Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
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den strengen Gläubigen Marokkos nichts Verächtlicheres als das Wort Jhudi, eine Verachtung, die in allen Kreisen der Bevölkerung hervortritt, so daß sich der ärmste Lastträger oder Negersklave für unendlich höher stehend hält als einen Israeliten." Außerhalb der Mellah erscheint der Jude in dürftigster und schmutzigster Kleidung, denn er will den Schein des Reichtums vermeiden, um nicht die Habsucht zu wecken. Scheu und gebückt schleicht er längs den Häusern hin und meidet vorsorglich die Straßen, in der sich eine Moschee befindet. Jenseits der Tore seines Quartiers darf er, ob Mann, ob Frau, nur barfuß sich blicken lassen. Und doch ist der Jude trotz seiner äußerlich gedrückten Lage in Marokko unentbehrlich. Für die Mächtigen ist sein Reichtum eine stets sprudelnde Quelle, aus der sie mit vollen Händen schöpfen. Ohne Juden würde Handel und Wandel ins Stocken geraten. Ein sehr großer Teil des Handels ruht in ihren Händen, besonders der Import und der Export. Braucht der Gouverneur Geld, so beauftragt er „seine Juden" mit der Beschaffung. Meist finden sich auch an den Halteplätzen der Karawanen eine oder mehrere Judenfamilien, die mit dem Privilegium, dort zu wohnen, das des Handels verbinden. Ein großer Teil der marokkanischen Juden liegt dem Handwerk ob, das sie mit Geschicklichkeit handhaben. In Miknas z. B. ruhte der gesamte Kleinhandel und das Kleingewerbe in ihren Händen. „Butike reiht sich an Butike, oft genügt auch eine aufgespannte Matte, um eine Werkstatt zu etablieren, wo sie dann den ganzen Tag mit großer Emsigkeit hocken und sich selten von ihrer Arbeit stören lassen. Schuhmacher und Schneider, Schmiede, Tischler, Gold-und Silberarbeiter, Seidensticker usw. sind fast ausschließlich hispanische Juden." Obwohl in einer Gesamtzahl von zweifelsohne 80—100 000 über das Land verbreitet, genießen sie nach dem Gesetz keine bürgerlichen Rechte und sind als Schutzgenossen lediglich geduldet. Das Fürlorsrheim des jüdischen Frauenbundes. Eine Bitte an unsere jüdischen Schwestern und Brüder. Bon Sidonie Werner, Hamburg. errauscht ist der Reigen froher Sommertage. Von Sonne durchglutet und von strahlender Helle durchflutet versinken Täler und Höhen. Wälder und Flüsse in dem sich immer mehr verdichtenden Nebel der Erinnerung. Ernst drängt wieder das Leben, die Arbeit ruft. Wohl dem, der nach der Tage Feierklänge sich aufs neue bewußt geworden, daß er noch viele Ansprüche zu erfüllen, noch Begonnenes zu vollenden hat. Noch ein Rasttag, ehe die Uhr der Pflicht mit ihrem Gleichklang übertvnt, was singt und klingt, was surrt und schwirrt von Erinnerungen an schön verlebte Ferientage. Es war auch ein sonnendurchfluteter Tag, dieser letzte Ferientag, als ich in Frankfurt a. M. in Begleitung der ersten Vorsitzenden des jüdischen Frauenbundes, mit Fräulein Berta Pappenheim, die Waldbahn bestieg, um mitten aus dem Gewirr der Großstadt etwa in 20 Minuten wieder mitten im Walde zu sein. Stockender ward unsere Unterhaltung, die in einem Austausch von Betrachtungen bestand, die wir beide geschöpft hatten aus unserm Verkehr mit den Mühseligen und Beladenen. Suchender wurde mein Blick, wir näherten uns dem Fürsorgeheim des jüdischen Frauenbundes. Umgeben von Wiesen, Feldern ünd Wäldern liegt es in Neu-Isenburg