Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf 2tfoffe, Berlin. Das Seujahrskelt. Berlin, 6. September. Tedes Volk, das ein gewisses Kulturniveau erreicht, sucht r sich seine Zeitrechnung, so gut es geht, zu regeln. Das setzt einen festen Kalender voraus, mag er mitunter noch so primitiver Natur sein, und einen Jahresanfang. Auch das jüdische Volk hatte in uralter Zeit sein bürgerliches Jahr, ob- >vohl der Jahresanfang merkwürdigerweise zwischen dem Frühling und dem Herbst schwankte. Es ist hier nicht der Ort, darüber eine gelehrte Untersuchung anzustellen, wie es gekommen ist, daß die Juden nach dem Beispiel der Aegypter den Jahresanfang auf den Herbst, auf den ersten Tischri, verlegt haben, während die Reihenfolge der Monate mit dem Frühlingsmonat, mit dem Nissan, begonnen hat. Es kamen dabei zwei nationale Strömungen zum Ausdruck. Aber jedenfalls behauptete sich der erste Tischri als Neujahrstag der Juden seit dem zweiten Tempel bis auf die Gegenwart. Ursprünglich hatte das Neujahrsfest bei den Juden nur insofern einen religiösen Charakter, als überhaupt alles im jüdischen Volke im Laufe der Zeit ein religiöses Gepräge und einen religiösen Inhalt erhielt. Außer in seinem Gott gab es für Israel kein geistiges Leben, keine Ethik und keine festliche Freude. Etwas mehr als die andern altisraelitischen Feiertage war auch das Neujahrsfest, das dazu noch jüngeren Ursprungs ist, in der ersten Zeit gewiß nicht. Der Pofaunenschall kündigte bloß den Anbruch eines neuen Jahres an, was ja im wirtschaftlichen Leben des Volkes unstreitig von großer Bedeutung ivar. Aber auch Feste haben ihr Schicksal. Die Entwicklung des Judentums hat in späterer Zeit dazu geführt, dem jüdischen Aeujahrstag eine so große Bedeutung zu verleihen. Je größer die Zerstreuung der Juden in der Diaspora wurde, je mehr sie sich von ihrem geschichtlichen nationalen Boden entfernten, desto wichtiger nnd bedeutsamer wurde der Jahresanfang für sie. Kam es doch dahin, daß die jüdische Zeitrechnung im bürgerlichen Leben keinen Sinn mehr hatte, daß das jüdische Jahr bloß noch für den Festkalender und für das sonstige religiöse Leben seinen Wert behielt. Und so wurde der Neujahrstag nach der Vernichtung des jüdischen Staates ein Tag der religiösen Andacht und der religiösen Weihe. Es ist geradezu erstaunlich, wie sich dieser Gedanke bei den Juden ausgebildet hat. Mit der Zerstörung Jerusalems mit der Verwüstung des nationalen Heiligtums, mit der Beseitigung des Opferdienstes begann für Israel die Aufgabe, dem Judentum eine andere Grundlage zu geben als die heimatliche Scholle, ein neues Heiligtum zu schaffen, das kein Feind mehr verbrennen konnte, einen Gottesdienst auszubilden. dessen Priestertum jedem Juden übergeben ward. Fortan sollte jeder Jude durch sein religiöses Leben das jüdische Volk repräsentieren, sollte das Judentum überall gepflegt werden können, wo die Bekenner dieses Glaubens Ansenthalt nahmen. Das Neujahrsfest bekam unter dem Einfluß dieses Gedankens einen ganz neuen Inhalt. Gott ist der König der ganzen Erde, er ist der Schöpfer und Erhalter des Weltalls, nnd das jüdische Volk übernimmt die Ausgabe, Gottes Herrschaft überall zu verbreiten, ihn vor allem laut zu bekennen und sich als das Volk Gottes zu fühlen. Am Neujahrstag, so entwickelte sich die volkstüiuliche Vorstellung, wird die Herrschaft Gottes auf Erden verkündet. Dieser Tag ist der Erinnerung an die Weltschöpfung gewidmet, und Jahr für Jahr gedenkt Israel seiner Pflicht, sich als die Anbeter des einigen einzigen Gottes zu bewähren und dahin unablässig zu arbeiten, daß das Heidentum vom Erdboden verschwinde und Gottes Reich sich über die ganze Erde verbreite. Der Begriff von der nationalen Gottheit, wie wir ihn noch im älteren Schrifttum vielfach begegnen, vevschwindet in der Folge gänzlich. In den Gebeten für den Neujahrstag findet der Wunsch Ausdruck, daß Gott von allen Menschen gekannt und anerkannt werde, daß mit der Verbreitung der Gottesidee alles Unrecht und alle Unsittlichkeit aufhöre. Das Reich Gottes wird verstanden als die Herrschaft der Gerechtigkeit und der höchsten Sittlichkeit. Das Volk, das geknechtet und verfolgt wird, erblickt in der Gerechtigkeit das höchste sittliche Ideal, den Sieg des Göttlichen im Menschen- Es hört nicht ans zu hoffen und innig darum zu bitten, daß Gott allein Herrscher der Welt sei, baß alle ihn fürchten nnd sich vom ganzen Herzen dazu vereinigen, nach dem Willen Gottes zu leben. Jin Volke entwickelte sich nach und nach eine zweite Auffassung von der Bedeutung des Neujahrsfestes. Sie ist wohl zu begreifen, wenn sie auch sonst nicht ganz mit dem Lehrinhalt des Judentums übereinstimmt. Es bildete sich immer mehr die Vorstellung aus, als ob Gott am Neujahrstag eine Art Revue über die Menschen abhielte, sie für alles, was sie im Lause des Jahres getan, zur Rechenschaft zöge, ein förmliches Verfahren gegen sie eröffnend, und ihre lobenswerten Taten gegen die strafwürdigen abwägend. Dieses Verfahren dauert nach der volkstümlichen Vorstellung zehn volle Tage und findet mit dem Schluß des Versöhnungstages seine Beendigung. Das fernere Schicksal eines jeden Menschen für das folgende Jahr wird in diesen Tagen entschieden. Es sind dies daher die Tage der Buße, der inneren Einkehr, der Reue über Verfehlungen und Sünden, der innigen Vornahme, ein