Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-30 · Heft 35 (30.8.1907) · p. Seite 416

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228780--63781-3297705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Er hätte nicht tagen können, warum ihm diese Geschichte so unsäglich gefiel; aber in der mild auftauenden Wärme und in der weichen Dämmerung des großen Raumes empfand er unbewußt, wie Meuschheitsmorgenfrühe in dieser Erzählung ist, empfand er den gleichmäßigen Fluß eines Lebens, das auch die Vereinigung zweier Menschen betrachtet nach Hirtenweise und sie zusammengibt in schweigender Unterwerfung unter ein stummes, ewiges Naturgesetz." Gewiß, diese Geschichten werden, erzählt man sie nur halbwegs geschickt, ihren Eindruck auf die Kinderherzen niemals verfehlen, eben weil sie aus der Kindheitsmorgenfrühe des Menschengeschlechts stammen, weil sie eine Fülle von äußeren Geschehnissen bringen, die an das von der Jugend gerade so bevorzugte Abenteuerliche grenzt, und weil ihre Helden ebenfalls meist nach dem Herzen der Kinder sind. Selbst Geschichten ohne jeden religiösen, vielleicht selbst ohne tieferen sittlichen Gehalt, wie die von Jakob und Esau, oder von Simson, sind doch, wie jeder, der sie erprobt hat, zugeben muß, höchst dankbare Erzählstoffe, an denen die Kinder mit Begierde hängen. Unter den Josephgeschichten ist besonders die letzte: „Joseph gibt sich zu erkennen", von unerschöpflich packender, lebenzeugender Gewalt. Als viel angefochtene Geschichten, die ich gleichwohl um ihres ergreifenden poetischen Gehaltes willen nicht missen möchte, nenne ich „Isaaks Opferung" und das verwandte: „Jephtas Tochter". Geschickt ausgemalt bringen sie unfehlbar eine tiefgehende Wirkung zustande. Ueber die Lieblichkeit der Erzählung von Moses auf dem Nil, über die Größe und Majestät in der Darstellung der „Gesetzgebung auf dem Sinai" sollte meines Erachtens ebensowenig Meinungsverschiedenheit bestehen, wie über das dem Knabensinn besonders zusagende Heldenhafte der Richtergeschichten und über die erschütternde Tragik im Leben und in der Entwicklung Sauls, und auch der viel angefochtene David bietet doch — so zumal in seiner Freundschaft zu Jonathan — eine ganze Menge erhebender Züge. Es versteht sich von selbst, daß hier jeder Lehrer seine besonderen Lieblinge hat, wie es umgekehrt auch für jeden Partien geben wird, die ihm nicht „liegen". Auch hier ist selbstverständlich dem Lehrer zu gestatten, das, worin er sein Ich legen kann, in aller Ausführlichkeit, das klebrige mehr summarisch zu behandeln. Wenn er nur solche Lieblingsgeschichten hat! Und je mehr er sich in diese epischen Berichte vertieft, um so mehr muß sich auch der Kreis seines Interesses ausdehnen; denn — ich wiederhole es — das Poetische, das Ethische, das Kindertümliche, das diese Geschichten neben ihrem religiösen Gehalte besitzen, kann auf die Dauer von keinem Lehrer verkannt werden, der sich nur nicht die Scheuklappen einer vorgefaßten üblen Meinung hat anlegen lassen." So weit die Auslastungen von Linde: „Ueber die Entfernung des Religionsunterrichts aus der Schule" — über das Alte Testament. Mögen nun die Stürmer fich vom Alten Testament lossagen, mögen sie sogar nach Chamberlain behaupten, Christus wäre gar kein Jude gewesen, folglich beruhe das Neue Testament nicht auf der Basis des Alten; bei dem besonnenen Teile wird sich nach und nach die Erkenntnis Bahn brechen, die Schiller in seiner „Sendung Moses" zum