Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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418 selbst der orthodoxeste Theologe gehört haben muß, und schließlich ging mein Herr mit. Was dort gesagt wurde, weiß ich nicht, denn mein Gebieter hat mich nicht mitgenommen. Ich weiß nur, daß er sehr spät nach Hause kam und noch lange in seinem Zimmer auf .und ab ging und sehr ärgerlich schien über etwas. Von der Zeit an holten ihn seine Freunde oft ab zu Vorträgen. Und dann brachten sie ihm Bücher mit. Eins davon hieß, glaube ich, „Kant". Darin las er lange und oft. Und dann las er „Schopenhauer". Und wie er den durchgelesen, und nochmal und wieder durchgelesen, da teilte er seinen Eltern mit, daß er Martha heiraten werde. Die armen Eltern waren zu Tode betrübt, aber er sagte: „Martha wird ja Jüdin. Ich werde Schriftsteller werden, als solcher glaube ich noch recht Tüchtiges leisten zu können." Und obwohl die alten Eltern gar sehr betrübt waren, wollten sie ihren einzigen Sohn doch glücklich sehen und willigten ein und gaben ihren Segen. Bald darauf wurde die Hochzeit nach jüdischem Ritus gefeiert, mein Herr zog mit mir in ein eignes Heim ein, schrieb für Zeitungen und noch anderes, und alle waren glücklich. Doch nun fing mein Herr erst recht an zu lesen, nein, nun studierte er förmlich. Ganze Nächte saß er auf. Auf Nietzsche folgten Darwin und Haeckel. Um die Zeit, als er Haeckel las, kam seine Frau — sie waren damals etwa drei Monate verheiratet — und klagte ihm, daß sie sich mit dein Koscherwirtschaften noch immer nicht zurecht finden könne, es sei doch eine wahre Qual. Da sei jetzt wieder eine Ente, die habe eine Blase iin Schlund; muß die deshalb wirklich unbedingt zum Rabbiner gesandt werden, oder ging's nicht auch so, „nur dieses eine Mal"? Da lachte er und fragte sie, ob sie sich sehr freuen würde, wenn sie die ganze „Koscherwirtschaft" an den Nagel hängen dürfte. Da fiel sie ihm jubelnd um den Hals und herzte und küßte ihn und sagte, dann wäre sie erst wahrhaft glücklich. Da wies er mit seinem Finger auf das Buch, das er eben gelesen und ineinte laut lachend: „Ich bin so ziemlich überzeugt davon, daß wir alle von Assen stammen, und in dem Falle —" und er lachte lvieder. Die Gedanken, die dabei von ihm ausgingen, waren ein herrliches Grün, gemischt mit rot und weiß, aber die schönen blauen — die waren wie fortgefegt. Nicht einen konnte ich entdecke»» — und doch hatte ich die so gern gehabt, schon ihrer schönen Farbe wegen. Von nun an wurde bei uns ganz „trefe" gelebt, und als nach einem Jahre ein Söhnchen zur Welt kam, da wurde es nicht beschnitten, sondern als „freireligiös" in die standesamtlichen Bücher eingetragen. Den alten, armen Eltern meines Herrn war das gewiß nicht recht. Sie nahmen wohl die Einladungen zu den glänzenden Festen an, die ihr Sohn veranstaltete, aber — sie konnten an der Tafel nicht teilnehmen, es war ja alles trefe. Ich sehe die. Szenen noch so vor mir. Der Sohn würde zum Vater sagen: „Aber Väterchen, meinst Du denn wirklich, daß es dem lieben Gott nicht ganz gleichgültig ist, ob Du Fleisch ißt, nachdem.Du eben Milch getrunken?" Und dann schüttelte der Alte gewöhnlich betrübt sein Haupt. „Es ist nicht das," sagte er dann wohl. „Aber Du hast es ja an Dir selbst erlebt. Laß auch nur ein Tüpfelchen nach, fange an, auch nur ein wenig „aufgeklärt" zu werden und Du wirst immer mehr Nachlassen, immer „aufgeklärter" werden, bis Du schließlich die Religion als Gegenteil von dem sehen wirst, was sie ist und sein will. Du wirst in ihr nicht mehr den Förderer, sondern den Hemmschuh sehen, bis Du schließlich an Gott selbst