Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 30. August 1907. 71. Jahrgang. Vetlage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums" Korrrlpondkn^en und Kachrichtm. Deutschland. s. Berlin, 26. August. Eine dankenswerte Gabe versendet der rührige Vorstand des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde". Es wurde schon oft von allen, die sich für unsere Gemeinde interessieren, vermißt, daß wir nicht eine Art von Handbuch oder Almanach über diese besitzen, in dem man gelegentlich ncichschlagen könne. Das kleine Heft, das jetzt der Verein verschickt und das Herr Benas Levh mit nie versagendem Fleiß und gewohnter Umsicht zusammengesteM hat, kann eine solche Lücke wohl ausfüllen. Es enthält zunächst Personalien: die Mitglieder der Repräsentantenversammlung und deren Stellvertreter, ferner die demnächst ausscheidenden Repräsentanten, die Mitglieder des Vorstandes, ein Verzeichnis der (20) Kommissionen, das mit der Mitteilung schließt: 402 Personen einschließlich der Ehrendamen sind in diesen Kommissionen im Ehrendienst der Gemeinde tätig! Es folgt eine Rubrik: bemerkenswerte Vorkommnisse in der Gemeinde und wichtige Beschlüsse in den Zähren 1905—1907, eine sehr wertvolle Zusammenstellung; ferner ein Verzeichnis der (12) Religionsschulen, sodann eine Uebersicht des Haushalts der Gemeinde und schließlich ein Auszug aus den Statuten derselben. Das gut ausgestattete Schriftchen wird nicht nur bei den Wahlen im Herbst, für die es zunächst bestimmt ist, sondern auch später gute Dienste leisten, und der Vorstand des „Liberalen Vereins" verdient, wie gesagt, herzlichen Dank für diese willkommene Spende. 8. Berlin, 25. August. Im Mädchen haus Pankow bei Berlin werden schulentlassene jüdische Mädchen unentgeltlich für dienstliche Stellungen im Haushalt ansgebildet. Schulpflichtige Mädchen werden gegen Entgeld ausgenommen. Die Anstalt steht unter der Leitung des Lehrers Stern und seiner Ehefrau. Wie uns mitgeteilt wird, können noch einige Mädchen ausgenommen werden. Anfragen und Meldungen an Frau Landgerichtsrat Loewe in Berlin, Uhlandstraße 30, zu richten. £2 Berlin, 25. August. Der nachfolgende Aufruf des tzilfsvereins für die jüdischen Taubstummen Deutschlands wird in den nächsten Tagen allgemein zur Versendung gelangen: Vor den hohen jüdischen Festtagen soll jeder gute Jude sein Herz prüfen, ob er den Pflichten Gottes und somit denen gegen seine Mitmenschen, in welchen er sein Ebenbild geschaffen, genügt hat. Deshalb ist die Liebe zu seinen Nächsten, die Unterstützung armer Bedürftiger ein gottgefälliges und auch soziales Werk, das jeden fühlenden, religiösen Menschen mit Befriedigung und Freude erfüllen soll. Von den Leidtragenden auf diesen Erdenwall, die vielleicht zu unserer Sühne so hart gestraft sind, zählen mit in erster Reihe die Taubstummen, die auf ihrem Lebenspfade die größten Hindernisse sür ihre Existenz finden und noch mehr bedroht sind, ihren Lebensabend unter den schwierigsten Verhältnissen zuzubringen. Für diese Armen zu sorgen, sie.durch Rat und Tat während ihres Erwerbsstadiums zu unterstützen, ihnen eine Zuflucht in ein Heim zu gewähren, wenn sie alt und ihre physischen Kräfte gebrochen, sind unsere Bestrebungen, die zu unserer Freude bisher von Erfolg gekrönt waren. Die Sorge für die Unterbringung dieser Unglücklichen in verschiedene Berufe, ihre Ausbildung für dieselben, Unterstützungen für in Not geratene und die Erhaltung des Altersheims und der Wunsch, gerade dieses segensreiche Institut zu vergrößern, erfordern materielle Mittel, die über die Grenzen des uns zur Verfügung Stehenden gehen. Deshalb, liebe Glaubens- und Stammesgenossen, erbarmet euch unserer Pflegebefohlenen. unterstützt uns durch einen jährlichen oder einmaligen Beitrag und ihr werdet Gott und den Menschen damit dienen. Der Vorstand besteht aus den Herren •* Theodor Löwenberg, Vorsitzender, Dr. S. Fraenkel, Schriftführer, Moritz Leichrentritt, Schatzmeister, Jliar Ber, stellv. Vorsitzender, Adolf