Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-06 · Heft 36 (6.9.1907) · p. Seite 424

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228781--63794-3297719
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

424 (Mellah) und habe es mit: angesehen. Es hat mich in hohem Maße interessiert. Ich habe keinerlei Vorurteil, denn ich kann mir recht gut erklären, wie Jahrhunderte der Unterdrückung die dortige Bevölkerung erniedrigt und ihr den Anscheitl der Heuchelei gegeben haben. Ich fühle Mitleid und Teilnahme. In den ersten Tagen nach der Besetzung mußte ich streng sein. Ich habe die Männer zu harten Arbeitsleistungen herangezogen, zur Totenbestattung, zur Straßenreinigung. Das war unumgänglich, denn in der Stadt gab es keine Araber mehr und die Soldaten wären im Feuer." „Welches Programm haben Sie den Israeliten gegenüber festgestellt?" „Ich will den Mellah reorganisieren wie die ganze übrige Stadt. Auch hierbei rechnen wir auf Sie. Sie kennen den Geist der Israeliten und haben Einfluß auf sie. Es trifft sich ganz gut, daß Sie das Oberhaupt der Gemeinde bleiben, da alle einflußreichen Personen die Stadt verlassen haben. Wir werden Ihnen die einzuführenden Reformen anzeigen und werden sie gemeinschaftlich mit Ihnen durchführen. Ich werde die gegenwärtige Uebergangsperiode benutzen, um das Judenviertel als solches aufzuheben. Ich werde die Tore sortnehmen und das Quartier gesundheitlich umgestalten. Ich wünsche außerdem durch die Israeliten selbst Reformen einzuführen. Ich bitte Sie deshalb, mir über folgende vier Punkte Bericht zu geben 1. Schaffung einer israelitischen Gemeindeverwaltung; 2. Herstellung von Beziehungen zwischen der Gemeindeverwaltung und der städtischen Zentralverwaltung; 3. Hygienische Vorschriften für "den Mellah; 4. Einrichtung einer Polizei. Auf meine Frage nach der künftigen Lage der Israeliten erwiderte der Kommandant: „Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge kann ich Ihnen unmöglich darüber Auskunft geben. Wenn die Stämme sich unterwerfen, wird der Ausfuhrhandel wieder beginnen, werden die Ladeninhaber und Kaufleute wieder Geschäfte machen. Wenn aber der Kriegszustand andauert, so werden die Armen sich als Arbeiter verdingen müssen, junge Leute werden als Dolmetscher und als Angestellte in den zahlreichen Vorratshäusern dienen können. Unter allen Umständen rechnen wir sehr auf die israelitische Bevölkerung. Ich wiederhole einen Gemeinplatz, wenn ich sage, daß sie sehr nützliche Hilfskräfte zwischen den Arabern und uns abgeben können. Wir fühlen dies heute schon. Sie dienen uns als Dolmetscher und für allerhand Auskünfte. Ich bin überzeugt, daß unter der Okkupation und mit Hilfe Ihrer Schulen die Gemeinde sich umgestalten wird. Unsere hygienischen Vorschriften und unsere Polizei wird in dem Mellah Sauberkeit, Ordnung, gute Haltung, Arbeit schaffen, und der Besuch der Europäer wird die Bewohner aufrütteln und allmählich ihre Gewohnheiten umgestalten." Ich muß hierbei erwähnen, daß diese Worte mit dem Ton besonderer Sympathie gesprochen wurden. Kommandant Mangin. ein Mann von hoher Einsicht, schien mir über die Sitten der hiesigen Israeliten vollkommen unterrichtet. Es ist ein wahres Glück, daß er an der Spitze der Stadt steht. Ich besuchte auch den General Drude. Der General empfing mich sehr schlicht. Er sagte mir, daß er von dem Werk der Alliance wohl gehört habe, sie aber nicht genau kenne. -Ich hoffe", fügte er hinzu, „lange genug hierzubleiben, um die Wiedereröffnung Ihrer Schulen zu sehen." Auf die Frage nach dem Eindruck, den die hiesigen Israeliten auf ihn gemacht hätten, erwiderte er: „Ich habe Israeliten sehr wenig gesehen. Da ich Tag und Nacht auf dem Felde sein mußte, bin ich noch nicht zur Stadt gekommen. Indessen sehe ich doch täglich die Flüchtlinge, die nach Casablanca zurückkehren. Sie schienen mir klug und geweckt." Und wie wird sich die Lage der Israeliten