Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Feder sträubt sich, die Eigenschaften niederzuschreiben, mit denen er einzelne biblische Gestalten belegt. Die Redaktion ließ die Arbeit passieren, ohne auch nur durch eine Bemerkung das Verletzende abzuschwächen. Es dauerte lange, bis eine Stimme sich gegen dieses, sagen wir gelinde, unfeine Machwerk erhob. Da teilte mir ein bekannter hiesiger Professor mit, daß sein Schwiegervater, Pfarrer Happel, der Allgemeinen deutschen Lehrerzeitung eine Entgegnung eingesandt habe. Die sehr gründliche, aber nach meiner Ansicht sehr zahme Entgegnung hatte mir Veranlassung gegeben, mit genanntem Pfarrer im brieflichen Verkehr zu treten, und in dem jetzt mehr denn je tobenden Streite verdient die Antwort Happels, der, nebenbei gesagt, ein intimer Freund Stöckers ist, auch weiteren Kreisen bekannt zu werden. Sehr geehrter Herr! Daß meine Entgegnung in der „Allg. deutschen Lehrerzeitung" Ihren Beifall gefunden, war mir lieb zu hören, und ich danke für Ihre freundlich anerkennenden Zeilen. Leider waren einige sinnentstellende Druckfehler in meinen Aufsatz gebracht, doch konnte der aufmerksame Leser sie leicht berichtigen. Sie haben recht, der frivole Ton des Aufsatzes, dem meine Entgegnung galt, hätte eine scharfe Zurückweisung verdient, und wenn ich meiner tiefen Entrüstung hätte Ausdruck geben wollen, würde sie auch erfolgt sein. Ob aber mehr dadurch erreicht worden wäre, ist die Frage. Auch hätte die Redaktion eine derartige Entgegnung gar nicht ausgenommen. Ich bin tief betrübt über die rohe Weise, wie in unseren Tagen mit dem, was uns heilig sein sollte, und besonders dem A. T., umgegangen wird. Doch es werden auch wieder andere Zeiten kommen, und es wird nicht lange dauern, dann werden die sich schämen müssen, welche so unverständig das von den wirklich Einsichtigen Hochgehaltene gelästert haben. Gestern!as ich in einem überhaupt sehr anziehend geschriebenen Buche, „Das Unmittelbare" von Lie. Kutter, die richtige Bemerkung, oaß wir nur das verhöhnen, wovon wir uns im Innersten getroffen fühlen. Das gilt besonders auch bezüglich des Alttestamentlichen Gottesglaubens: er ist vielen in unserer Zeit ein Stachel ins Gewissen, wider den sie vergeblich ausschlagen, daher der Ingrimm. Wider diesen Felsen sind schon viele umsonst angelaufen, er ist unverrückt geblieben und wird es bleiben. In hochachtungsvoller Ergebenheit Ihr Julius Happel, Pfarrer. Es kann hier nicht alles registriert werden, was fast wöchentlich auf diesem Gebiete geleistet wird. So wird in diesen alles negierenden Kreisen heute am Alten, morgen am Neuen Testament abgebröckelt, und man wird unwillkürlich an das talmudische ]HZfZ n~lp erinnert. Die Pflanze, die auf diesem unfruchtbaren Boden emporgeschossen, sie wurde uns in den letzten Monaten vom Bremer Lehrerverein präsentiert. Entfernung des Religionsunterrichts aus der Volksschule lautet der Grundgedanke einer Denkschrift des genannten Vereins an die Oberschulbehörde. Diese Denkschrift erfuhr eine sehr eingehende Besprechung in der früher von dem hiesigen Schulinspektor Scherer und jetzt in Leipzig redigierten Zeitschrift „Neue Bahnen". Außerordentlich wohltuend ist es, daß wir einer Verteidigung des Alten Testaments auch einmal in einer liberalen pädagogischen Zeitschrift begegnen. Einzelne Auslassungen mögen hier eine Stelle finden. Nachdem der Verfasser darauf hingewiesen, daß nicht alle Geschichten des Alten Testaments in der Schule behandelt werden können, fährt er fort: „Ja, es steht ganz außer allem Zweifel, daß das Allernieiste, was uns im Alten Testament erzählt wird, entweder ethisch oder ästhetisch wertvoll, oder so kindertümlich ist, daß sich ihm aus den Literaturen wenig an die Seite setzen läßt! Wie machtvoll poetisch setzt schon die Genesis ein: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüste und leer. Und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser." Es klingt wie die ersten schweren, gehaltenen tiefen Töne einer Symphonie, eine große Spannung erweckend und eine erhabene Stimmung auslösend. Und so rollt sich nun der Weltlauf, wie er sich im Kopfe jener alten Schriftsteller, die Epiker und Historiker. Dichter und Chronisten in einer Person waren, abgespiegelt hat, vor unfern staunenden Blicken auf: Auf jene uralten, tief poetischen Sagen von der Schöpfung, vom Paradies, vom ersten Brudermord, von der Sintflut, vom Turmbau zu Babel folgen jene zusammenhängenden Familiengeschichten, die trotz alles Dunkels und aller Seltsamkeiten den Weg zum Kinderherzen finden, weil sie aus der Kindheit des Menschengeschlechts herüberklingen, „träumevolle, ahnungsvolle, hoffnungsvolle Kindheit in ihnen selber ist". Die Worte sind von Otto Ernst, der ja bekanntlich als jugendlicher Stürmer und Dränger seinerzeit selbst die Parole ausgegeben hatte: Religionsunterricht hinaus aus der Schule, dafür Literaturunterricht herein! Aber seitdem er sich in „Asmus Sempers Jugendland" seine eigene Kindheit wieder zum Leben erweckt hat, scheint er anders denken gelernt zu haben. Ich kann mir nicht versagen, noch ein Stück aus dem erwähnten Autobiographischen Roman mitzuteilen. Ter Dichter erzählt uns, wie der kleine Asmus Semper in der Schule zum erstenmal jene Geschichten hört: „Und siehe, vor dem Ofen in der winterdunklen Stube blühte langsam die sonnenhelle Geschichte empor von Elieser, der für seines Herrn Sohn um Rebekka warb am Brunnen der Stadt Nahors. Und es war in dieser Geschichte stilles Leben der Hirten, das beim Pferchen der Schafe lange schweigend in den Himmel blickt und beim Weiden des Viehes geruhig nach den Bergen schaut, über die von zehn zu zehn Jahren Grüße der Freunde kommen, von zwanzig zu zwanzig Jahren liebe Verwandte herabsteigen. Die Augensterne des kleinen Semper machten mit der Karawane des Elieser die weite, weite Reise nach Mesopotamien, das sah man ihnen an, und als es hieß: „Da kam Rebekka, Bethuels Tochter, und trug einen Krug aus ihrer Achsel und sie war sehr schön von Angesicht", da wurde Asmusfens Gesicht so schön, wie es nur werden konnte, und als sie auf Eliesers Bitte um einen Trunk eilends den Krug niederließ auf ihre Hand und sprach: „Trinke Herr!", da neigte Asmus lächelnd und freundlich sein Haupt und ließ den treuen Diener Abrahams trinken, und da sie gesprochen hatte: „Ich will auch Deine Kamele tränken!" und mit lieblicher Geschäftigkeit zwischen Brunnen und Tränke hin- und widerlief, da wunderte er sich mit Elieser schweigend ihrer Anmut, und als der treue Knecht nun ausrief: „Gelobt sei Gott, der mich den Weg geführt zu meines Herrn Bruders Hause!", da atmete Asmus tief auf und dachte: „Ja, die mußte er nehmen".