Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
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Wenn wir auch wähnen, wir seien reich an Liebe, so haben wir doch immer nur viel zu wenig derselben in uns, und Tag für Tag und Stunde für Stunde sollten wir an unser Herz klopfen und fragen: Haben wir die Menschen, unsere Brüder lieb?" Neuwied, diese geschichtlich so hochinteressante Stadt, hat unge- 'ähr 12 000 Einwohner, von denen etwa 400 israelitischer Konfession sind. Die Organisation der Gemeinde ist, wie die ler meisten jüdischen Gemeinden in Preußen, auf dem Gesetz >om 23. Juli 1847 aufgebaut. Die Leitung liegt in der Hand eines aus drei, beziehungsweise vier Mitglieder bestehenden Vorstandes, dem eine Repräsentantenversammlung von neun Mitgliedern zur Seite steht. Die Gemeinde besitzt eine einlassige öffentliche Volksschule, an deren Spitze der genannte Prediger und Lehrer, Herr I. Ransenberg, sich befindet- Dieser erteilt auch israelitischen Religionsunterricht am königichen Gymnasium und an der städtischen höheren Mädchenschule mit Lehrerinnenbildungsanstalt, und empfängt seine Besoldung hierfür aus den betreffenden Schulklassen. Der Gottesdienst beruht auf den Grundgesetzen der gemäßigten Reform. Die Gebetordnung ist die herkömmliche, unter Wegfall der kiutirn an den „Scholauscli Regolim" und an besonderen Sabbaten. Die Gemeinde hat Chorgesang mit Harmoniumbegleitung, deutsche Choräle und deutsche Predigt. Der Leiter des Gottesdienstes ist Herr Ransenberg. Die Thoraversammlung geschieht nach dem dreijährigen Zyklus in der Weise, daß jedes Jahr ein Drittel des betreffenden Wochenabschnittes zur Veresung kommt, so daß man eine unveränderte Anlehnung an das laufende Kalenderjahr behält. Als ich den Gottesdienst besuchte, übten auf mich einerseits die musterhafte Ordnung, die in der Synagoge herrschte und anderseits die weihevolle Stimmung, welche alle Anwesenden beseelte, eine tiefe Wirkung aus. Da gab es kein lautes Beten und kein störendes Mitüngen mit dem Vorbeter, und nur an den gemeinsamen Gesängen, sowohl den hebräischen wie den deutschen, beteiligte ich die ganze Gemeinde. In dem Gebete für den Landesherrn wird auch des angestammten Fürstenhauses gedacht. Wie schon erwähnt, zählten die früheren Grafen und späteren Fürsten zu Wied zu den duldsamsten und menschenfreundlichsten Herrschern, und die Gemeinde zu Wied hatte sich allzeit ihrer besonderen Fürsorge zu erfreuen. Der Platz, auf dem die dortige Synagoge teht, und die Steine, aus denen sie gebaut ist, waren ein Geschenk des damaligen Grafen zu Wied. Zu allen Hoffesten ivird der Prediger und Lehrer als der geistliche und erste Lorsteher, als der weltliche Repräsentant der Gemeinde, eingeladen, so daß die Gleichberechtigung aller Konfessionen kein leerer Wahn ist. Zur silbernen Hochzeit des Fürstenpaares, am 18. Juli 1896, hatte auch der Vorstand eine Adresse überreicht. Der Liebenswürdigkeit des um das Gedeihen und Blühen der Neuwieder israelitischen Kultusgemeinde hochverdienten jahrelangen ersten Vorstehers Herrn A. Lichtenstein — derselbe ist leider vor einiger Zeit verstorben — verdanke ich die Kenntnis dieser bedeutsamen Adreffe, die ich hier, da sie zur Beurteilung der Beziehungen, die zwischen dem