Köhler, stellv. Schriftführer, William Reumann, stellv. Schatzmeister, S. David, Beisitzer. Den Ausschuß bilden die folgenden Herren: Albert Silbermann, Vorsitzender, Julius Ebenstein, Schriftführer, David Struck, stellv. Vorsitzender, Max Salomon, stellv. Schriftführer, Rabbiner Dr. Eschelbacher, Dr. Julius Moses und Bernhard Cohn. 8. Berlin, 25. August. Sechsunddreißig Stiftungen und letztwillige Zuwendungen haben nach Bekanntmachung des Polizeipräsidenten die Genehmigung des Kaisers erhalten. Es sind darunter die zur Unterstützung würdiger und unbemittelter Personen mit einem Kapital von 125 000Mark begründete Louis Liepmann- Stiftung, ferner Zuwendung des verstorbenen Landgerichrsrats Viktor Lion an die Stadtgemeinde Berlin für die städtischen Volksbibliotheken und Lesehallen, bestehend aus tausend Bänden schönwissenschaftlicher und juristischer Werke und einem Kapital von 10 000 Mark, Zuwendung des Verlagsbuchhändlers Rudolf Mosse (50 000 Mark) zur Unterstützung von in Not geratenen Kaufleuten und deren Witwen usw., Zuwendung derWitwe Fanny Liepmann im gleichen Betrage und zu ähnlichem Zwecke, Zuwendung des Kommerzienrats Pinkuß (30 000 Mark) usw. 8. Berlin, 26. August. Daß der verstorbene Josef Joachim sich nicht ohne Kampf dnrchgesetzt und daß auch seinem von Kindheit an sieghaften Talente die jüdische Abstammung hindernd im Wege stand, wird mehrfach bezeugt. Liszt erzählte einst einem Freunde: Ich war immer duldsam allen Konfessionen gegenüber. Schon 1842, als ich in Berlin ein Wohlrätigkeitskonzert gab, nahm man es mir sehr übel, daß ich ein Drittel der Einnahmen den jüdischen Armen zukommen ließ. Geradezu Lärm machte es aber, als ich Joachim in den fünfziger Jahren in Leipzig traf und ihn, der damals noch nicht der enorme Geiger war, aufforderte, mein Konzertmeister in Weimar zu werden. Ich bot ihm wenig Gehalt, doch viel freie Zeit, die er übrigens nicht ausnützte; nur von den Proben zu „Hernani" machte er sich frei. Doch ich mußte zuvor meinen Herrn, den Großherzog, für die Idee zu gewinnen suchen. Ich nahm kurze Audienz und meldete mein Vorgehen. Der Fürst stutzte gewaltig und meinte: „Wie wollen Sie denn mit meinen Weimaranern fertig werden, Sie wollen einen Juden hierherbringen?" — Die Folge lehrte, daß ich ganz gut fertig wurde . . . 8. Berlin, 22. August. Am letzten Sonntag Nachmittag ist hier der durch seine humanitären Bestrebungen in allen Gesellschaftskreisen Berlins wohlbekannte und hochgeachtete Kaufmann Jacob Fried - lande r im 79.Jahre seines arbeitsreichen Lebens gestorben. Während eines Zeitraums von 44 Jahren hat er in der Breiten Straße gewohnt. Der Stadtteil „Alt-Cölln" verdankt ihm die Einrichtung der ersten Berliner Sanitätswache, aus die sich später die gesamte Organisation des Sanitätswachwesens und der Unfallstationen aufbaute, sowie die Begründung des Fröbelschen Bezirkskindergartens. Er erhielt dafür die Rote Kreuzmedaille. Ebenso gehörte Friedländer zu den Begründern des Vereins gegen Verarmung. Nicht nur im politischen Leben war er ein eifriger Vertreter liberaler Grundsätze, auch auf freimaurerischem Gebiete war er schon vor 30 Jahren einer der Pioniere für Durchführung des humanistischen Prinzips in den preußischen Großlogen. — Freienwalde a. O., 18. August. Auch der Magistrat unserer Stadt hat sich infolge der genügend gekennzeichneten Treibereien desLeiPzigerTierschutzvereinsin feiner gestrigen Sitzung mit der S ch ächtfrage beschäftigt. Nachdem der Herr Bürgermeister, dem andere Mitglieder des Kollegiums beipflichteten, erklärt hatte, daß er aus der Gutachten-Sammlung und den weiteren Schriften des Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer die Ueberzeugung gewonnen habe, daß das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren eine Tierquälerei nicht darstelle, wurde einstimmig beschlossen, von einem Verbot des Schüchtens abzusehen, zumal da dasselbe auch eine kommerzielle Schädigung für unsere Stadt im Gefolge haben würde.