Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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419 jähriger Sohn aus dem Bade zurückerwartet. Das Haus war mit Gästen gefüllt. Ueberall Lichterglanz, Herren im Frack und nüt Orden, Damen mit langen Schleppen und Diener in vornehmer Livree waren überall um mich herum, so daß ich mich unter den Tisch flüchten mußte, um nicht getreten zu werden. Die Gedanken »reines Herrn waren das prächtigste Grün, das ich je gesehen, die vieler anderer aber waren so gelb wie eine Zitrone — vor Neid. Auch der Vater meines Herrn war anwesend, die Freude seines Sohnes hatte ihn angesteckt, sein Gesicht glänzte vor Stolz, und auch seine Gedanken waren grün. And dann kam's. Ich habe nicht mehr lange zu leben, aber so lange ich leben werde, wird das Bild unauslöschlich in meiner Seele bleiben. „Wann kommt Martha an?" fragte der alte Herr. „Um 9 Uhr dreißig, Vater." „So Gott will," murmelte der Alte. Mein Herr lächelte etwas spöttisch und wollte antworten, da erscholl von außen plötzlich der Ruf: „Extrablatt, Extrablatt! Schreckliches Eisenbahnunglück! Zusammenstoß zwischen dem Schnellzug Berlin—Wien und einem Personenzug!" Einen Moment herrschte lautlose, gräßliche Stille. Und dann erscholl eine Stimme, kreischend, fürchterlich; ein Schrei, der jedem durch Mark und Bein ging: „Allmächtiger Gott im Himmel, Martha ist in dem Zug." Es war mein Herr. Er stürzte hinaus, ich ihm nach." — Ich glaubte Tränen in den Augen des Hundes zu sehen, als er fortsetzte: „Letzten Donnerstag hat man sie in einem gemeinschaftlichen Grabe zur letzten Ruhe gelegt, — meine Herrin und ihren jungen Sohn. Ans dem jüdischen Friedhof. »Ich war nicht dabei, ich blieb bei meinem Herrn, — wo ein guter Hund immer hingehört. Und mein Herr konnte nicht mit, er konnte nicht. Er saß nur auf einer» Stuhl und starrte immerzu vor sich hin. Und er weinte nicht, gar nicht. Starrte nur immer vor sich hin und manchmal auf mich. Und so waren wir beide ganz allein im Zimmer und mir wurde sehr, sehr ängstlich zumute. Und da, ganz plötzlich, da schlug mein Herr seine Hände vors Gesicht und schrie: „O Gott, o Gott, warum hast Du mir das getan!" Und gleich darauf war er ruhig und lachte, ach so schrecklich lachte er: „Gott, — das ist ja Unsinn, das gibt es ja doch nicht. Das gibt es nicht, das gibt es nicht," murmelte er noch leise vor sich hin. „Die werden jetzt verfaulen, — Martha und mein liebes Harrychen. Und ich soll sie nie, nie Wiedersehen. Und nur, weil ich sie habe fortfahren lassen. Es hätte ja nicht sein brauchen, denn Bestimmung, das gibbs ja auch nicht. Also meine Schuld! Ich hätte sie nicht fahren lassen sollen. Bestimmung gibt's nicht — und Gott gibt's nicht — und ich soll sie nie Wiedersehen!" Die letzten Worte schrie er fürchterlich. Und dann warf er sich auf den Teppich und raufte sein Haar und krallte seine Nägel in seine Wangen, daß das Blut spritzte, und schrie: „Wer hat das Recht gehabt, mir meinen Glauben zu rauben! Mich unglücklich zu machen! Und wenn es tausendmal Lüge wäre, wer hatte das Recht, mir diese Lüge zu rauben, die mich glücklich machte. Wer?! Wer?! Warum?! Warum mußten Menschen, die in ihrer Philosophie sich elend fühlten, warum mußte Schopenhauer sein Elend niederschreiben und auch andere damit elend machen? Wie kommen diese Leute dazu, andere aufzuklären und elend zu machen? Was verlangt