Fürstenhause und dem Neuwieder Judentum seit uralten Zeiten obwalten, von besonderer Wichtigkeit ist, dem Wortlaute nach mitteilen will: „Hohes Fürstliches Jubelpaar! Was Liebe und Treue, was Verehrung und Dankbarkeit zu ersinnen vermag, das entströmt heute den Herzen und den Lippen vieler Tausender, um den Jubeltag unserm allverehrten Fürstenpaar zum Ausdruck zu bringen. Alles wetteifert, den heutigen Tag, an dem vor 25 Jahren die Sprossen zweieredlen Fürstenhäuser ihre Herzen und Hände zum unauflöslichen Bunde vereinigten, zu einem wahren Fest- und Freudentage zu gestalten. Da will nicht der arme Mann hinter dem reichen, nicht der Geringe hinter dem Vornehmen Zurückbleiben, denn alle lieben ja das edle Fürstenpaar; hier fallen die Schranken, welche sonst im Leben Rang und Stand, Herkommen und Gewohnheit aufzurichten pflegen. Und wo es gilt, unserm geliebten Jürstenpaar und hohem Fürstenhause Beweise treuer Anhänglichkeit, dankbarer Verehrung darzubringen, da möchten wir, die Vertreter der jüdischen Gemeinde, und alle diejenigen, in deren Auftrag wir handeln, niemals fehlen. Wie könnten wir auch je der landesväterlichen Fürsorge vergessen, mit welcher die edlen Herrscher des Hauses Wied sich unserer Gemeinde zu allen Zeiten angenommen haben? Unsere Väter haben es uns erzählt, unsere Vorgänger es uns überlieferk, daß die Entwicklung unserer Gemeinde in erster Reihe dieser landesväterlichen Fürsorge zu verdanken sei. Und leuchtet nicht als herrlichster Edelstein in den Ruhmeskränzen unseres hohen Fürstenhauses jene göttliche Tugend der Duldsamkeit, welche nicht nach Glauben und Herkommen fragt, sondern alle Menschen als Kinder eines Gottes liebend und erbarmend in schützender Obhut nimmt! So wurde die Stadt Neuwied unter dem kräftigen Schutze Eurer Durchlaucht hoher Ahnen eine sichere Zufluchtsstätte für Bedrängte und Verfolgte, und so mächtig wirkte das edle Beispiel der Herrscher, daß ein seltener Geist der Duldung, der Liebe und Brüderlichkeit die Bewohner des Fürstenhauses Wied auszeichnet. Als eine besondere Fügung der göttlichen Vorsehung aber betrachten wir es, daß das schöne Heimatland unserer allverehrten Fürstin, Eurer Königlichen Hoheit, in demselben Geiste geleitet, die gleiche hochherzige Gesinnung gegen unsere Glaubensgenossen allzeit und nicht am wenigsten in dem Kampfe der Gegenwart rühmlichst betätigt hat. Alles dessen sind wir ganz besonders heute, an dem Jubeltage unseres hohen Fürstenpaares, dankbar eingedenk, und deshalb preisen wir den Herrn der Heerscharen für die Gnade, daß er unser hohes Fürstenhaus durch ein so freudiges Ereignis beglückt hat, und aus überströmendem Herzen rufen wir: Gott segne, Gott erhalte und beglücke unser Durchlauchtiges hohes Fürstenpaar und alle Angehörigen des hohen Fürstenhauses! In tiefster Ehrfurcht Eurer Fürstlichen Durchlaucht, Eurer Königlichen Hoheit treuergebenste Vertreter der jüdischen Gemeinde Neuwied. Der Vorstand. (gez.): A. Lichtenstein, L. Lippmann, Sim. Danzig. Die Repräsentantenversammlung. Unter der Leitung des Herrn A. Lichtenstein und der in seinem Sinne wirkenden übrigen Herren des Vorstandes und des Repräsentantenkollegiums hat die Gemeinde zu Neuwied einen außerordentlichen Aufschwung genommen, und zahlreiche