokko, den wir allgemeiner Teilnahme dringend empfehlen: Hochgeehrter Herr! Das Elend unserer marokkanischen Glaubensbrüder, zu jeder Zeit groß, hat sich durch die jüngsten Ereignisse noch unermeßlich gesteigert. Die Gemeinde von Casablanca, die vor kurzem 6000 Seelen zählte, ist durch Gewalttaten von Mauren und Kabhlen dezimiert und unter namenlosen Greueln um all ihr Hab und Gut gebracht worden. Die Alliance Israelite Universelle hat unverzüglich in die Stätte der Verwüstung Hilfe geschickt, hat die Bedrängten mit Nahrung und Unterkunft versehen. Doch der Bedarf übersteigt die bereiten Mittel, und leider ist zu befürchten, daß die Zahl der Bedürftigen sich noch mehren wird. Die Alliance Israelite Universelle, die seit einem halben Jahrhundert die Fürsorge für unsere bedrückten Glaubensgenossen sich zur tagtäglich geübten Pflicht gemacht hat, an die sie nicht durch Katastrophen erinnert zu werden braucht, wendet sich in der Not des Augenblicks an Sie mit der Bitte, anläßlich der bevorstehenden Feiertage der heimgesuchten Brüder in Marokko zu gedenken. Nehmen Sie freundlichst auch von Freunden und Bekannten Gaben entgegen und führen Sie sie uns zu. Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle (Berlin N. 24, Oranienburger Straße 42/43) vermittelt die Ueberleitung der Spenden nach Marokko. Die Alliance Israelite Universelle hat das Hilfswerk von altersher organisiert. Ihre Vertrauensmänner und Sendboten sind landeskundig und bei den Behörden legitimiert; sie verstehen die Unterstützungen an die rechte Stelle zu leiten und für die rechte Verwendung zu sorgen. Wir hoffen sehnlichst, daß wir keine Fehlbitte getan haben, und begrüßen Sie unter herzlichen Neujahrs-Glückwünschen mit aller Hochachtung Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle Geheimer Kommerzienrat L. M. Goldberger, Präsident, Charles L. Hallgarten, stellvertretender Präsident, M. A. Klausner, Geschäftsführer. s. Berlin, 3. September. Der Unterrichtsminister hat Erhebungen veranlaßt, in welchen Fällen der jüdische Religionsunterricht noch von Schächtern und Vorbetern erteilt wird. Es scheint, so schreibt man der „Frkf. Ztg.", die Absicht zu bestehen, diese Kategorien von Religionslehreru auszuschalten. Die Anregung geht von jüdischen Lehrern ans. Ob diese Angabe des genannten Blattes zutrifft, lassen wir dahingestellt. Uns ist von einer solchen Anregung bisher nichts bekannt. s. Berlin, 2. September. Der Kaufmann A. Ascher in Halberstadt erhielt seitens des Amtsgerichts seines Wohnortes die Vorladung, in einem Beweisaufnahme-Verfahren am Versöhnungstage als Zeuge zu erscheinen. Auf sein Gesuch um Verlegung des Termins erhielt er den Bescheid, daß das jüdische Versöhnungsfest kein allgemeiner Festtag sei, und daß deshalb der bereits anberaumte Termin nicht verlegt werden könne. Entscheidungen dieser Art sind nicht vereinzelt, wiederholen sich vielmehr fast alljährlich. Es erscheint deshalb geboten, darauf zu verweisen, daß seit nahezu dreißig Jahren eine Verlautbarung des Reichskanzlers vorliegt, auf Grund deren ein Dispens vom Erscheinen vor Gericht am Jom-Kippur zwar nicht ■ gefordert, aber nach den geltenden Gesetzesbestimmungen gewähr^! werden darf. Wir haben diese bereits vor längerer Zeit wörtlich mitgeteilt. 8. Berlin, 2. September. Im jüdischen Mädchen st ist, i Berlin, Lothringer Straße 16, welches unbemittelten Mädchen in einem besonderen Heim unentgeltlichen Unterhalt und Ausbildung für den; Dienstbotendienst gewährt, werden zum 1. Oktober einige Stellen neu besetzt. Anmeldungen sind an den Vorsitzenden, Dr. Strelitz, Schönhauser Allee 162 zu richten. 8. Berlin, 1. September. In die Zusammensetzung der Berliner Bevölkerung gibt der soeben erschienene „Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin in den Verwaltungsjahren 1901—1905" bemerkenswerte Einblicke. Nach dem Religionsbekenntnis waren evangelisch über vier fünftel (1 695 251), katholisch ein reichliches Zehntel (223 948) und nur ein Zwanzigstel waren Juden (98 899). Die Katholiken haben seit 1900 um 18 v. H. zngenommen, dagegen sind die Juden und noch mehr die Evangelischen hinter der allgemeinen Bevölkerungszunahme, die 8,01 v. H. betrug, mit Anteilen von 7,3 und 6,4 v. Hundert zurückgeblieben. r. Danzig, 1. September. Am vergangenen Sonnabend hatten sich in der neuen Synagoge die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in sehr großer Zahl zu einer Abschiedsfeier vereinigt, die zu Ehren des von hier scheidenden Rabbiners Dr. Freudenthal veranstaltet worden war. Auch das Vorstandsitnb Repräsentantenkollegium war zu dieser Feier vollzählig erschienen. Feierliche Gesänge, ausgeführt vom Chor der Neuen Synagoge und dem Kantor, leiteten die erhebende Feier ein. Mit bewegten Worten nahm der Herr Rabbiner Abschied von seiner Gemeinde, der er sieben Jahre hindurch seine ganze Kraft gewidmet hatte. Dann sprach er zürn letztenmal den dreifachen Priestersegen über die versammelte Gemeinde ans, und der Chor sang den 121. Psalm: „Gott behüte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in Ewigkeit!" Im Anschluß an den Gottesdienst versammelten sich der Vorstand und die Repräsentanten der Gemeinde im Nabbinatszimmer und der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Jnstizrat Steinhard, richtete an Herrn Dr. Freudenthal eine Ansprache, in der er die vielen Verdienste würdigte, die sich der Scheidende um die Gemeinde während seiner hiesigen Wirksamkeit erworben hat. Im Aufträge des Vorstandes überreichte der Redner dem Geistlichen als Zeichen der tiefen Dankbarkeit eine wertvolle Alte Danziger Uhr. Ferner widmete er ihm ein Diplom des Vereins fürjüdische Geschichte und Literatur, dessen Vorsitzender Herr Dr. Freudenthal gewesen ist, und teilte mit, daß der Vorstand des Vereins in Anerkennung der vielen Verdienste, die sich Herr Dr. Freudenthal um den Verein erworben habe,, beschlossen hätte, ihn zum Ehrenmitglied des Vereins zu ernennen. Tiefbewegt dankte der also Gefeierte für