zweifelst, und dann," — der Alte seufzte schwer — „bann sei Dir der Herr gnädig." „Ich entsinne mich, wie herzlich mein Herr darauf lachte," setzte der Hund nach einer nachdenklichen Pause fort. „Sieh mal, Vater," antwortete er, „Du bist doch sonst ein solch kluger Mann. Ist denn die Religion nicht ein Hemmschuh? Denke Dir doch mal alle Religionen aus der Welt verbannt. Wie stünden wir dann da?" „Wie? Daß sich Gott erbarm! Auffressen würden wir uns." „Nicht doch, so meine ich nicht," sagte mein Herr. „Ich meine, denke Dir an Stelle der Religio»! die Grundsätze und Lehren der Philosophie. Denke Dir, die Menschen nähmen sich Kant und Schopenhauer zur Richtschnur. Oder Darwin, oder — —„Halt!" rief da der alte Herr, „von dem, was Du da sprichst, verstehe ich wenig, aber wenn Du die Lehren der Leute meinst, die da behaupten, der Mensch stamme vom Affen, oder die Natur sei Gott, oder es gebe keine Vorsehung, — ja, mein Kind, dann würde man doch an keinen Gott mehr glauben." „Allerdings, lieber Vater, glaubt man dieses, dann kann inan der Bibel nicht mehr glauben. Aber diese Anschauungen erweitern doch den Geist, die Seele. Es sind doch »venigstens Wahrheiten. Und sie ersetzen doch vollkonunen den Glauben an eine Vorsehung." Wie die Augen »neines Herrn blitzten, als er dies sagte. „Und an Gott?" fragte sein Vater langsam. »Ja — und an Gott!" erwiderte »nein Herr fest. Da stöhnte der gute, alte Mann tief auf. „Oh," murinelte er, „so »veit ist's schon mit Dir? Armes, armes Kind." Dabei rollte eine Träne nach der andern in seinen grauen Bart hinein. Und ganz plötzlich faßte er dann »ueinen Herrn an» Arm, zog ihn zu sich herunter, als wollte er ihm etwas ins Ohr sagen, legte dann seine Hand auf den Kopf meines Herrn und sagte ganz, ganz leise: „Jeworechecho adonai wejischmerecho!“ Und dabei weinte er, v, so herzzerbrechend. Solche Szenen wiederholten sich. Namentlich, als die fürchterliche Trauerbotschaft aus Kischinelv kam. „N>»n Vater," fragte niein Herr, „wäre es nun nicht besser gewesen, wenn die armen Menschen, die da so jammervoll gemartert und genrordet wurden, nicht J»»den gewesen wären? Wären solche Grausamkeiten überhallpt »nöglich, »venn es gar keine Religion gäbe?" Und der Vater antwortete ihm: „Ob es besser gewesen »väre, wenn die armen Leute keine Juden gewesen wären/ das »veiß ich nicht. Der Allmächtige hat es so gewollt. Du kennst doch noch das herrliche Wort der Juden: Garn su letowo. Wenn durch dieses fürchterliche Hinschlachten das Gesamtlos der Juden in Rußland gebessert werden sollte, wenn dem Antisemitisinus in der ganzen Welt dadurch Abbruch getan werden sollte, dann sage ich: es war fürchterlich, aber gam su Jetowo. Wer weiß, zu welch einen» guten Zweck diese Untat ein Mittel Gottes war. Aber, »venn Du fragst: Wäre es nicht besser ohne Religion?, so antworte ich nein, mein ar»ner, verirrter Sohn, nein, und tausend»nal nein! — Denn tvas hätten diese armen Menschenkinder da draußen ohne ihre feste Zuversicht aus Gott angefangen. Wie und »vo hätten sie Trost gesunden?" „Eben in den Lehren der Philosophie," sagte »nein Herr. Sein Vater sah ihn traurig an. „Mögest Du immer so glauben," sagte er dann. „Denn wenn Du »nal gez»v»»ngen »verden solltest. Dein Unrecht einzusehen, dann — o, dann wird es fürchterlich sein — Vor einer Woche sollte ein großes Fest im Hause »»»eines Herrn stattfinden. Ein Doppelfest. Denn abends vorher »var ein Drama meines Herrn »nit ungeahnten» Erfolg zum erstenmal in Szene gegangen und man wollte den „Künstler von Gottes Gnaden", wie ihn die Zeitungen nannten, feiern. Und dann wurde meine Herrin und unser jetzt drei-