Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-06 · Heft 36 (6.9.1907) · p. Seite 426

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228781--63796-3297721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

iäs vollen Residenzschloß des Fürsten von Wied — mit seiner wertvollen Sammlung römischer Altertümer und seinem selten schönen Park — hatte für mich die Stadt noch ein geschichtlich psychologisches Interesse.' Ich erinnerte mich daran, daß Neuwied 1662 vom Grafen Friedrich III. von Wied zum Schutz jeglichen Glaubensbekenntnisses angelegt und daß auf dem Lustschloß Monrepos in der Nähe Neuwieds die Tochter des Fürsten Hermann zu Wied, Carmen Sylva, wie sich die Königin Elisabeth von Rumänien als Dichterin ju nennen pflegt, geboren wurde. . . Welch tragischer Gedanke, daß aus dieser entzückenden Metropole der überlieferten Glaubens- und Gewissensfreiheit eine so poetische Fürstin auf den Thron eines Landes berufen wurde, wo die Judenverfolgungen seit Jahrhunderten gleichsam zu den berechtigten Eigentümlichkeiten gehören? Die Königin von Rumänien selbst hat ihrer Vaterstadt stets die wärmste Sympathie bewahrt und auch ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber bei zahlreichen Anlässen sich als eine hochherzige, wohlwollende und liebenswürdige Frau erwiesen. Sie hat sogar zündende Reden gehalten, in denen sie werktätige Menschenliebe für alle Konfessionen forderte. Als z. B. der Neubau des^ allgemeinen Krankenhauses in Neuwied am 13. Oktober 1901 eingeweiht wurde, erschien sie mit ihrer Mutter, der Fürstin zu Wied, zur Feier, und hielt bei diesem Anlaß eine sehr eindrucksvolle Ansprache, worin sie unter anderem sagte: „Alle für alle! Wir wollen die großen Sozialisten sein, das heißt unser Können und Vermögen, unsere Kraft und unsere Einsicht dem Dienste der andern weihen, ganz gleich in welcher Lebensstellung. Auf die Stellung kommt es ja gar nicht an, sondern auf den Menschen, der sie ausfüllt. Der Kranke, der in diesen Räumen ein Held von Mut und Geduld ist, tut an seinen Mitmenschen mehr Gutes als er es ahnt, und ist eine Säule in Gottes Tempel, mehr als er es in stillem Ausharren und seiner bescheidenen Armut wohl glaubt. Die Gesunden können sich nur schwer Rechenschaft davon geben, wie es heißt, klaglos und geduldig zu leiden, hilflos zu sein und zu lächeln, Schmerzen zugefügt zu bekommen und zu danken. Von den Verwundeten fremder Völker, mit denen man nicht sprechen kann, hat man große Dinge gelernt in dieser Beziehung, und waren die sogenannten Feinde einander Stütze und Vorbild in den Sälen und Baracken und Krankenhäusern, in den Zelten und Lazaretten, in denen es nur an allem fehlte, und in denen diejenigen, die klaglos litten, viel, viel größere Helden waren als jene, die mit frischem Mut und gesunden Gliedern die Schanzen gestürmt. Dem stillen Heldentum weihen wir diese Räume, der heiteren, wortlosen Aufopferung, dem Frieden der Selbstlosigkeit, der Arbeit in Gottes Dienst allein. Sie werden dadurch zu wahren Andachtsräumen werden, zu einer von jenen Kirchen, die nicht zur Sonntagsruhe erbaut sind, sondern zur heißen Arbeit und zum siegreichen Kampfe gegen die Uebel der Welt. Hier sollen die Körper gesund und die Seelen rein und vertrauend werden. Die hier Einkehr finden, sollen aus der gezwungenen Ruhe als bessere Menschen hervorgehen, weil sie hier gelernt, was sie haben lernen sollen, und geleistet, was ihnen aufgetragen ward, bewußt oder unbewußt. Hier soll das Mitleid wohnen, diese Himmelstochter, die nicht müde wird und nicht lässig, die nie rasten kann, weil sie immernoch etwas sieht, das gleich getan sein muß, die nie klagt, weil sie vor lauter Freudemachen zum Jammern keine Zeit hat. Das Mitleid hat schon ganz andere Kräfte geweckt wie die Selbstsucht und Geldgier, die Herrschsucht