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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-06 · Heft 36 (6.9.1907) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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„Nein das nicht, nur fürchtet er, der Fluch werde hineinkommen — der Kredit werde ausbleiben." * * * Morgens, noch bevor der Schames (Bote des Kultusvorstandes) kam, um mich überall hinzuführen, meldeten sich bei mir einige Juden, sie waren neugierig, den „Verschreiber" zu sehen. Ich wollte absichtlich eine Probe machen und wandte mich an einen. „Guten Morgen, mein Freund!" „Guten Morgen, Lokalem — Alechem." Er reichte mir träge die Hand. „Wie heißen Sie, mein Freund?" „Levi Jizchvk." „Wie ist Ihr Familienname?" „Wozu braucht Ihr dies zu wissen?" „Ist es denn ein Geheimnis?" „Ob Geheimnis oder nicht, aber Sie können mir doch sagen, wozu Ihr dies zu wissen braucht, dies ist ja gewiß kein Geheimnis." „Ihr wißt es nicht?" „Ich weiß es nicht genau." „Und nun saget mir doch Euren Namen." „Bärenpelz", antwortet er endlich ungeduldig. „Habt Ihr eine Frau?" „eit!" „Was bedeutet 8t?" „Er will sie scheiden" — antwortet für ihn ein zweiter. „Wieviel Kinder?" Dies muß er erst nachzählen, und er beginnt an den Fingern zu zählen: „Von der ersten Frau, meine Kinder eins, zwei, drei — ihre eins, zwei — von der zweiten Frau" — Er wird des Zählens überdrüssig. „Sollen es sechse sein!" „Sollen es sein, ist keine Antwort, ich muß es genau wissen." „Da, sehet Ihr, genau müsset Ihr es wissen, wozu? Dieses „genau" gefällt mir nicht. Wozu braucht Ihr genau zu wissen? Ihr seid doch kein Beamter. Zahlt man Euch denn dafür? Kontrolliert Euch jemand?" „Genau!" fügt er ironisch hinzu. „Sage doch," reden ihm die anderen zu, „wenn Du schon begonnen hast, so antworte richtig." Sie sind neugierig, welche Fragen ich weiter an sie stellen werde. Er rechnet nochmals an den Fingern und hat Gott sei Dank noch drei znsammengezählt. „Neune sind's, sie sollen gesund und stark sein." „Wieviel Söhne und wieviel Töchter?" Er zählt nochmals. — „Vier Söhne und fünf Töchter." ■ „Wieviel Söhne und Töchter habt Ihr bereits verheiratet?" „Dies braucht Ihr auch zu wissen? Wozu?" Die anderen werden schon ungeduldig. „Sage schon rascher, mach ein Ende." „Drei Töchter und drei Söhne," antwortete jemand statt ihm. Ich schreibe und frage weiter: „Habt Ihr beim Militär gedient?" „Ich hatte eine Quittung, 400 Rubel bezahlt. Wo nehme ich jetzt dieses Geld?" ächzt er im stillen. „Und die Söhne, dienen die?" „Der Aeltere hat eine Beule am rechten Auge und ist auch so krank, in drei Militärspitälern hat er gelegen, es hat mich Geld genug, mehr wie eine Hochzeit gekostet und endlich hat man ihn vom Regiment zurückgeschickt. Der zweite zog eine Freinummer und der dritte dient —." „Und seine Frau?" , „Natürlich ist sie bei mir, was gibt's da viel zu fragen?" „Sie könnte doch bei ihrem Vater sein." „Ein armer Teufel." „Habt Ihr ein eigenes Haus?" „Natürlich!" „Wieviel ist es wohl wert?" „Wenn es in Samosc wäre, würde es wohl wert sein, aber hier ist es keinen Dreier wert, nur das wir haben, >vo zu wohnen." „Welches Geschäft habt Ihr?" „Wer hat ein Geschäft?" „Nun, wovon ernährt Ihr Euch?" „Dieses meint Ihr? Man lebt?" „Wovon?" „Vom lieben Gott! Wenn er gibt, hat inan!" „Er wirft doch nicht vom Himmel herunter!" „Er wirft doch vom Himmel! Ich weiß, wovon ich lebe. Ich brauche sehr viel, vier Rubel gewiß die Woche!" Daun beginnt er mit Stolz: „Geld habe ich Gott sei Dank nicht! Weder ich, noch all die Inden, die da herumstehen, noch überhaupt Juden! Außer vielleicht die Deutschen in den großen Städten. Wir haben kein Geld! Ein Handwerk verstehe ich nicht, mein Großvater hat keine Stiefel genäht! Und doch wenn der liebe Herrgott will.' so lebe ich, und ich lebe schon so einige und fünfzig Jahre! Und braucht man ein Kind zu verheiraten, so macht man Hochzeit und man tanzt!" „Also kurz gesagt, was seid Ihr?" „Ein Jude!" „Was macht Ihr die ganzen Tage lang?" „Ich lerne, ich bete. Was macht ein Jude? Nach dem Essen gehe ich auf den Markt." „Was macht Ihr am Markte?" „Was ich tue? Was sich gerade läßt. Gestern zum Beispiel hörte ich im Vorbeigehen, daß Jone Burak für einen Puriz (Gutsbesitzer) drei Balken kaufen wolle; beim Morgengrauen war ich schon beim zweiten Puriz, von dem ich wußte, daß er zuviel Balken habe, vereinigte mich mit Jone Burak, und wir verdienten zu je eineinhalb Rubelstücke." „Ihr seid also ein Makler?" „Weiß ich? Mal fällt mir ein, kaufe ich einen Zentner- Getreide!" „Nur mal!" „Was heißt nur mal?" „Wenn ich gerade den Rubel habe, so kaufe ich." „Und falls Ihr ihn nicht habt?" „Schaffe ich mir einen." „Auf welche Weise?" „Was heißt „auf welche Weise?" Und so dauerts eine Stunde lang, bis ich endlich herausbringe, daß Levi Jizchok Bärenpelz ein Stückchen Dajan (Schiedsrichter), ein kleiner Maller, manches Mal Kaufmann, ein klein wenig Vermittler ist, und wenn's ihm gerade einfüllt, geht er als Sendbote. Und von all diesen ausgerechneten und vergessenen „Gewerben" bringt er, wenn auch sehr kümmerlich, Brot für sein Weib und Kinder heraus, ja sogar für seine verheiratete Tochter, da ihr Schwiegervater gar zu arm ist!

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