Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5! WVMMWMMMWWMMWMWW Bei all den Sorgen geht ihm Rapaport nicht aus dem Sinn. „Von Napciport" — klagt er in einem Schreiben vom 16. November 1836 — „ist lange nichts eingegangen, noch länger nichts erschienen— zum großen Nachteile der Literatur. Daß ein solcher Geist Handwerksarbeiten verrichteir muß! Doch ich schließe, da Gegenwärtiges eigentlich kein Brief sein soll." 1837 tauschen die Freunde ihre Gedanken nur einmal aus. Am 18. März 1838 schreibt Zunz an Michael: „Wie sehr muß ich bedauern, daß Sie nichts herausgeben, und daß ich nicht in Ihrer Nähe bin. Wie ich höre, korrespondieren Sie mit Delitzsch und haben ihm Anmerkungen und Aehnliches zu seinem Werke versprochen." Da Michael, ein viel beschäftigter Kaufmann, in den letzten Jahren auch augenleidend und außerdem durch Familienangelegenheiten nicht immer zum Schreiben aufgelegt war, so vermochte er nicht. Zunz' Briefe nach dessen Wunsch immer pünktlich und erschöpfend zu beantworten. Dieser aber, im Glauben, daß der Freund ihn vergessen hatte, ist darüber ungehalten und schreibt an ihn unter dem 7. Januar 1839: „Wenn Sie übrigens nicht mehr zu einer derartigen Korrespondenz aufgelegt sind, so schreiben Sie es mir gerade heraus: besser ein gewisses Nein als eine hingezogene Hoffnung. Wenn ich auch die Ueberzeugung habe, daß eine mündliche Besprechung jenes frühere Verhältnis wieder Herstellen würde, so Hilst die nicht, wenn sie nicht angewendet werden kann, da ich fürs erste nicht reisen kann. Ich hege übrigens gegen Sie unverändert die frühere Gesinnung, da ich Ihre gütige Bereitwilligkeit und Dienslgefälligkeit hinsichtlich meiner nicht vergesse. Das Leben entflieht schnell, und nur in der Mitteilung und dem gemeinschaftlichen Wirken liegt Genuß, der der Mühe wert ist." Michael zögert nicht, diesen Brief schon am 24. Januar zu beantworten und läßt Ende Juni ein weiteres Schreiben folgen, worüber Zunz seine außerordentliche Befriedigung ausspricht und ihm zugleich scherzend mitteilt: „Der nächste 15 Ab ist Jomtow für Israel, da ich s. G. v. 45 Jahr alt werde." In einem Brief vom 28. Februar 1840 schreibt Michael an Zunz u. a.: „Mein heutiges Schreiben geschieht auf Ansuchen des Herrn Moses Haarbleicher und noch einiger Freunde, welche wünschen Ihre Meinung über den Stadtlengsfelder Rabbiner Doktor Heß, ob er sich zum Prediger am hiesigen Tempel qualifiziert." Zunz, der wahrscheinlich die reformatorischen Bestrebungen dieses Rabbiners nicht minder als die streng konservative Richtung seines Freundes kannte, antwortet darauf ausweichend: „Den Rabbiner Namens Heß kenne ich nicht, kann also keine Meinung abgeben." Ich gestatte mir nur noch den Schluß eines Briefes von Zunz vom 9. Januar 1842 und den Anfang eines solchen vom 19. November 1844 wiederzugeben. „Literarisch füge ich diesmal nichts bei, damit Sie nicht zu unwillig werden. Aber wenn Sie nicht bald einmal schreiben, auch ohne daß ich frage, werde ich sechzig Fragen schicken." „Sehr geehrter Freund! Ihre beiden Briefe mit Nachrichten von neuen Bereicherungen Ihrer Bibliothek haben rnich mehr traurig als froh gestimmt. Was helfen alle diese Schütze, wenn sie keinen Nutzen bringen? Und was hat unser kurzes Leben überhaupt für einen Wert, wenn nichts davon der Welt verbleibt?" Der letzte Brief von Zunz, datiert vom 12. Januar 