und den Ehrgeiz. Das Mitleid kennt weder Grenzen noch Schrecken, es weiß nicht einmal etwas von Opfern; denn es ist stärker und fröhlicher als was die Selbstsucht Opfer nennt. Das Mitleid soll hier wohnen und diese Räume heilig und groß machen; es ziehe hier ein an diesem Tage, um mit erleuchteter Herzensgüte hier alles zu verklären, weil es alle Welt veredelt, und um welches herbeizurufen der Erde Setbeit nicht beklagt werden sollten. Wir bitten Gott um seine Gegenwart in diesen Räumen, um seine starke Hilfe, wenn wir helfen sollen, um seine Einsicht, wenn wir voneinander lernen, was er uns lehren will." Bei dieser Feier der Einweihung des Krankenhauses, bestimmt auch für Juden, war der Prediger der Neuwieder israelitischen Gemeinde, I. Ransenberg, ebenso anwesend wie Kaplan Bast gen, der Vertreter der katholischen Pfarrgemeinde, und Pfarrer Röchling, der Repräsentant der protestantischen Gemeinde. Nachdem die Königin Elisabeth gesprochen, nahm er das Wort und brachte dem Frauenverein zur Krankenpflege und deren hoher Beschützerin zu Neuwied die Glückwünsche der israelitischen Gemeinde zur Vergrößerung des Krankenhauses dar. Auch für die israelitische Gemeinde zu Neuwied sei das Krankenhaus ein Haus des Segens geworden, wie sein wohltätiges Wirken überhaupt in allen Schichten der Bevölkerung dankbar empfunden werde. Eine solche Anerkennung berge in sich beseligenden Lohn für alle diejenigen, die ihre Dienste zum Wohl dieses Hauses bereit gestellt haben. Eingeweiht sei jetzt dieses neue Haus. Gelegt sei es in die ewig sorgende und segnende Vaterhand des allmächtigen Gottes, geweiht sei es durch königlichen Spruch und Wunsch, aber seine eigentliche Weihe werde es doch nur empfangen durch den Geist, der in diesen Räumen wohnen möge, denselben Geist, der im alten Hause geweht; durch den Geist edler Menschenliebe und hingebender Aufopferung und durch die herzinnige Begeisterung für werktätige Liebe, wie sie im Frauenverein zur Krankenpflege sich wirksam und anspvrnend erwiesen habe. Dieser Geist sei der Ausdruck wahrer religiöser Empfindung, und diese Begeisterung erhebe alle weit hinaus über jene Schranken, die sonst zu trennen schienen. „Wie einst jene Priester im Tempel zu Jerusalem das Feuer ans dem Altar nicht durften verlöschen lassen, so werden auch die Flammen edler Menschenliebe nie verlöschen. Wohl sei der neu errichtete Bau ein Werk von Menschenhand, ein Haus aus Holz und Steiu, aber dessen sei mau sich bewußt, daß diese Steine von der Liebe aneinandergefügt und die Balken durch das Mitleid emporgerichtet seien. Segnend wehe Gottes Geist durch die Räume. Möge Gottes Segen und Schutz auf diesem Hause immerdar ruhen, und möge der Herr Genesung und Heilung an Körper und Seele allen denen bringen, die, Heilung suchend, die Stätte betreten. Möge er Aerzte und Pfleger in ihrem treubereiten, rastlosen Wirken unterstützen und seine Gnade senden allen, die mitgewirkt haben, damit jeder erkenne, daß es kein frommeres Bestreben gebe, als fremdes Leid zu lindern, als die hilfreiche Hand dem Menschenbruder entgegenzustrecken. Möge der Herr sein Auge über diesem Hause offen stehen lassen Tag und Nacht." Die Menschen- und die Nächstenliebe, die Carmen Shlva in ihren Reden und Dichtungen überall betont, hatte sie als das teuerste Vermächtnis von ihrer Mutter, der schon genannten Fürstin Marie zu Wied, übernommen. Diese edle Frau hat in einem Schreiben, das die Ihrigen erst nach n dem Ableben der Fürstin Mutter erbrechen sollten, in wärmster i Weise betont, daß nur die Liebe allein imstande wäre. Glück zu bringen und alle Gegensätze im Leben auszugleichen. Wahrhaft goldene Worte enthält dieses herrliche Testament; es heißt dort unter anderein: „Grämet Euch nicht um den Kampf 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.