Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228780--63782-3297706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
417 beiden alten Leute hatten mich sehr gern und hätschelten mich; mir selbst aber war der einzige Sohn des Hauses, ein junger Mann von achtzehn Jahren, am sympathischsten. Denn nachdem ich einige Monate älter geworden war, konnte ich alle seine Empfindungen wittern — und die waren so rein; so weiß wie Schnee waren seine Anschauungen, und dazwischen so grasgrün, das zeigte von seinen Hoffnungen. Am stärksten aber waren seine erhabenen, gottesfürchtigen, blauen Gedanken vertreten. Nie kreuzte ein schwarzer, böser, oder ein roter, sinnlicher Gedanke seinen Kopf. Er war ein herrlicher Mensch, und so gut zu mir. Eine Zeitlang ereignete sich auch nichts Besonderes. Wir wurden alle älter zusammen, da erlitt Heinrichs (so hieß mein junger Herr) Mutter einen Schlaganfall. Sie erholte sich zwar wieder verhältnismäßig schnell, blieb aber auf einer Seite gelähmt, so daß sie sich nur noch schwer fortbewegen konnte. Von nun an saß sie den größten Teil des Tages in ihrem ledernen Sessel und las die Bibel. Dann kam der große Tag, an dem Heinrich seine erste Predigt abhalten sollte. Denn Heinrich hatte das Glück gehabt, gleich nach seinem allerdings glänzend bestandenen Examen zur Probepredigt — die Leute waren Juden — in einer Synagoge der Hauptstadt zugelassen zu werden. An diesem Sonnabend nun waren Vater und Sohn zusammen in den Tempel gegangen, das arme, gelähmte Mütterchen mußte allein zu Hause bleiben. Ich sah, wie ängstlich und ungeduldig ihre Gedanken waren und sie tat inir sehr leid. Plötzlich aber wurde die Tür aufgerissen und mit einem Schrei: „Mutter, liebes Mütterchen!" stürzte Heinrich ins Zimmer, auf seine Mutter zu. In der Tür stand der Vater tränenden Auges. Dann nahm Heinrich seinen Ueberzieher ab. Er hatte noch den Talar darunter. „Damit mein Mütterchen auch sehen soll, wie ich ausgesehen habe", wie er sagte. Es war eine rührende Szene. Und all die weißen und blauen gotterfüllten Gedanken, die da ausströmten. Es war der schönste Tag meines Lebens. „Aber", unterbrach ich, „Du erzählst mir da doch nicht Deine Geschichte, sondern die Deines früheren Herrn." „Nun," meinte er, „das ist doch dasselbe. Dafür bin ich doch auch ein Hund. Wir Hunde gehen auf in dem Leben unserer Herren. Ihr Wohl ist auch unser Wohl, ihr Leben unser Leben, ihr Tod unser Tod. Das können die Menschen nun wieder nicht verstehen, denn das ist nicht Menschenart. Aber Hundeart ist's — und ich bin ja nur ein Hund. Doch höre weiter, o Herr und Gebieter. Mein Meister Heinrich wurde von der Gemeinde zu ihrem Rabbiner erkoren, lebte bei seinen alten Eltern und unser Leben floß dahin wie ein ungetrübtes Bächlein. Nun hatte ich damals, gleich am ersten Tag, nachdem meines Meister Heinrichs Anstellung bekannt wurde, unter den vielen, vielen Leuten, die da kamen, meinem Meister Glück zu wünschen, auch ein junges Mädchen bemerkt, die mir gleich durch ihre Schönheit ausfiel. Ein herrliches Geschöpf; selten habe ich solch ein Exemplar unter den Menschen gesehen, und wir Hunde haben einen guten Blick für alle Rasseschönheiten. Was mir bei diesem Mädchen aber bald auffiel, war, daß ihre Gedanken nicht nur nicht die nötige grüne Hoffnungsfarbe, sondern daß sie ganz im Gegenteil die Farbe abgestorbener Blätter hatten, also Depression und Hoffnungslosigkeit verrieten. Und das „Wieso" hatte ich auch bald heraus. Das bildhübsche Mädchen war in meinen Herrn sterblich verliebt und war — Christin. Und mein Meister war nicht nur Jude, sondern auch noch Rabbiner. Darum