Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Im großen und ganzen kann mau in der Begrüßungsrede des Vorsitzenden des Haager Ehrenkomitees die Anschauung finden, die die Juden der stulturwelt über die ganze Bewegung festhalten. Dr. jur. A. de Pinto, Vizepräsident des hohen Rats, also üner der höchsten Würdenträger des niederländischen Staates, >etonte in dieser Begrüßungsrede, das; jeder Jude, der auf liefen Namen noch stolz sei, zweierlei Vaterland habe, sein ügenes, wo er geboren sei und lebe, und das heilige Land nit Jerusalem. Er selbst sei einem alten spanisch-portugiesischen Geschlecht entsprossen, das nach langen und bangen Irrfahrten zastfreundliche Aufnahme in den Niederlanden gefunden habe, ind er sei deshalb durch unlösbare Bande mit diesem neuen Vaterland verwachsen; er betone ausdrücklich, daß er vor rllem und in erster Linie Niederländer sei, aber er >ewahre zugleich in seinem Herzen auch die fromme Erinnerung >n Israels alten Ruhm, und unzertrennlich davon sei die tief mpfundene Pflicht, durch Wort und Tat gegen die Greuel u zeugen, diese Ueberreste mittelalterlicher Unwissenheit und Vorurteile, deren Opfer die Juden in manchen sogenannten rebildeten Staaten noch heute seien. Man könne, so führte er Redner weiter aus, über die geeigneten Mittel, den unter- 'rückten und verfolgten Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen, war verschiedener Meinung sein, dies stehe aber der Achtung or denen, die, in Treu und Glauben handelnd, dieses Ziel us anderem Wege zu erreichen suchen, in keiner Weise im öege; man brauche nicht alle „Aspirationen" des Zionismus u billigen, aber seine Grundgedanken müsse man schätzen und ieser Grundgedanke sei eben die Einheit und Solidarität des Judentums, nicht in dem Sinne, daß man für die Mängel nd Fehler vieler verantwortlich sei, sondern daß alle Söhne nd Töchter Israels ein empfindendes und hilfsbereites Herz ir die schweren Prüfungen und Heimsuchungen haben, die in ilseren Tagen noch Tausende und Millionen Brüder und Schwestern erleiden. Herr Dr. Pinto gab mit dieser Rede zu verstehen, daß er n seiner Nationalität unverbrüchlich festhalten werde, und nes dem Zionismus als eigentliches Arbeitsfeld die Linderung er Not der verfolgten Glaubensgenossen und die Schaffung cvrdneter Rechtszustände in den betreffenden Staaten au. as aber wollen alle Juden. * Ueber die Judenhetze der „wahrhaft-russischen Leute" hreibt man einem deutschen Blatte folgendes: Aus cüheren Choleraepidemien in Rußland ist es bekannt, daß in er dunklen Provinz das vor Augst von Sinnen gekonnnene wlk sich manchmal zu furchtbaren Schreckenstaten hat hineißen lassen. Laudschaftsärzte sind von der Menge verbrarmt, -l Stücke gerissen worden, weil die unwissenden Leute in ihren pferwilligen Helfern die Verbreiter der Cholera sahen. Solche ikinge ereigneten sich in den Cholerajahren 1892 bis 1896, 'bwohl die Presse aus allen Kräften bemüht war, aufklärend >u wirken. Und nun ist jetzt das Blatt der „wahrhaftussischen" Leute, die „Russkoje Snamjä" gekommen, dieses Blatt, welches in den untersten Schichten des russischen Volkes gelesen wird, respektive den Leuten, welche nicht lesen können, in den Tausenden von Teebuden vorgelesen wird, welche der Verband im ganzen Reiche unterhält, und erklärt rund heraus, daß das „Choleragift" im Volke von den jüdischen Aerzten verbreitet werde. Wir nahmen bisher Anstand, darüber zu berichten, weil wir hofften, daß die Regierung unverzüglich Maßregeln gegen diese frevelhafte Hetze ergreifen wird, welche an Orten, wo die Epidemie sich entwickelt, zu furchtbaren Katastrophen führen kann, weil wir hofften, daß der offiziöse Draht sich beeilen wird, überallhin ein tatkräftiges Eingreifen der Negierung mitzuteilen, aber die Regierung wagt sich nicht an die „wahrhaft russischen Leute", und „Russkoje Snamjä" setzt auch weiter ihre Hetze ungestraft fort. Es ist wohl ganz umsonst, daß das „Slowo" des früheren Handelsministers Feodorow schreibt: „Wenn der Verband des russischen Volkes einen frechen Feldzug gegen die Regierungsgewalt führt, so handelt er revolutionär, indem er die Regierungsgewalt diskreditiert, aber wenn er zur „Cholera- Revolte" aushetzt, so geht er in seinen revolutionären Schritten noch weiter. Und wenn im ersten Falle die Regierungsgewalt sich noch fragen kann, ob es lohnt, mit den Angriffen der „Russkoje Snainjä" zu rechnen, ihnen besondere Bedeutung beizulegen, so kann es im zweiten Falle eine solche Frage nicht mehr geben: die Aufstachlung zum Aufruhr ist unzulässig." Wie die „Russkoje Snamjä" auch auf allen anderen Gebieten gegen die Juden hetzt, dafür aus der letzten Nummer ein kleines Beispiel: „Mit Entsetzen erwarten die Eltern den Beginn des neuen Lehrjahres, wo die Juden wieder ihre lernenden Töchter und Söhne korrumpieren, sie wieder ins Gefängnis, in die Zwangsarbeit, an den Galgen führen werden. Die Eltern haben nur ein Mittel, ihre Kinder zu retten, aber wir enthalten uns, dasselbe anzugebeu — man läßt uns dies nicht tun." Unter dieser dunklen Andeutung können sich natürlich die Gefolgsleute der „Russkoje Snamjä" denken, was sie wollen. Die übrige Gesellschaft denkt, daß wir es mit einer direkten Aufforderung zum Mord zu tun haben. Und das sind die Stützen des Thrones. Und die Aufträge dieser „Stützen" führten die Minister pünktlich aus. So hat jetzt das Ministerium der Bolksausklärung die Universitäten durch Runderlaß benachrichtigt, daß sie nicht mehr jüdische Studenten aufnehmen dürfen, als die beschränkende Vorschrift gestattet, die in den letzten Jahren nach Wunsch des Ministers Tolstoi nicht mehr angewandt wurde. Da auf einzelnen Universitäten der. darin zugelassene Prozentsatz jüdischer Studenten weit überschritten ist, wird in diesem Jahre dort gar keine Immatrikulation jüdischer Studenten stattfinden. * Von dem Deutschen Bureau der ^Ilinnee lsraölile Universelle werden uns folgende Berichte des nach Casablanca mit Lebensmitteln entsandten Vertreters der Alliance zur Verfügung gestellt: ' Casablanca, 18. August. Ich habe die Ehre. Ihnen eine Unterredung zu melden, die ich nüt dem Platzkommandanten Mangln und dem General Drude, den, Kommandeur der Besatzungstruppeu, über die Lage unserer Glaubensgenossen gehabt habe. Ich besuchte zuerst den Kommandanten Maugin. „Die Israeliten", erklärte er mir, „sind durch die jüngsten Vorkommnisse hcimgesucht worden. Sie kennen die Verluste, die sie erlitten haben. Zahlreiche ehrenhafte Familien sind ins Elend gebracht worden, damit einige Spitzbuben sich durch Plünderung bereichern konnten. Ich war am ersten Tage im jüdischen Viertel