Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ft. Posen, 24. August. Eine außerordentliche Sitzung der Stadtverordneten fand am 21. d. M. unter Vorsitz des Stadtverordnetenvorstehers Herrn Justizrat Salz statt. Der erste Punkte der Tagesordnung betras die S onntagsruh e im Handels gewerbe. Der erste Berichterstatter Kirschner rekapituliert zunächst im wesentlichen die von der Versammlung am 5. Juli gefaßten Beschlüsse über die Neuordnung der Sonntagsruhe und macht dann von einer Eingabe Mitteilung, die eine Anzahl jüdischer Firmen an die Versammlung gerichtet hat. In dieser wird hervorgehoben, daß sie ihren Angestellten eine ausreichende Ruhezeit dadurch gewähren, daß ihre Geschäfte von Freitag abend bis Sonnabend geschlossen bleiben, daß also ihre Angestellten 25—26 Stunden Ruhezeit haben. Mit Recht, so führte Referent aus, weisen diese Firmen, es seien etwa 60 an der Zahl, daraus hin, daß sie bei der starken Konkurrenz nicht bestehen könnten, wenn sie nicht am Sonntag wenigstens die dringendsten Geschäfte, Besprechung mit Reisenden usw., erledigen dürften. Sie bitten daher, bei geschlossenen Türen, ohne die Möglichkeit des Verkaufs, ihre jungen Leute, und zwar nur die jüdischen, Sonntags auch von 7—7^2 und von 1—2 Uhr beschäftigen zu dürfen. Eine Benachteiligung der anderen Firmen entstehe keineswegs, da ja ein öffentlicher Verkauf in diesen Stunden nicht stattfinden dürfe. Es sei nur gereckt und billig, einem Wunsche, durch dessen Erfüllung niemand geschädigt werde, nachzukommen. Es seien gewisse juristische Bedenken hiergegen geltend gemacht worden. Inzwischen haben sich aber der bayrische Professor Max von Seydel in München und auch das bayrische Ministerium dahin ausgesprochen, daß keine ernstliche Bedenken dagegen erhoben werden könnten. Er bitte daher um Annahme der Vorlage. Ter zweite Berichterstatter Stadtverordneter Jgnatowicz tritt den Ausführungen des Vorredners bei. Er habe aus den Unterschriften der Eingabe gesehen, daß es sich hier nicht um Engrosgeschüfte handle. Natürlich müßten diese Geschäfte für den öffentlichen Verkauf in dieser Zeit geschlossen bleiben. Er bittet ebenfalls um Zustimmung zur Vorlage. Hierauf wird der Zusatz zum Ortsstatut betreffend die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, wonach jüdische Firmen, die ihre Geschäfte am Sonnabend geschlossen halten, ihre Angestellten auch Sonntags von 7 bis 71/2 und von 1 bis 2 Uhr beschäftigen dürfen, bei Ausschluß des öffentlichen Verkaufs, wenn hierdurch keinerlei Lärm oder Ruhestörung verursacht wird, angenommen. Hierauf verliest der Vorsitzende den hierzu gefaßten Magistratsbeschluß. Er lautet: „Der Entwurf einer Ortssatzung über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe zu Posen soll folgende Zusätze erhalten: § la erhalt folgenden Nachsatz: „Denjenigen Geschäftsinhabern jüdischer Religion, die nachweisbar ihren Geschäftsbetrieb am Sabbat und an israelitischen Feiertagen ruhen lassen, ist es gestattet, ihre Angestellten jüdischen Glaubens an Sonntagen auch während der Stunden von 7 bis 71y2 Uhr morgens und von 1 bis 2 Uhr mittags zu beschäftigen, mit der Maßgabe, daß die Geschäftslokale während dieser Zeit für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben und keinerlei Lärm oder Aergernis erregende Arbeiten in dieser Zeit ausgeführt werden." 8 1c erhält folgenden Nachsatz: „Den im Nachsatz zu 1a näherbezeichneten Geschäftsinhabern jüdischer Religion ist es gestattet, ihre Angestellten jüdischen Glaubens an Sonntagen von 8 bis ö1/;» Uhr morgens und von 11 Va bis 1 Uhr mittags zu beschäftigen, mit der Maßgabe, daß die Geschäftslokale für den allgemeinen Verkehr und während eines dieser beiden Zeiträume geöffnet bleiben und daß während der anderen Stunden keinerlei Lärm oder Aergernis erregende Arbeiten ansgeführl werden." Tie Geneigtheit unserer Stadtbehörde für die Interessen 0er jüdischen Kaufmannschaft verdient öffentlich anerkannt zu werden. n. Breslau, 22. August. Hier ist am 18. d. Mts. Frau Pauliue E ohu, die Witwe des Geheimen Regierungsrats Professors Tr. Ferdinand Cohn, des bekannten Botanikers an unserer Universität und Ehrenbürgers der Stadt Breslau, gestorben. Panline Cohn, die ein Alter von 63 Jahren erreicht hat, hatte 1901 ein biographisches Werk über ihren (1898) verstorbenen Gatten unter dem Titel „Ferdinand Cohn, Blätter der Erinnerung" heransgegeben. Nach dem Tode ihres Gatten hatte sie sich vielfach gemeinnützigen Werken gewidmet. Teil milden Anstalten und Vereinen bewahrte sie ihr Wohlwollen im Sinne ihres verstorbenen Gatten. Die Heimgegangene hat sich in weiten