gestalten? „Darüber fragen Sie mich nicht. Ich habe mit den militärischen Operationen zu tun und überlasse die Sorge für die Reorganisation der Stadt dem Kommandanten Mangin. Seien Sie überzeugt, daß er alles zu ihrer Verbesserung tun wird. Ich persönlich bin überzetigt, daß die Israeliten durch die Okkupation nur gewinnen können. Die Araber werden ihre Anmaßlichkeit den Israeliten gegenüber ebenso wie gegenüber den Europäern verlieren. Rach Beendigung der europäischen Operation wird der Handel sicher einen großen Aufschwung nehmen,und dabei werden dieJsraeliten natürlich als Vermittler zwischen Arabern und Europäern dienen." Isaak Pisa. Casablanca, 19. August 1907. Ich habe die Ehre, Ihnen Abschrift zweier an den Kommam danten Mangin gerichteten Briefe und dev darauf eingegangenen Antworten zu überreichen. Es ist mir eine Genugtuung, hinzufügeu zu können, daß meine Wünsche alle erfüllt worden sind. Kow' utandaut Mangin läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um sich Ihrem Vertreter gefällig zu erweisen. Isaak Pisa Inzwischen haben die Dinge eine merkwürdige Wendung genommen: Mulah Hafid ist zum Sultan ausgerufen worden und hat alle Aussicht, durchzudringen. Er war schon als Statthalter ein Gönner der Juden. Der bekannte Arz' Dr. Michael Holzmann ist sein Leibarzt und Privatsekretär Er empfing auch in diesen Taget: eine Abordnung der Jude:: von Marrakesch und sagte ihnen völlige Sicherheit zu, indem er bemerkte, die Mauren und die Juden hätten einander nötig zur Förderung der beiderseitigen Wohlfahrt; er wünsche den Juden Frieden und Gedeihen. Allerdings brachten ihm diese Geschenke im Werte von mehr als zwei Millionen Franken. Dem Sprecher der jüdischen Deputation sagte Mulah „Wir werden über den Schutz eurer Glaubensgenosse: wachen." Lrilebrirk aus Lelterreich. Ischl, Mitte August 1907 enii alles reist und auf dem Gebiete des Wandern alle Unterschiede schwinden, die in diesen Tagen de Gleichheit leider noch immer die Menschen voneinande trennen, glaubte auch Ihr treuer Berichterstatter sein seh leichtes Ränzlein schnüren zu müssen, um zwar nicht zürn Wanderstabe zu greifen, aber um den nächsten Schnellzu benutzen zu können und diesmal die Alpen zu besuchen, di unser Oesterreich zu einem Lande gestalten, in dem es non wert ist, dieses von Antisemiten und anderen lieben Neben menschen Vers—üßte Leben zu Ende zu kämpfen. — Die drei Wochen zwischen dem 17. Tamus und 9. Ab, vo! unseren Alten ebenso schön wie bezeichnend „Ben ha-Mezarim‘ nach den Worten der Klagelieder, benannt, diese Zeit, in de Seelenhirten und Kantoren Judas schleunigst ihre teuren Ge meinden verlassen, um in den Bergen und an der See von den Strapazen des Jahres auszuruhen, über den Stur, Jerusalems zu klagen und sich für den kommenden Herbst die Herbstmanöver, zu stärken, konnten wir für unsere Jahr nicht benutzen. Auch führte uns diesmal nicht der Weg uac: den heimischen nördlichen Sudeten, die wir sonst zu besuche pflegten, sondern ins liebliche Salzkammergnt mit seine blauen Seen, seinen beeisten Berggipfeln und grünen Wälderi in denen die weißen Landhäuser blinken. Wenn wir nun h bezug auf die Besucher der Sudeten und dieser Alpengegende > einen Vergleich ziehen, so wiegt im Norden das polnische utt1 russische Element vor, hier aber sind es meist Wiener itri' Juden aus Ungarn, mit denen wir uns noch immer nid s ausgeglichen haben, die auf der Esplanade, das ist aus der Promenade an der Traun, und den herrlichen Waldwegen z > finden sind. — Wir können nicht behaupten, daß, was du' Geselligkeit anbelangt, unsere Brüder des Südens die de? Nordens übertreffen; man ist vielmehr hier in diesem Alpei knrorte mehr aus sich selbst angewiesen, und es ist gut st. Man sieht auch mehr heitere Mienen; ist man doch von den Elend, das Rußlands Despotismus über unsere armei Brüder gebracht hat, erheblich weit entfernt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.