Ausdruck gebracht hat: „Ja, in einem gewissen Sinn ist es unwiderleglich wahr, daß wir der mosaischen Religion einen großen Teil der Aufklärung danken, deren wir uns heutigen Tages erfreuen." Line hulidrgrlchjchte. Von Oscar T. Schweriner. ^er Vortrag war beendet. Was Professor Delitzsch da über Bibel und Babel erzählt hatte, hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Nachdenklich schleuderte ich die Straße entlang, weiter und immer weiter — und immerzu grübelnd. Es war ein wundervoller Winterabend, die Sterne funkelten und strahlten am Himmel. Unbemerkt war ich in eine einsame Straße gekommen — da fand ich ihn. Ein unterdrücktes Winseln hatte mich ans meinen Träumereien aufgeweckt; als ich näher hinsah, gewahrte ich einen alten, gelben Hund; er lag an einer Kirchhofsmauer, anscheinend verendend. Ich beugte mich über ihn, da winselte er noch stärker. Seine Augen sahen mich so flehentlich an, als bäten sie um Hilfe. Was aber mein Mitleid am meisten erweckte, das waren seine verzweifelten Versuche, mit dem Schwänze zu wedeln. Das Tier tat mir schrecklich leid. Wenn es nur nicht so schmutzig gewesen wäre! Aber ihn dort liegen zu lassen, das hätte ich nicht fertig gebracht. Zum Glück kam gerade ein sehr zweifelhaftes Individuum des Weges. Für Geld und gute Worte ließ er sich bewegen, den Hund nach meiner Wohnung zu tragen. Dort angekommen, entließ ich den Manu, gab dem Hund etwas zu fressen, wusch ihn gründlich und hatte die Freude, zu sehen, wie sich das Tier unter meinen Händen erholte. Und die Anstrengungen, die es machte, mir seine Dankbarkeit zu beweisen! Es war rührend. Schließlich ging ich zu Bett. Zuvor hatte ich dem Hunde dicht neben meiner Schlafstätte auf der Bettmatte ein Lager zubereitet. Bald schlief ich ein. Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen. Aber plötzlich fühlte ich ein Jucken in den Fußsohlen, eine Untersuchung ergab, daß mein neuer Freund, der Hund, auf mein Bett gesprungen war und meine Fußsohlen leckte. „Laß das, ja?" rief ich unwirsch und zog meine Beine empor. „Vergib, o Herr und Meister, ich wollte Dir nur meine Dankbarkeit beweisen," erwiderte da zu meiner größten Ueberraschung der Hund in seiner Sprache. „Du hast mich vom sicheren Tode errettet und ich möchte Dir so gern einen großen Gegendienst leisten." „Das wäre doch wohl kaum möglich," meinte ich. „Wer weiß auch noch," erwiderte er sanft. „Wir Hunde sammeln in unserm kurzen Leben eine von den Menschen ungeahnte Menge Erfahrungen. Denn wir sehen nicht bloß mit unfern Augen wie andere Tiere, wir wittern auch die geheimsten Gedanken der Menschen. Sobald wir in seine Aura, diese undefinierbaren menschlichen Ausströmungen, gelangen, erkennen wir an der Farbe der Ausströmungen, was in ihm vorgeht. Aber das ist nichts für Menschen, das kannst Du. o Herr und Gebieter, doch nicht verstehen. Aber wenn Du erlaubst, will ich Dir meine Lebensgeschichte erzählen." Und ohne meine Antwort abzuwarten, kroch er behende über die Bettdecke hinauf zu meinem Kopfe, legte sich so neben mich hin, daß seine Schnauze fast mein Ohr berührte und nun flüsterte er mir die folgende Geschichte zu. Wie ich den Hund verstanden, das ist meine Sache, aber die Geschichte ist wahr, ein jedes Wort davon. „Als ich vierzehn Tage alt war," fing der Hund seine Erzählungen an, „nahm man mich von meiner Mutter fort. Ich kam in ein Haus, wo man sehr gut zu mir war. Die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.