Kreisen der Achtung und Liebe zu erfreuen gehabt. o. Frankfurt a. M., 23. August. Im Kreise der Franksurtloge tauchte 1889 die Idee auf, einen Kindergarten für Israeliten zu gründen. Bald bildete sich ein Verein, und zunächst ward ein Kindergarten mit zehn Zöglingen eröffnet. Im Jahre 1892 wurde er nach der Hanauer Landstraße verlegt und jetzt wurde er in einem eigenen Heim, Baumweg 7, eröffnet. Zwei Marmortafeln, die im Vestibül des im modernen Barockstil errichteten Neubaus eingelassen sind, künden die Stifter: Mitglieder der Familien von Rothschild und von Goldschmidt haben den Ankauf des Grundstücks, auf dem das Haus steht, ermöglicht, während die Mittel zum Bau die Kinder von Moritz und Johanna Oppenheimer zum ehrenden Andenken an ihre Eltern hergegeben haben. Der Kindergarten trägt den Namen „Moritz und Johanna Oppenheimerscher Kindergarten für Israeliten". In feierlicher Weise wurde am Sonntag der Neubau, der unter Leitung des Architekten Max Seckbach errichtet wurde, eingeweiht. Proseffor Sulzbach, der Vorsitzende der Verwaltung, gab' eine kurze Entstehungsgeschichte 8es Kindergartens und dankte allen Mithelfern und der Vorsteherin. Dr. Mehler hob hervor, daß die Hygiene in jeder Weise zu ihrem Rechte gekommen sei. Stadtschulinspektor Herber, der die Glückwünsche der Schuldeputation überbrachte, erwähnte, daß der Oppenheimersche Kindergarten der schönste Kindergarten unserer Stadt sei. e. Nürnberg, 22. August. In dem Jahres- und Rechenschaftsbericht des Tierschutzvereins Nürnberg für 1906/1907 vom Schriftführer Fr. Monninger heißt es: „Der geschäftsleiteude Ausschuß hat leider wieder ein hochgeschätztes Mitglied durch den Tod verloren. Herr Rabbiner Dr. Ziemlich, der seit langen Jahren ein bewährter Ratgeber und eifriger Mitarbeiter an der Sache des Tierschutzes und speziell unserem Verein ein tatkräftiger Förderer gewesen, ist Ende Februar dieses Jahres gestorben. Sein Wirken war im Beruf wie im bürgerlichen Leben und bei ungezählten Wohltätigkeitsakten allerwegen ein gesegnetes, und wie überall, so wird ihm besonders in unserem Tierschutzverein ein dankbarehrendes Andenken bewahrt werden." n. Darmstadt, 18. August. Unsere Gemeinde und Stadt, aber auch das ganze Hessenland haben einen schweren Verlust erlitten. Am 16. d. M. starb, wie schon kurz gemeldet. Herr Otto Wolfskehl, der, durch hervorragende persönliche Eigenschaften und soziale Stellung ausgezeichnet, jahrzehntelang eine vielseitige einflußreiche öffentliche Tätigkeit hier ausübte. Ueber zwei Jahrzehnte war er Mitglied des hessischen Landtags und viele Jahre auch dessen zweiter Präsident. Ebenso war er eine lange Reihe von Jahren Stadtverordneter, Mitglied des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde, Präsident des Musikvereins usw. Aber alle diese öffentlichen Aemter geben keinen Maßstab für die Bedeutung dieses seltenen Mannes. Herr W. war wie in seiner äußeren Erscheinung also auch in seiner Denkweise und Gesinnung eine durchaus vornehme und edle Persönlichkeit. Sein Bürgersinn und Patriotismus hatte etwas Antik-Klassisches; seine Mildtätigkeit und Gemeinnützigkeit hatte ein humanes und religiöses Gepräge. Ein geschulter Jurist und hervorragender Finanzmann, blieb er auch nach seiner Mandatsniederlegung Berater der Regierungskreise; viele wichtige Referate, Berichte und Denkschriften sind aus seiner Feder geflossen. Mit dem vor zwei Jahren verstorbenen Staatsminister Rothe verband ihn eine bis an dessen Lebensende dauernde intime Jugendfreundschaft. Der Großherzog, der Herr W. persönlich näher kannte und sehr hochschätzte, zeichnete ihn wiederholt durch Verleihung hoher und höchster Orden aus. Und da der Verstorbene auch durch musikalische Begabung hervorragte, war er seit Jahrzehnten Präsident des hiesigen Musikvereins, der im letzten Winter sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte. Bei dieser Gelegenheit überreichte der Großherzog persönlich Herrn W. die goldene Amtskette, die er aus Anlaß des Jubiläums für die Präsidenten des Vereins stiftete. Herr W. entstammte einer der ältesten Familien unserer Stadt. In dem Memorbnch unserer Gemeinde reicht die Erwähnung von Männern und Frauen dieser Familie bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Alle werden sie mit Auszeichnung genannt und als besonders wohltätig und gemeinnützig charakterisiert. Diese Traditionen des alten Geschlechts hat auch der Verstorbene allezeit bewährt. Herr Wolfskehl hinlerläßt zwei Söhne: Der ältere ist der -Germanist und Dichter Karl Wolfskehl in München, der jüngere ist der Regierungsbaumeister Ed. Wolsskehl dahier.