1845, enthält folgenden interessanten Passus: „Ich weiß schon, trenn s. G. w. mein Buch gedruckt sein wird, und sehe ich mich wieder ein wenig in Ihrer Sammlung um, so werde ich mich ärgern, aber so geschieht gar nichts, und immer besser ein Wenig, wie nichts. (Hebräisch:) Mir liegt es nicht ob, die Arbeit zu vollendeu." Den Schluß der Sammlung bilden drei Briefe von Michael an Zunz, die in der Kollektion der Originale nicht vorhanden sind. Ich habe die wissenschaftliche Seite dieses hochinteressanten und lehrreichen Briefwechsels nicht berührt und 430 nur das aufgeführt, was von allgemeinem Interesse ist. Ich verweise zum Schluß auf Berliners wissenschaftliche Anmerkungen zu diesen Briefen, und zwar mit dessen eigenen Worten: „Ich hoffe, diese Briefe werden nicht nur gelesen, sondern auch studiert und nach mehrfacher Richtung hin verwertet werden." Es fehlt uns leider bisher noch an einer großen Biographie von Leopold Zunz. Wir haben sogar nur wenige Beiträge zur Kenntnis seines Lebensgangs bis jetzt erhalten, und zwar von Mahbaurn, Kaufmann, Brann, Chotzner u. a. Den Menschen Zunz kennen wir aber noch wenig. Gerade nach dieser Richtung hin werden die Briefe an Michael für den künftigen Biographen, der hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, sehr wertvolle und wichtige Dokumente sein. Sie zeigen uns, daß der Meister der Wissenschaft auch ein edler, warmherziger und dankbarer Mensch gewesen ist. Das ist aber sehr bedeutungsvoll für die Erkenntnis seiner großen Individualität. £afd)icjora, rin kleines polnilch-ruMchrs Städtchen. Von I. L. Perez. Deutsch von F. Hurwitz. 4n einer dunklen Sommernacht zwischen II und 12 Uhr kam ich nach Laschzejow. Der kleine Ringplatz ist mit gebauten und gemauerten Häuschen umgeben. In der Mitte des Platzes liegen übereinandergeworsene weiße Steine. Ich komme mit dem Wagen näher herangefahren. — Die Steine bewegen sich, sie bekommen Hörner, es wird aus ihnen eine Masse herrlich weißer Ziegen. Diese Ziegen sind klüger als der Kultusvorstand in Tischiwitz, sie erschrecken nicht vor mir. (In Tischiwitz fürchtete er sich an der von mir begonnenen Statistik zu beteiligen, da dies seiner Meinung nach nie was Gutes bringe und nur neue Steuern bedeute. Vielleicht war sie nur veranstaltet, um nach unversteuertem Branntwein zu suchen.) Eine oder zwei Ziegen heben die Köpfe empor, blinzeln schläfrig mit den Augen, um dann weiter das aus der Erde spärlich sprießende Futter abzugrasen. Glückliche Ziegen! Euch verleumdet niemand. Niemand macht euch Prozesse! Ihr braucht euch vor Statistikern nicht zu fürchten! Wahr ist es, man schlachtet euch, nun, wer muß denn nicht sterben? Schmerzen, Qualen leidet ihr weniger als wir Menschen! In Tischiwitz hatte man mich vertröstet, daß es mir in Laschzejow besser ergehen würde; dort seien die Leute ruhiger, besonnener, jedenfalls werde man mir keine Unannehmlichkeiten machen, man werde mir nicht nachlaufen. Doch mein Wirt, ein alter Bekannter von mir, machte mir das Herz schwer. „Es ist doch nicht so leicht, wie man's meint", sagte er. „Und wie werdet Ihr dies machen?" fragt er. „Ihr werdet von Haus zu Haus gehen?" „Natürlich." „Wenn man Ihnen nur antworten möchte!" „Warum nicht?" „Ein Jude liebt es nicht, wenn man ihm die Kasse öffnet und nachzählt." „Er fürchtet wohl, daß der Segen nicht hineinkommen werde?"