Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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429 Indessen möchte ich, daß ich selbst heute nicht zu schreiben, sondern nur zu Ihnen zu gehen brauchte; jetzt, wo ich die Bücher vornehme, fühle ich erst, wie mir Rabbi Chajim und seine Sammlung fehlen. Ohne dies ist der hiesige Aufenthalt, der mir fast keine Subsistenzmittel darbietet, zuwider, und ich sehne mich noch Hamburg hin. Ja, wüßte ich dort eine Beschäftigung, und wäre es nur die eines Schreibers, die mir ein Drittel oder die Hälfte des Tages frei ließe, und wenigstens 25 Mark wöchentlich einbrächte, ich zöge ohne weiteres dorthin, da ich genügsam bin und Gott für das Fehlende schon sorgen wird. Sie werden sich erinnern, daß ich oft mündlich den Wunsch, in Hamburg zu bleiben, gegen Sie geäußert habe: hätte ich eine Stelle mit 1300 Mark, ich nähme sie an, wenn sie sicher und anständig wäre. Wenn Sie mir in dieser Beziehung dienen können, so werden Sie mir Ihre Mitteilungen oder Empfehlungen wohl nicht vorenthalten. Auch bitte ich Sie um Mitteilung über neu erschienene Bücher oder neue Erwerbungen von Handschriften; ich erbiete mich zu Gegendiensten, wie wohl Sie dergleichen schneller als ich erfahren. (Hier wird der Empfänger um einige literarische Mitteilungen ersucht.) Vor allem aber schreiben Sie mir, fahren Sie fort, mich mit den Schätzen Ihres Wissens zu erfreuen, die ich in einem meiner künftigen Briefe, wenn Sie vergönnen, noch ganz besonders in Anspruch nehmen werde. Ich hätte noch manche Einzelheit, über die ich mich mit Ihnen unterhalten möchte, indes will ich nicht gleich zu Anfang Ihre Geduld so sehr auf die Probe stellen. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, auch fügen Sie einen Gruß an Rabbi Eisik hinzu (dieser Rabbi Eisik, mit Familiennau'.en Berlin, war Michaels Schwager und ein Jugend- und Schulfreund von Zunz), und lassen Sie mich nicht zu lang auf Ihren Brief warten; Sie brauchen ihn nur zu adressieren: Dr. Zunz in Berlin. Und nun leben Sie wohl! Nochmals danke ich für die in Ihrem Hause verlebten Stunden der Belehrung. Der Schluß des Briefes ist in klassischem Hebräisch geschrieben und enthält ein geistreiches Wortspiel, das auf die Bibliothek und den jüdischen Vornamen des Adressaten: Chajim — Leben, sich bezieht: „Hätte ich Flügel gleich der Taube, ich flöge davon, wohnte bei den „Schützen des Lebens" unb vergäße meinen Wohnort und meine Leiden." Zunz' Gemütsstimmung kommt besonders iw dritten Brief, vom 19. Dezember 1832, zum Ausdruck: „Wenn Sie mir die Versicherung geben, daß Sie gern beitragen wollen, mir in Hamburg eine Stelle zu verschaffen, so nehme ich Sie beim Wort, dies bald zu tun, denn ohne Brot keine Thora." „Schreiben Sie mir nur geradezu, was Ihnen in meinem Werke (Gottesdienstliche Vorträge, das im Sommer 1832 erschienen ist) falsch oder tadelhaft erscheint. Wer die Zurechtweisung liebt, liebt die Erkenntnis. Mein Buch wird bereits ins Hebräische übersetzt, und zwar in Preußisch-Polen. Wie gern gäbe ich mich jetzt gründlichen Studien zur Vervollkommnung meiner Leistungen hin, aber dazu gehört Ruhe des Geistes und Muße, insonderheit Mittel, sich Bücher anzuschaffen, und Sie verstehen mich. . . Ich brauche meine Bitte wohl nicht zu wiederholen, an mich zu denken, wenn sich gute Bücher nicht teuer Ihnen darbieten, die Sie bereits haben, oder — woran ich jetzt Tag und Nacht denke und fast denken muß — eine schickliche Gelegenheit, mich in Hamburg zu placieren. Aber schreiben müssen Sie mir oft. Ich habe hier keinen Kenner und Gönner der jüdischen Literatur, und meine gelehrte Korrespondenz ist eigentlich mein Umgang." Zu den Sorgen um die eigene gesellte sich noch die Sorge um eine gesicherte Existenz für Rapaport. „So geht" — schreibt er unter dem 15. März 1833 — „unter Studien, Korrespondenzen und Mühen die Zeit dahin, und man muß sich selbst die besten Genüsse versagen. — Ja, ich wollte schon Verzicht leisten, wüßte ich nur unseren Freund Rapaport versorgt und in Ihrer Nähe. Ich denke an ihn mehr als an mich selbst, wie wohl auch für mich hier noch nichts gesorgt ist. Die sogenannten Freunde und „Kazinim" haben für mich nur Worte. Mein Trost ist, daß meine Hilfe von Gott kommen wird." Und so habe ich sünf gelehrte oder eigentlich