er von ihnen? Martha! Martha! Harrychen! Warum kann ich jetzt nicht glauben, daß wir uns nochmal Wiedersehen, o, warum habe ich mir meinen Glauben rauben lassen!" Und da sprang mein Herr, den ich doch mehr liebte als mein eignes Leben, plötzlich ans, und seine Gedanken waren so schwarz und undurchsichtig wie Tinte, so schwarz, wie ich noch nie Gedanken gesehen, und kam wütend auf nüch zu: „Du Hund!" schrie er, „du willst mir meinen Glauben rauben!" Und er stieß mir seinen Stiefel hier in die Seite, hier. Und dann lief er hinter mir her und stieß mich und warf Stühle nach niir, und alles, was er in die Hände bekommen konnte, und zerbrach alle Möbel. Und ich rief um Hilfe, so laut ich konnte. Und als ich schon halbtot war, da kamen endlich die Leute vom Kirchhof zurück, und als sie die Tür aufmachten, da lief ihnen mein Herr entgegen, und den ersten, der eintrat, schlug er mit seiner Faust nieder, und dabei schrie er immerzu : „Meinen Glauben will ich haben, meinen Glauben will ich haben!" Und da holten denn die Leute Stricke und banden meinen Herrn und packte» ihn in einen Wagen, und als ich mitwollte, da bekam ich noch einen Fußtritt. — Das ist meine Geschichte. Drei Tage bin ich mnhergeirrt, ohne Essen und Trinken, bis Du, o Herr und Gebieter, Dich meiner annahmst. Und aus Dankbarkeit habe ich Dir meine Geschichte erzählt. Vielleicht ist sie Dir nützlich. Vielleicht bewahrt sie Dich vor einem ähnlichen Schicksal, vielleicht vor einem ähnlichen Unglück, — dem Verlust Deines Glaubens. Und dadurch bleibt vielleicht auch mal einem Hund — wenn Du Dich jemals eines annehmen solltest — ein Schicksal erspart, wie das meinige. Denn ich sterbe an den Fußtritten meines Herrn. Doch »ms tut's? Ich bin ja nur ein Hund! Lebewohl, und nochmals habe Dank!" Und nachdem der Hund meine Wange geleckt hatte, sprang er aus sein Lager neben meinem Bette zurück. Jetzt erst merkte ich, wie schwer ihi» jede Bewegung wurde. Dann schlief ich wieder ein. — — — Als ich am Morgen erwachte, galt mein erster Blick dem Hunde, den ich abends vorher nach Hause gebracht hatte. Der lag ruhig auf seinem Lager, die Pfoten weit von sich gestreckt. Er war tot! lörltfr von der Seile. il. Heringsdorf, Mitte August. Mein lieber Freund! ie sind mit der Definition des Witzes, die ich in meinem Kissinger Brief Ihnen mitgeteilt, nicht zufrieden. Ich auch nicht. Und doch kan» ich Ihnen auch aus .Heringsdorf keine bessere geben. Am einsamen Meeresstrand denke ich viel über Ihren Brief nach, ohne auch «ur zu einem halbwegs vernünftigen Resultat zu kommen. Hängt doch der jüdische Witz mit der Eigenart des Jude», mit der Geschichte seines Volkes, mit vielen Imponderabilien des Geistes und Gemüts so eng zusammen, daß es selbst einem F. Bischer schwer geworden wäre, die richtige ästhetische Formel dafür zu finden. Ist es doch nicht das bloße Wort und der Gedanke, sondern gar oft auch das Unausgesprochene, ja sogar die Geb erde, die die eigentliche Pointe des jüdische» Witzes bildet. Und nun bin ich glücklich bei der witzigen Definition angelangt, die ich Ihnen heute vorsetzen wollte, gerade so, wie sie mir schon im Eiseubahnkupee auf der Fahrt von Berlin hierher meuchlings versetzt wurde. „Weißt du, was eine Pantomime ist?" Diese Frage richtete ein selbstverständlich polnischer Jude an seinen Freund. „Du rcdst, wie du immer redst, nur dn hältst das Maul dabei!"