im Hessischen. Wir zögerten beide einen Augenblick, ehe wir die Schwelle dieses Hauses betraten, das bestimmt ist, eine Erziehungsstätte zu werden, eine Stätte der sittlichen Ausrichtung für gefährdete jüdische Mädchen. Im gleichen Moment durchzitterte uns der Wunsch: Möge uns jüdischen Frauen gelingen im Zusammenschluß zu zeigen, daß wir mitfühlend, mitverstehend unfern unglücklichen jungen, irrenden jüdischen Schwestern zum Halt werden, zur Stütze, zu Pfadweisern, daß wir sie unmerklich leise der befreienden Arbeit, dem geordneten Leben zuführen, nach einer Zeit des Ausruhens, nach einer Zeit der Sammlung, nach einer Zeit des Lernens, nach einer Zeit sittlicher Erstarkung. Es knirschte der Schlüssel im Riegel. Mir war es, als schritten scheue, wunde Füße neben uns, als blickten düstere, zage Augen ans blassem Gesichte, als müßten wir die Stimme dämpfen, „denn heilig ist das Unglück, wenn Götter strafe,i, weine der Mensch und lerne". Ich fand hier alles, trotzdem die Räume kahl und noch unbewohnt waren, so durchdacht, so durchleuchtet von edler Menschenliebe, so getragen von warmherzigem Mtleid, das; sich mein ganzes Empfinden in dem Ausdruck „rührend schön" zusammendrängte. Eine edle Frau, eine jüdische Frau! Ich möchte es laut in alle Welt Hinausrufen, eine jüdische Frau : Frau Luise Goldschmidt geborene Portheim, Frankfurt a. M. hat jüdischen Frauen für jüdische Frauen und Mädchen dieses Haus zu eigen gegeben doppelt rühmenswert in einer Zeit, in der wohl unsere Frauen stets eine offene Hand haben, um Institutionen zu fördern die den Uuserigen äe jure oder cke facto verschlossen sind. Es ist von unendlicher Tragweite für den jüdischen Fraue,n bund, daß ihm gleich am Anfang seines Bestehens ein solches Arbeitsgebiet erwächst, wie hier in dem neuen Fürsorgehein! für gefährdete jüdische Mädchen. Wie man eine Frucht einer Freundin reicht, so voller Anmut, so voller Schönheit, so leicht, so nicht den Dank begehrend, hat Frau Luise Goldschmidt dieses Doppelhaus den Bunde durch seine erste Vorsitzende überwiesen. Das Gebäude ist von einer Mauer eingefaßt, hat Vor- und Hintergarten, die Fenster sind leicht geschützt, als ob man ein Hinein steigen verhindern, an ein Hinaussteigen nicht gedach! hätte. Das Ganze soll im Cottagesystem geführt werden, nicht mehr als 15 bis 20 Zöglinge aufnehmen, denn sonst würden die Insassen das Gefühl verlieren, Glieder eines Familienheims zu sein. Im Parterre liegen das Bureau, die Räume der Hausmeisterin, Unterrichtszimmer, Arbeits- und Eßzimmer, die Küche mit dem Herd für Fleisch und dem gesonderten für Mehlspeisen im Souterrain befindet sich die Pessachküche, denn streng rituell soll die Anstalt geführt werden. In der ersten Etage Schlafräume zu fünf bis sechs Betten in der Mitte das Zimmer der Oberin, in das sämtliche Türei der Schlafzimmer münden. Die designierte Leiterin ist eine Dame, die viele Jahre einem jüdischen Mädchenwaisenhaus« vorgestanden hat. Die Einrichtung soll höchst einfach, nur zweckdienlich sein im Schlafzimmer kein Schrank, kein Stuhl, nichts soll bei Mädchen Veran lassung geben, sich am Tage darin aufzuhalten Dienstboten werden nicht gehalten, Wäsche nicht in Vorrat angeschafft, die Insassen sollen Freude an der Arbeit gewinnen sollen ein Konto eingerichtet erhalten, die Entlohnung jeder ihrer Arbeiten ihnen gutgeschrieben werden. Von einer Uni