Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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— Stuttgart, 25. August. Bei dem jüngsten sozialdemokratischen Parteitag war bemerkenswert ein Streit, der sich um die Zulassung der „zionistisch-sozialistischen Arbeiterpartei" erhoben hat. Dieses merkwürdige Parteigebilde, das in Rußland, Galizien und Amerika Organisationen mit zusammen 24 000 Mitgliedern besitzt, aber auch in Deutschland, Frankreich und England Anhänger zählt, steht völlig auf dem Boden des sozialdemokratischen Parteiprogramms, will aber die besondere Judenfrage lösen „durch Schaffung eines autonomen Zentrums für die jüdische Emigration." Im Unterschiede von anderen Zionisten verlangen die zionistischen Sozialisten also nicht, daß Palästina der ehemaligen jüdischen Nation wieder als Besitz und Wohnbereich zugewiesen werde. Ueber die Zulassung der Zionisten haben die russischen Genossen zu entscheiden. Gesterretch-Unsarn. A Wien, 26. August. Der Eintritt zweier christlich sozialer Abgeordneten in die Regierung steht bevor. Der todkranke Dr. Lueger, der sich früher ablehnend verhielt, scheint unter dem Druck der portefeuillegierigen Mitglieder seiner Partei nachgeben zu wollen. Er selbst strebt natürlich nicht nach der Ministerschaft, wie er dieser Tage einem Interviewer versicherte, denn er fühlt sich als Bürgermeister unabhängiger und mächtiger; allein die Rangerhöhung seiner Kollegen wies er durchaus nicht zurück. Was man vor zehn Jahren für undenkbar gehalten Hütte, dürfte also zur Tat werden. Die Herren Gaßmann und Pattai, oder der frühere Eisenbahnminister Wittek sind an der Reihe! — Auch in Ungarn hat die klerikale Volkspartei begonnen, in den Städten und auf dem flachen Lande den Kreuzzug zu predigen. Ueber ganz Ungarn ist das Agitationsnetz gebreitet, die Waffen für den heiligen Krieg sind geschärft, der Feldzug kann beginnen. Die katholische Geistlichkeit Ungarns leistet kirchliche und weltliche Assistenz. Als das Parlament in Ferien ging, um sich von den Strapazen des verflossenen Arbeitsjahres zu erholen, da traten die Mitglieder der Volkspartei zu einem hochernsten Konventikel zusammen, in welchem der Feldzugsplan bis in die Details ausgearbeitet wurde. Daß das für die Juden in Ungarn nicht gut ablaufen kann, ist selbstverständlich. — In Prag wurde am 16. d. Mts. die renovierte Meisel-Synagoge feierlich eingeweiht. Fast volle zwölf Jahre haben die Restaurierungsarbeiten in Anspruch genommen: Bis 1895 ließ das altehrwürdige, 1394 als Bn Meisterwerk der Gotik errichtete Gebäude die erforderliche Einheitlichkeit in der Anlage vermissen; an dem Vordertrakt schloß sich ein enger, winkeliger Hinterbau ganz unvermittelt an. Als nun der Assaniernngsgedanke greifbare Formen anzunehmen begann, legte der Borstand der Meisel-Synagoge einen Restaurierungsplan vor und setzte alles daran, daß die Synagoge in ihrem ehemaligen Raummaße intb in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hergestellt werde. Er hat zum Zwecke des Ausbaues sogar einige umliegende Grundtücke erworben. Dieser tatkräftigen Initiative und Mrmifizenz ist .s zu danken, daß das Gotteshaus nicht das Schicksal anderer Lynagogen der Josefstadt teilte, sondern als eine Zierde des Stadteiles inmitten des modernen Häusermeeres den Ruhm unübertroffener ilter Baukunst kündet. — In Triest ist der greise Oberrabbiner Melli gestorben. Der Heimgegangene erfreute sich allgemeiner Verehrung. Ueber 52 Jahre wirkte er im Amte, und sein Wirken hat oer Kaiser durch Verleihung des Franz Josef-Ordens ausgezeichnet- Dberrabbiner Melli hat alle jüdischen Schulbücher ins Italienische übersetzt und herausgegeben und sich dadurch um den jüdischen Religionsunterricht in Italien ungemein große Verdienste erworben. Zeit vier Jahren hatte Oberrabbiner Melli sich aller rabbinischen Funktionen enthalten; das Anit leitete Rabbiner Dr, Brettholz. Am vergangenen Freitag hat die Beerdigung des Oberrabbiners Melli unter zahlreicher Beteiligung der gesamten Gemeinde stattgefunden, welches noch einmal Zeugnis ablegte von der Anhänglichkeit und Liebe, die die Gemeinde dem verewigten Oberrabbiner über das Grab hinaus bewahrte. Holland. — Haag, 26. August. Der achte Zionistenkongreß setzte in der Nachmittagssitzung vom 15. August die Generaldebatte über den Bericht des Zentralbureaus fort. Von der einen Seite wurde die Tätigkeit des Aktionskomitees einer scharfen Kritik unterzogen. Insbesondere wurde der Mangel an Initiative und