Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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In dieser Definition liegt neben dem Wih eine tiefe Moral. Und auch das ist ein Charakteristikum des jüdischen Witzes: Die erziehliche Tendenz. Wollte Gott, daß diese -erziehliche Wirkung auch an denen unserer Glaubensgenossen sichtlich würde, die in den Bädern und Sommerfrischen oft das große Wort zu führen belieben und an denen alle trüben Erfahrungen der antisemitischen Zeitperiode spurlos vorübergegangen zu sein scheinen. Sie sind so laut — wie ponnnersche Junker und so vordringlich — wie deutsche Antisemiten und so unangenehm lärmend — wie echte Wagnerianer. Diese Krankheitserreger — sie nämlich erregen vor allem die Krankheit des Antisemitismus — können einem die Berge wie den Strand gründlich verleiden. Da hört jeder Witz auf; es schwindet der behagliche Humor, der übrigens dem Juden durchaus nicht fehlt, wie manche vielfach behaupten, und es beginnt die Tragik unserer Geschichte, die ja in ihrer höchsten Spitze wieder mit dem scharfen Witz der Juden eng zusammenhängt. Auch die Narren bei Shakespeare sind die gescheidtesten und witzigsten Menschen in seinen Trauerspielen. Ach. ich denke hier beständig an den Klügsten all dieser Narren, der in „Lear" sein Liedchen mit dem unsterblichen Refrain singt: „Und der Regen, der regnet jeglichen Tag." Freilich er singt dann weiter: „Und wenn's genug geregnet hat. dann hört es wieder auf" — aber von dem Heringsdorfer Regen kann man das leider nicht sagen, der regnet unaufhörlich. Es ist die reine Sintflut; nur daß kein Mensch in die Archen steigen will, die trotzdem am Ufer bereitstehen, weil er seekrank zu werden fürchtet. Sie sehen, lieber Freund, wie kraus der Kreis meiner Gedanken und Betrachtungen ist. Aber bei dem schlechten Wetter dieses Sommers können Sie wirklich nichts anderes verlangen. Bei der Kälte erfrieren-die guten Gedanken und bei der Nässe schwimmen alle Witze weg. Die ernsten Betrachtungen aber, die mir der zur lieben Gewohnheit gewordene Aufenthalt im pommerschen Ostende aufnötigt, gehören nicht in dieses Ressort. Sie müßten im doppelten Sinne des Wortes an anderer Stelle stehen, um das Ohr derer zu erreichen, die es angeht. Und. es müßte ein dritter Jesaja sein, der sie anstellte. Denn gar viele, die hier den Strand bevölkern, machen es wie die französischen Bourbonen, von denen man sagte: Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen! Ersparen Sie mir die Ausführung dieser Andeutungen. „Der Weise versteht." Aber daß solche Erfahrungen nicht gerade dazu airgetan sind, um einen fröhlich zu stimmen, noch dazu, wenn es beständig Spitzbuben regnet, werden Sie mir gern glauben. Siesragen mich.warumHeringsdorf noch keineSynagoge hat. Der Gedanke an diese Frage steht in Verbindung mit den früheren Gedankenreihen. Eine Synagoge ist gerade in einem Badeort und in einer Sommerfrische eine Notwendigkeit. Einmal wird sie erfahrungsgemäß selbst von Leuten, die sonst den Weg zum Gotteshause verloren haben, auch besucht; sodann aber hält sie doch vielleicht manchen von Torheiten und Verirrungen ab, die hier so üppig emporschießen, wie die Wellen am Strande, die heute durch den Seewind so hoch getrieben werden — ein hier sonst ungewohnter Anblick! Ich weiß allerdings, mein Lieber, daß dieser Vergleich hinkt. Aber haben Sie schon einen Vergleich gesehen, der nicht hinkt? Den meisten sogar fehlt jedes tertiam eomparationis. Und wenn Sie noch ein Wort darüber reden, versetze ich Ihnen den uralten Witz von dem jüdischen Darschan, der mit dem tiefsinnigen Vergleich seine Rede einleitet: „Das Leben ist wie eine Kettenbrücke!" „Wieso?" fragen neugierig die Hörer. Und mit ^träumerischem Blick, als sähe er ttt die ferne Zukunft der Menschheit, antwortet der Rabbi: „Weiß ich?" Im Grunde genommen sind die meisten Vergleiche derartig. Daß ich aber gerade diesen Vergleich zum Beispiel gewählt, rührt daher, daß ich hier beständig an den Brückenkopf denken muß, den ich gar nicht mehr betreten kann, ohne mich zu ärgern. Ich ärgere uüch hier über alles, über Juden und Christen, über Männer und Frauen, sogar über Kinder. . . . Und doch sollte man gerade, wo die gequälten Nerven zur Ruhe kommen müssen, vor allem die weise Mahnung beherzigen: „Mensch, ärgere Dich nicht!" Aber zwei kleine Dialog-Ausschnitte, die ich unabsichtlich in der letzten Woche erlauscht, muß ich Ihnen, lieber Freund, der Sie meine früheren Heringsdorfer Dialoge so freundlich beurteilt haben, zum Schluß dieses Briefes doch mitteilen. Beide fanden natürlich auf dem Brückensteg statt. Den ersten führten zwei waschechte Antisemiten, die ohne Zweifel das Schiff aus Zinnowitz oder Binz herübergebracht hatte. Ich nenne sie A. und B. A. : Dieses Heringsdorf ist doch das reine Judenbad. Sind Sie heute beim Rennen gewesen? Die Hälfte der Besucher Juden! B. : Und im Strandkasino, gestern beim Konzert — drei viertel Juden! C. : Und im Kurhause lauter Juden! Entsetzlich! Den zweiten Dialog führten zwei Herren, von denen der eine unzweifelhaft ein Beamter, der andere ganz sicher ein pensionierter Major war. Ich nenne sie C. und D. C. : Unser Adel hat wieder durch Abwesenheit geglänzt. D. : Ja, und dabei sind doch die Rennen für sie wichtiger als für alle andern. C. : Es ist doch merkwürdig, daß unser Adel das uoblesse oblige so merkwürdig auffaßt. Er beteiligt sich weder an Festen, noch an künstlerischen Veranstaltungen oder sonstigen öffentlichen Dingen. Wo stecken denn eigentlich die Herrschaften? D. : Weiß nicht. Sehr merkwürdig! Hm. Hm. So lauteten die beiden Dialoge. Ich frage Sie nun, lieber Freund: was sollte aus den Rennen, den Konzerten, den Theatern, Museen und Kurbädern sowie allen öffentlichen Veranstaltungen überhaupt werden, wenn die Juden bei ihnen fehlen und etwa „unserem Adel" es nachmachen wollten? Vielleicht wissen Sie jemand, der diese Preisfrage entsprechend zu lösen vermag. Inzwischen bleibe ich in treuer Anhänglichkeit Ihr alter 6. K. MrechsaÄ. Geehrter Herr Redakteur! eit einiger Zeit treibt sich in Ostpreußen ein Mann namens Wolsf umher, welcher eine angeblich von mir unterschriebene Aufforderung zu einer Beisteuer für das hiesige Waisenhaus vorlegt und um Beiträge bittet. Das Schriftstück ist jedoch gefälscht, und ich bitte, den Schwindler anzuhalten und es ihm abzunehmen. Ich habe ein solches Schriftstück niemals ausgestellt. Graudenz, 21. Juli 1907. Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Loevh. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.