ungelehrte Fragen an Sie gerichtet und füge denselben die Bitte hinzu, daß Sie rnir Ihren Geburtstag — Jahr und Tag — angeben, damit ich selbigen in mein Verzeichnis eintragen könne. Ich habe seit meiner Rückkehr aus Hamburg vielerlei, aber nichts Rechtes getan. Vielleicht gibt Gott, daß ich bald ein nützliches Buch, das ich mir schon ausgedacht habe, anfangen kann. Für wichtigere Unternehmungen fehlt mir Ruhe, Zeit und Geld, da ich mir keine Bibliothek anlegen und auch keine wissenschaftliche Reise antreten kann. Unsere Rothschilds haben für Unterstützungen der Art keinen Sinn; für ein Gastmahl an die Diplomaten kann ich Oxsord und Paris besuchen; so aber muß man verkrüppeln. Indes will ich mich gern bescheiden, wenn es nur irgendwo einem mit Kenntnissen und Liebe zur Wissenschaft ausgerüsteten Manne, wie Rapaport, gelingt, sorgenfrei und in einem Orte von Gebildeten und Gelehrten seine Werke ausarbeiten 31t können. „Gott gebe," lesen wir in einem Briefe vom 26. Mai 1833, „daß Rapaport uns bald näher komme. Es ist sein Wunsch, in Deutschland zu leben. Die Not, mit der dieser Manu zu kämpfen hat, entzieht uns auch seine besten Werke, als Ansche Schern und Erech Milin. Auch ich muß mich zwischen Thora und Parnusse--Sorgen teilen. Da aber die Parnusse unzureichend ist, so ist es auch die Thora. Und nun leben Sie wohl, und wenn Sie die Ihrigen von mir und meiner Frau frenndlichst gegrüßt haben, so fangen Sie alsbald den Brief an mich an. Auch wenn er nicht fertig sein sollte, schicken Sie ihn ab, denn (hebräisch) meine Seele dürstet nach Ihren lieblichen Worten." In einem vom 26. Januar 1835 datierten Brief, der einzige, dessen erste Hälfte ganz hebräisch gehalten ist, entschuldigt sich Zunz bei Michael wegen langen Stillschweigens, indem er ihm mitteilt: „Seit sechs Wochen halte ich am Montag und Donnerstag abends öffentliche Vorträge über das „Wesen der Psalmen und deren Sprache", während meine sonstige freie Zeit der „heiligen Schule" gewidmet ist, und so werde ich allmählich den jüdischen Schriftstellern unbekannt und ihren Schriften entfremdet. Nun aber habe ich einige Fragen," (die hier folgen. Dabei vergißt er nicht, an Rapaport zu erinnern:) „Man sollte etwas tun, um ihm die Herausgabe seiner Werke zu erleichtern." „Ich weiß sehr wohl," — schreibt Zunz an Michael am 27. Januar 1836 aus Prag — „daß Sie mich vergessen haben, indem Sie seit langer Zeit keinen meiner Briefe beantworten; aber damit Sie sehen, daß das Gleiche nicht bei mir der Fall ist, fahre ich fort, Fragen an Sie zu richten. Vielleicht gibt Gott eine günstige Stunde und Sie antworten bald und viel. Kurz ist das Leben, unendlich die Wissenschaft, und wenn nicht jetzt, wann denn?" — „Daß ich nächsten Sommer Prag wieder verlasse, wird Ihnen bekannt sein, aber Einzelheiten kann ich nicht schreiben, da ich nicht weiß, ob Sie etwas wissen wollen. Mit Freund Rapaport stehe ich wieder in Korrespondenz." Michael beantwortet diesen Brief schon am 1. Februar, bemerkt, sich entschuldigend, daß die Ursache seines Nichtschreibeus weder Nachlässigkeit noch Vergessenheit war. erwidert ausführlich auf acht Fragen, und schreibt dann: „Daß Sie Prag wieder verlassen, ist mir ganz was Neues. Es wäre mir sehr angenehm gewesen, wenn Sie mir die Ursache mitgeteilt hätten, da ich an Ihren Angelegenheiten herzlichen Anteil nehme." Darauf erwidert ihm Zunz am 11. April: „Meine Ansichten und Grundsätze stimmen nicht mit der politischen und religiösen Verfassung der Prager, also besser ich gehe fort. Auch ich mag nicht den Rabbanim und Parnassim der heiligen Kehilla Prag untertan sein und kann meine Zeit fruchtbarer als mit Komödie anwenden. Ich gehe künftigen Ellul nach Berlin zurück, meine Frau noch früher, und muß suchen, dort wieder so zu leben wie früher. Gesegnet der Mensch, der auf Gott vertraut." Am 2. August 1836 schreibt Zunz an den Freund Wiederaus Berlin und gibt seine Adresse Neue Friedrichstraße 67 au. Es folgt danu ein Brief am 12. August, in welchem er Michael um Auskunft über den Druck einer großen Anzahl von Werkeir ersucht, verschiedene literarische Fragen an ihn richtet, und zum Schluß bemerkt: „Ich bin hier nun schon wieder eingerichtet, Gottlob, und werde meine Parnusse finden von Gott, der auch den Raben mit Nahrung versorgt."