Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
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422 anderes und besseres Leben zu führen, der flehentlichen Bitte um Verzeihung und Vergebung, mn Nachsicht und ein mildes Urteil. Diese Vorstellung ist dem Grundbegriff des Judentums insofern widersprechend, als nach ihm jede Tat zuvor genau erwogen werden muß, da man oft gar nicht imstande ist, durch noch so aufrichtige Reue begangene Fehler gut zu machen. Gerade das Judentum hält so wenig von Zerknirschtheit und sentimentalem Bereuen der Sünden. Aber nicht immer konnte das Volk den strengen Anforderungen der jüdischen Ethik folgen. Es hat sich manches im Judentum volkstümlich entwickelt, auch ohne die Zustimmung der Lehrer Israels, manchmal sogar trotz deren ausdrücklicher Mißbilligung. Das Volksleben ist weder ein logischer noch ein sittlicher Lehrsatz. Es nimmt seine Entwicklung unter dem Einfluß und unter der Einwirkung verschiedener Bedingungen. Man muß mit diesen Erscheinungen rechnen und zusehen, sie mit dem Ideal des Judentums in Einklang zu bringen. Da sich der Glaube festsetzte, daß das Schicksal des Menschen in den „zehn Tagen der Buße" entschieden wird, so bildete sich in der Judenheit der Brauch aus, daß alle in diesen Tagen in das Gotteshaus strömten. Eigentlich genügten nicht mehr die wenigen Tage; die Stimmung der Einkehr begann schon am Morgen des Rüsttages zum Neujahrsfeste, ja sogar noch früher, mit dem Anfang der Woche, in der dies Fest fällt oder auch gleich mit dem Neumond Elul, also einen Monat vor dem Neujahrstag. Das Volk schien sich in Reue und Buße nicht genug tun zu können. Die großen Dichter verfaßten Bußgebete und Gedichte, die zum größten Teil wahrhaft poetische Perlen sind. Es sind dies, um die Worte des gelehrten Rapaport zu gebrauchen, Zwiegespräche zwischen der menschlichen Seele und dem Schöpfer, zwischen Israel und seinem Gotte. Die Lehrer Israels benutzten die Gelegenheit, um zum Herzen des Volkes zu reden, um auf dessen Veredelung und sittliche Erhebung zu wirken. Es ist dies der prophetische Geist, der nicht, wie irrtümlich angenommen wird, mit dem „letzten der Propheten" erloschen ist, sondern vielmehr ewig fortlebt; es ist dies der Träger des sittlichen Bewußtseins, die Stimme des Gewissens in der Judenheit. Welchen Ursprung auch die volkstümliche Vorstellung von der Bedeutung des Neujahrstages haben nmg, es genügt die Tatsache, daß die Gotteshäuser alle gefüllt sind, und Sache der Lehrer ist es, zu dem dichtgedrängt versammelten Volke zu reden und ihm seine Aufgaben und seine Pflichten vorzuführen. Was nun die individuelle, rein menschliche Sittlichkeit betrifft, so haben wir damit zu rechnen, daß wir nicht mehr in einer heidnischen, moralisch minderwertigen Umgebung leben; wenigstens ist dies erfreulicherweise im Westen nicht der Fall. Staat und Gesellschaft bekennen sich jetzt zu den sittlichen Idealen, welche Israel vor Jahrtausenden aufgestellt und verkündet hat. Hingegen müssen wir bedauerlicherweise unter den westeuropäischen Juden ein Nachlassen bezüglich der Erfüllung unserer glaubensgemeinschaftlichen Pflichten feststellen. Der Jude wird dem Staat und der Gesellschaft gerecht, und wo dies nicht der Fall ist, so verfügen beide über genügend erziehliche Mittel, den Juden als Bürger zur Pflichterfüllung anzuhalten. Unsere besondere Aufgabe ist es also, das zu rügen und zu tadeln, was der Einzelne gegen unsere Glaubensgemeinschaft, gegen die jüdische Gesamtheit sündigt. Das innere jüdische Leben ist leider fortwährend im Abnehmen begriffen. In