Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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IRabbt Nmnon. abbi Amnon war ein guter Freund des Mainzer Fürstellhofes. Alle Frauen, alle Ritter Liebten es mit ihm zu sprechen. Eines Tages gab der Kurfürst Auf dem Schlosse ein Gelage. Auch den Nabbi Amnon sah man An des Fürsten Seite sitzen. Und als die Pokale klangen, Und die Frauenherzen glühten. Hob der Kurfürst seinen Becher Und er sprach zur Tafelrunde: „Wir sind alle eine Seele, Einer fühlt es mit dem andern, Wenn die jungen Büsche sprießen Und die Blütenkronen leuchten. Wir sind alle treue Brüder Einer reinen Gotteslehre, Jeder Fremdling sei willkommen, Der zu unserm Gotte pilgert. Rabbi Amnon, sieh den Becher, Der von Diamanten funkelt, Sieh die Bilder an den Wänden, Sieh die reichen Purpurdecken. Diese Pracht sei dir gegeben, Willst Tu unserm Gotte dienen. Rabbi Amnon, Deine Lehre Ist so arnl und ist so düster ..." Da erzitterte der Rabbi, Seine Lippen schienen blutlos, Und auf seiner bleichen Stirne Hoben sich die blauen Adern. ltnd es zuckten seine Augen lind er sprach mit hohler Stinllne: Eine Sage von Adolph Donath-Berlin. „Kurfürst, meine Antwort will ich In drei Tagen Dir verkünden." * Dreimal hatte schon die Nacht sich In den hellen Tag gewandelt, Dreimal sandte schon der Kurfürst Seine Ritter nach dem Rabbi. Und es schrie der Kurfürst zürnend: „Will der Jude nicht gehorchen. Legt ihm Ketten um den Arm, Schleppt ihn her zu meinen Füßen." Wieder klangen die Pokale, Wieder hob der Fürst den Becher Und er sprach zu Rabbi Amnon, Der als Sklave vor ihm kniete: „Jude sprich! Bei diesem Becher, Der die Augen Dir geblendet, Schwör' ich's, mußt Du selber eine Strafe über Dich verhängen!" Lange schwieg der Rabbi Amnon . . . Sterne standen schon am Himmel, Als er ries: „Die Zunge, Kurfürst, Die Bedenkzeit sich erbeten. Meine Zunge, die gelogen, Las; mir aus dem Munde reißen!" Also wollte Rabbi Amnon Seine große Sünde büßen. Doch der Kurfürst lachte höhnend: „Deine Zunge soll Dir bleiben, Aber Deine krummen Füße, Die mir dreimal nicht gehorchten, Will ich meinem Messer opfern, Und desgleichen sollen Deine Jndenhände, Deine Nase Deine Ohren ihm verfallen." Da erhoben sich die Ritter. Wie verrohte Henkersknechte. Packten sie den alten Juden Und vollführten die Befe hle. * * Dreimal hatte schon die Nacht sich In den Hellen Tag gewandelt, Rausch Haschonoh war's. Die Juden Wallten in Iehovahs Tempel. Und den armen Rabbi Amnon Trug man vor die heil'ge Lade. Und bevor man Kodausch sagte. Rief der Rabbi zu Jehovah: „Alle Wesen, die da pilgern, Zählst du, wie ein Hirt die Herde, Und verhängst ihr Los, bestimmst den Lebensgang der Kreaturen. Am Neujahrstag wird's geschrieben, Am Versöhnungstag besiegelt, Wer da leben, wer da sterben, Wer sein Ziel verfehlen sollte, Wer durch Feuer, wer durch Wasser, Wer durchs Schwert im Kriege, wer durch Hungersnot erliegen sollte, Wes der Ruhm ist, wes die Schande, Wes der Reichtum, wes die Armut. Aber Reue und Gebete Und die Nächstenliebe wenden Ab das drohende Verhängnis." — Also dichtete der Rabbi . . . Und es leuchtete sein Antlitz, Ehe ihn sein großer Schöpfer Von den; Erdenleid erlöste. <——» Literarische Mitteilungen. — Die endgültige Konstituierung der literarischen Gesellschaft „Sinai" zur Förderung des hebräischen Schrifttums hat nunmehr erfreulicherweise stattgefunden. Der Sitz dieser Gesellschaft ist in Berlin, das sich immer mehr zu einer Art Zentralpunkt sür alle jüdischen Angelegenheiten ausbildet. Es wird angestrebt, größere Mittel zur Förderung der hebräischen Literatur herbeizuschaffen, um ausschließlich uur solche Schriften zu veröffentlichen, die durch ihren ernsten Inhalt und ihre wissenschaftliche Gediegenheit auf ein größeres Lesepublikum von vornherein nicht rechne;; können und somit zu ihrer Veröffentlichung einer materiellen Unterstützung bedürfen. Die Gesellschaft „Sinai" bezweckt nur ernste Schriften aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Altertumsforschung, der älteren jüdischen Literaturgeschichte und der Religionsphilosophie zu publizieren. Sie hat sich bereits ein wissenschaftliches Organ geschaffen, die Quartalschrist „Haatia", die vom 1. Oktober in der Stärke von 15 Bogen Großoktav erscheinen wird. Ter bereits erschienene Prospekt dieser gediegenen Zeitschrift läßt darauf schließen, daß die Leiter der Gesellschaft, ein Kollegium von hervorragenden Gelehrten, ihre Ausgabe sehr ernst auffassen. Es sind Abhandlungen über viele wichtige Probleme des Judentums angekündigt. Obwohl die hebräische Sprache jetzt zumeist nur von osteuropäischen Juden literarisch gehandhabt wird, ist doch zu hoffen, daß auch die westeuropäische Judenheit diesem kulturell ungemein wichtigen Unternehmen Interesse und Teilnahme entgegenbringen wird. Für alle Zuden, denen es mit der Erhaltung und Fortentwicklung des Judentums ernst ist, besteht die Pflicht, die Sprache unserer Propheten und Psalmisten, unserer großen Dichter und Religionsphilosophennicht der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Und es ist bezeichnend für den richtigen Blick, den die Leiter der Gesellschaft „Sinai" bekunden, daß sie neben der Veröffentlichung wissenschaftlicher Schriften von zeitgenössischen Autoren auch die Uebersetzung der epochemachenden Werke auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums in deutscher, französischer und englischer Sprache (Zunz, Geiger, Steinthal) planen. Es sind bereits für diesen Zweck ziemlich beträchtliche Mittel teils eingezahlt, teils von Freunden der hebräischen Sprache zugesagt worden. Wir hoffen bestimmt, daß auch in Deutschland Unterstützung für dieses Unternehmen, das wir aufs freudigste begrüßen, zu finden sein wird. Eme ausführliche Ankündigung über das schon in der nächsten Zeit in Angriff zu nehmende Werk des „Sinai" wird wohl bald erscheine;;. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.