ihre Hoffnungslosigkeit. Daß aus einer Ehe zwischen ihnen beiden nie etwas werden könne, das wußte sie ganz genau. Wie ich schon gesagt habe, hatte mein Herr immer viel Besuch. Alte Schulkameraden und neu erworbene Freunde, Juden und Christen, füllten allabendlich sein Studierziminer. Und fast immer befand sich unter ihnen die schöne Martha, eben diese Christin, von der ich sprach, die Tochter des Herrn Nachbars. So verging etwa ein Jahr. Da bemerkte ich, der ich immer sehr besorgt um meinen jungen Herrn war, daß sich eine Aenderung mit ihm vollziehe. Seine Gedanken hatten nicht mehr die richtig grüne Farbe und hin und wieder mischte sich sogar etwas rot darunter. Ich wurde sehr, sehr besorgt. Doch was konnte ich tun? Wenn ich mit dem Schwänze wedelte, so streichelte er mich noch zärtlicher, und manchmal sagte er zu mir: „Tu liebes Vieh, Du siehst mich so verständig an, als wolltest Du meinen Kummer teilen." Und dabei ahnte er nicht, daß ich jedes Wort verstand. Ich weiß gar nicht, mit welchem Recht sich die Menschen für so schlau und klug halten — sie wissen doch gar nichts — nicht mal eine Hundeseele können sie verstehen. Auch den Freunden meines Herrn war seine niedergedrückte Stimmung ausgefallen und sie forschten nach der Ursache. Und da, eines Abends, als er mit seinen drei intimsten Freunden beisammen saß, da beichtete er ihnen. Er sagte, er tue es in der Hoffnung, daß sie ihm Trost spenden können und daß es ihm nun vielleicht leichter sein würde, sein Unglück zu tragen. Er erzählte ihnen alles, von seiner Liebe zu Martha und von Marthas Liebe zu ihm. Und nun müsse er doch ewig auf sie verzichten und immer unglücklich sein. Ein Freund, sein bester, machte ein ernstes Gesicht und gab ihm den Rat, sich versetzen zu lassen; er sei noch sehr jung, er würde das Unabänderliche schon überwinden und noch recht glücklich werden. Und wirklich sah ich, wie die Gedanken meines jungen Herrn wieder grüner wurden bei diesen Worten und freute mich. Da fingen nun aber auch die beiden andern Freunde zu sprechen an. Die lachten meinen jungen Herrn aus. Heute, sagten sie, wo die ganze Welt so aufgeklärt wäre, da solle man sich durch solch eine Lappalie sein Glück zerstören lassen? Des Menschen Glück geht über alles. Das Leben sei so wie so kaum des Lebens wert, und wenn man sich denn noch ein Glück, das einem winkt, kleinlicher Bedenken wegen entgehen lassen wolle, so sei man für diese Welt gar nicht geschaffen. Und als mein junger Herr gar bemerkte, daß Martha Jüdin werden wolle um seinetwegen, da gerieten die beiden fast außer sich. Ja, was denn noch vorliege? fragten sie. Er aber nieinte, auch wenn Martha Jüdin würde, könne er nicht Rabbiner bleiben. „So werde etwas anderes," sagten sie, „bei Deinem Talent ist das eine Kleinigkeit. Man muß um sein Glück kämpfen!" „Und meine lieben Ellern?" fragte er, „die so stolz sind auf mich?" „Sie werden gern ihren Stolz Deinem Glücke opfern", antwortete der eine, und „sie werden auch dann noch Grund haben, stolz auf Dich zu sein", der andere. Das ging so eine lange Zeit. Da kam eines Abends einer der Freunde und bat meinen jungen Herrn, doch mol zu einem Vortrag mitzukommen. Herr Professor Delitzsch würde über die Bibel und Babel und Gott usw. sprechen, und es könne meinem jungen Herrn gar nichts schaden, mal ein paar „ausgeklärte" Ansichten mitanzuhören. Mein Herr sträubte sich erst sehr, denn orthodox, wie er erzogen, erschien es ihm schon eine Sünde, etwas, das sich gegen Gott oder die Bibel richtete, auch nur anzuhören. Der Freund aber sagte, es handle sich nur um „wissenschaftliche" Erörterungen, die