Einheitlichkeit in der Leitung, sowie das unentschlossene und schwankende Vorgehen in bezug auf die praktische Arbeit in Palästina bedauert. Dagegen wurde von der anderen Seite geltend gemacht, daß die Leitung unter den obwaltenden Umständen mehr nicht habe tun können und daß vor allen Dingen Pflicht der Organisation sei, dem Aktionskomitee die materielle Möglichkeit zu geben, großzügige Arbeiten zu unternehmen. Der Präsident David Wolffsohn kam zum Schluß der Debatte auf die an der Leitung geübte Kritik zurück. Auch er betonte nachdrücklich, daß die Tätigkeit des Aktionskomitees von der Beschaffung größerer Mittel seitens der zionistischen Gesinnungsgenossen abhänge. Die zionistische Organisation habe auch in den letzten Jahren manches geleistet. Einer sich als notwendig erweisenden Dezentralisierung per Organisation und einer Verlegung einzelner Bureaus nach einer größeren Stadt stehe er nicht im Wege. — Am 16. d. M. erstattete in der Vormittagsitzung der Vorsitzende der Palästinakommission, Professor Dr. Otto Marburg, Bericht über die Tätigkeit der Palästinakommifsion. Zwar sei es der Kommission unmöglich gewesen, ihre Aufgabe in dem Umfange durchzuführen, wie es ihr Wunsch gewesen sei und wie es im Interesse der zionistischen Bewegung und der Erschließung Palästinas hätte verlangt werden können; mit Rücksicht aber auf die steigende Anteilnahme nicht nur der Zionisten, sondern der Juden aller Welt an der Durchdringung Palästinas mit jüdischen Kräften habe sie es doch unternommen, verschiedene größere Arbeiten in Angriff zu nehmen, die, wenn sie zu einem guten Ende geführt werden, für die Entwicklung des Landes von größter Bedeutung werden dürften. Das Palästinaindustriesyndikat ist vor kurzem mit einem Grundkapital von 100 000 Mark gegründet worden und verfolgt den Zweck, die verschiedenen industriellen Möglichkeiten Palästinas zu prüfen und wo angängig Jndustriegesellschafteu hierfür zu gründen, respektive private Unternehmer hierfür zu gewinnen. Es liegen schon eine Anzahl Projekte vor, die jetzt durch Sachverständige in Palästina geprüft werden. Im letzten Monat wurde auch der Grundstein zu einer Arb eiterheimst ättengenossenschast gelegt, die den Zweck verfolgt, jüdische Arbeiter mittels langsamer Amortisation und niedrigen Zinssatzes allmählich zum Besitzer eines Hauses und eines Stücks Gemüselandes zu machen. In Vorbereitung ist die Schaffung eines Palästinaagrarfonds zum Zwecke der Ermöglichung eines gesunden und billigen Agrarkredits und die der Palästinaagrikulturgesellschaft, die durch rationellen Großbetrieb neue verbesserte Methoden der Landwirtschaft und neue Kulturen einführen will. Zum Schlüsse verlangt der Bericht eine Neuorganisation der Palästinaarbeit dadurch, daß innerhalb der Leitung der zionistischen Organisation ein besonderes Palästinaressort gebildet wird. Der Vorsitzende des Direktoriums des jüdischen Nationalfonds, Herr Dr. Bodenh eimer. erstattete hierauf seinen Bericht, in dem er zunächst die Grundlagen der neuen Organisation des jüdischen Nationalsonds auseinaudersetzte und die Prinzipien darlegte, nach denen die Verwaltung des Fonds erfolgen wird. Der Fonds, der bekanntlich aus kleinen und kleinsten Sammlungen in der ganzen Welt gebildet wird, verfügt zurzeit über ein Vermögen von zirka l1/* Million Franken in bar und zirka l/2 Million Franken in Landbesitz. — In der Vormittagssitzung am Sonntag verhandelte man über die Bankinstitute der zionistischen Bewegung. Dr. N. Katzenelsohn, der Präsident der jüdischen Kotonialbank, gab einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung dieser Bank und ihres Tochterinstituts, der Anglo-Palestine Company in Jaffa, Jerusalem. Beiruth und Hebron, die Gründung von Darlehnsgenossenschaften, die Gewährung billiger Kredite an Bau- und Produktivgenossenschaften u. a. Der Redner besprach sodann die in zionistischen Kreisen viel erörterte Frage der Abänderung der Statuten der jüdischen Kolouialbank. Nach heftigen Debatten gelangte ein Antrag zur Annahme, demzufolge der Kongreß dem Aktionskomitee empfiehlt, die Durchführung der Abänderung nach Möglichkeit anznstreben, und ihm zu diesem Zwecke einen Beirat von drei Sachverständigen zur Seite stellt. Hierauf erstattete Tr. S. Lewi n - Wilna ein Reserat über die nationale Erziehung in Palästina. Sodann sprach N. Sokolow-Köln über nationale Erziehung in der Diaspora und stellte den Antrag, die hebräische Sprache als offizielle Sprache der zionistischen Bewegung, als Rede- und Schrift-