gewissem Sinne sind daher die «zehn Tage der Buße" von großer Bedeutung für jeden Juden, für sein religiöses Leben entscheidend. Hat sich doch die Gewohnheit ausgebildet, daß die meisten westeuropäischen Juden nur in den beiden Tagen des Neujahrsfestes und am Versöhnungstag das Gotteshaus besuchen. Es sind dies die einzigen Tage in; Jahre, in denen sie für das Judentum gewonnen werden könne»!, an denen wir sie mit allen Vorgängen in der Judenheit bekannt machen und für ein treues Ausharren in, Judentum begeistern können. Wie wir uns auch zu diesen; Mißstand stellen wollen, es bleibt doch dabei, daß alle Arber zur Erhaltung des Judentums, zu deffen Förderung sich au diese wenigen Tage konzentrieren muß. Nun denn, es strenge ein jeder für dieses große Werk seine Kräfte an! Der Neujahrstag soll tatsächlich eine solche Fülle von guten Anregungen von Kräftesammlung und von verheißungsvoller Vornahme bieten, daß darin sittliche und jüdisch-religiöse Stärkung fü> das ganze Jahr gefunden werde. Das jüdische Neujahr hat für das bürgerliche Leben keine Bedeutung mehr, und so betrachten wir es als den Tag, den der Jude seinen Arbeiten abgewinnt, um ihn ausschließlich dem Judentum zu widmen. Möge er deshalb wirklich dem Judentum dauernd Nutzen bringen! ivWg Bit Woche. Berlin, 4. September, ie — übrigens falsche -- Nachricht, daß ein Sohn des Landtagsabgeordneten Justizrat Cassel zum Leutnant der Reserve befördert-worden sei, hat die antisemitischen, konservativen und agrarischen Blätter ganz aus dem Häuschen gebracht. Der fromme „Reichsbote" hat sogar den traurigen Mut, zu bemerken: „Das ist doch nichts Ungewöhnliches; Söhne angesehener jüdische; Häuser, die genügend militärische Befähigung zeigten, — diese selbst war allerdings recht vereinzelt — sind niemals vom Reserveoffizier ausgeschlossen gewesen; wir erinnern uns sogar, daß sie dazu selbst bei manchen exklusiven Reiterregimentern gelangt sind." Die Zwischenbemerkung, daß die militärische Befähigung der Juden „recht vereinzelt" in die Erscheinung getreten, kann nur ein mitleidiges Lächeln erwecken. Der Schluß aber fehlt, die bei „exklusiven Reiterregimentern" in den letzten Jahren beförderten Juden — waren getauft. Am tollsten gebärdet sich die „Deutsche Zeitung". Sie sieht schon den Bestand der deutschen Armee gefährdet. Sie wittert in dem Einzelfall ein Zeichen des Blocks, der Paarung, und läuft gegen diese förmlich Sturm. Und nun ist die ganze Geschichte nicht wahr. Man weiß wirklich nicht, ob man dies Treiben komisch oder traurig finden soll. Gegenüber dieser Mißachtung und Verleugnung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und der Verfassung überhaupt wirkt es wohltuend, daß zu dem bevorstehenden Parteitag der Freisinnigen Volkspartei von Dr. Müller-Sagan und Genossen der folgende Antrag eingebracht wurde: Der Parteitag wolle beschließen: Der Parteitag erachtet es im Interesse des Gemeinwohls für unerläßlich, daß baldigst volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung Verwirklichung findet, und daß sonst geeignete Elemente nicht mehr wegen irgend welcher Unterschiede des Glaubens oder der Geburt von Aemtern der Reichs- und Staatsverwaltung, vom Sanitäts- oder Offizierkorps ausgeschlossen oder bei Beförderung im Reichs- oder Staatsdienst zurückgesetzt werden. •Sr Der achte Zionistenkongreß bietet mancherlei Stof? zu Betrachtungen auch für diejenigen, die, wie wir, der zionistischen Bewegung gegenüber nach wie vor entschieden ablehnend gegenüberstehen. Im ganzen wurde mehr gearbeitet, und große, weithintönende Phrasen waren nur