Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Anerkennung dieser Tatsache seitens der Ansiedlungskommission und der Regierung sollte, unserer Ansicht nach, beide veranlassen, einen der oben erwähnten Hauptfaktoren für die stete Abwanderung des jüdischen Elements aus der Provinz Posen gründlich zu beseitigen, was doch in ihrer Macht liegt. ■ ft Die Notlage der Juden in Rumänien wird immer schlimmer. Der Sekretär der „Israelitischen Allianz" zu Wien, Herr Dr. Armand Kaminka, ist soeben von einer Reise durch Rumänien zurückgekehrt, wo er namens der europäischen Hilfsorganisationen im Einvernehmen mit dem Zentralkomitee in Jassy und den Lokalkoinitees die Aktion für die Opfer der Exzesse zum Abschluß zu bringen hatte. Nach der Schilderung oes Herrn Dr. Kaminka ist die Situation eine für die rumänischen Juden trostlose und von Tag zu Tag iich verschlimmernde, so daß das Hilfswerk nicht zum Abschluß gelangen kann. Die rumänische Regierung führt 'inen Vernichtungskrieg gerade gegen die ärry/ten, ohnehin nit der bittersten Not kämpfenden Juden, und das System ortwährender Ausweisungen aus Dörfern und Erwerbs- 'ntziehungen bedeutet faktisch ein stilles, unblutiges Massaker, oas von den rumänischen Behörden in Verhöhnung des Berliner Vertrages an den Juden verübt wird. Als einzige Hilfe für einen großen Teil der Juden der nördlichen Moldau betrachtet Herr Dr. Kaminka die Auswanderung. In der etzten Sitzung der Zentrale in Jassy mußten leider die Unterstützungen, die ohnehin nur wie ein Tropfen auf dein heißen Stein sind, gekürzt werden, da von England der in der Wiener Konferenz präliminierte Beitrag nicht eingegangen und der rumänische Fonds erschöpft ist. Dem Bezirk Jassy hat die Wiener Allianz fernere 50 000 Franken, dem Bezirk Botosani 00 000 Franken, außerdem hat die Allianz für vertriebene Jamilien vorläufig 10 000 Franken überwiesen. * Ueber die Bedrückung der Juden in Rußland schreibt man uns aus Petersburg: „Jüdische Akademiker und Handwerker haben auch außerhalb es Ansiedlungsrayons Wohnrecht in Rußland. Im letzten Jahrzehnt st aber ein großes Heer von jüdischen jungen Leuten herangewachsen, sie, obgleich sie Hochschulbildung genossen haben, von der Adminiiration weder als Hochschuldiplomierte, noch als Handwerker angesehen werden. Es sind diejenigen Juden, die ihre chemische, mediinische und technische Hochschulbildung im Auslande genossen haben. Die Zahl dieser Leute ist infolge der Beschränkungen bei der Aufrahme von Juden in russische Hochschulen ungeheuer groß. Das Hauptkontingent rekrutiert sich aus Chemikern und Technikern. Man ollte doch glauben, daß ein technisches Diplom einer deutschen Hochchule dem Besitzer wenigstens ebensolche Rechte einräumen sollte, wie ms Diplom eines russischen Schuhmachers oder Tischlermeisters. Es gehört der Stumpfsinn eines russischen Beamten dazu, um dem üdischen Absolventen einer deutschen Hochschule die Rechte ines russischen Tischlergesellen abzusprechen. Zu den seligen Zeiten Plehwes wurde auf die Pässe solcher Hochschuldiplomierten ohne weiteres der rote Stempel aufgedrückt, und die armen leute, denen das Studieren so viel Mühe und Leid gekostet gatte und die endlich in den russischen Jndustrierayons eine Brottelle zu finden hofften, waren genötigt, in ihre trostlose Heimat mrückzukehren. Mit den Anfängen des russischen politischen Frühlings beginnt auch ein leiser Hoffnungsstrahl in die Reihen dieser modernen Paras einzudringen. Dank der unermüdlichen Vorarbeit von hervorragenden jüdischen Juristen wurde eine verivickelte Senatscrklärung bekannt gegeben, nach welcher den Hochschuldiplomierten das Wohnrecht unter folgende» Bedingungen eingeräumt wurde. Sie müssen 1. ein Zeugnis bei bringen, daß fie einige Zeit in einer Fabrik oder Werkstätte innerhalb deS Ansiedlungsrayons tätig waren, 2. ein Zeugnis ihrer politischen Reinheit lBlagonadiosnosti) vorweisen, und 3. Nachweisen, daß sie schon eine Anstellung außerhalb des Anstedlungsrahons besitzen. — Obgleich diese heilbringende Senatserklärung oft und ganz deutlich publiziert wurde, wollten die niederen Administrativbeamten in der ersten Zeit davon gar nichts wissen. Der Polizeikommissar des ersten Narva-Reviers zu Petersburg erklärte eineni Doktor der Chemie, der ihm alle die nötigen Papiere vorgelegt hatte, daß er erstens eine solche Senatserklärung überhaupt nicht kenne und daß er zweitens sie nach seinem Belieben deuten könne. Ein anderer Polizeikommissar drückte seine Verwunderung darüber aus, daß ein Doktor der Chemie als Handwerker gelten wolle. Schließlich opferte der Doktor ein Dreirubelstück und die Senatserklärung trat in Kraft. Leider ist dieser Vorfall keine Anekdote, sondern er beruht auf Wahrheit. Noch bis zum heutigen Tage fällt es den jüdischen Doktoren der Chemie und den Ingenieuren, die ihre Ausbildung im Auslande genossen haben, recht schwer, die russischen Beamten an der Hand dieser gedruckten Senatserklärung von ihren Rechten zu überzeugen. Welche moralischen Erniedrigungen diese jungen Leute erdulden müssen, ist schwer wiederzugeben. Wenn ihnen auch zuguterletzt das Wohnrecht genehmigt wird, so ist ihre Lage doch immer unsicher. Sind sie gezwungen, ihre Wohnungen zu wechseln, so beginnt das traurige Spiel von neuem. Und nun soll die neue russische Anleihe, wie die „Londoner Tribüne-" meldet, in Deutschland ausgenommen werden, wenigstens nach dem Wunsch des Verbandes echt russischer Leute, dem die Trauben zu sauer sind oder, wie es in der offiziellen Beschönigung in der „Nowoje Wremja" heißt: „Frankreich ist mit der unheilbaren Seuche des Sozialismus behaftet, und solch ein Verbündeter ist für das fromme selbstherrliche Rußland von großer Gefahr." Schon vor einigen Tagen brachte die „Westminster Gazette" die Nachricht, daß die russische Regierung durch Mendelssohn Comp, in Berlin eine ausländische Anleihe vorbereite. Und das offizielle Organ der echt russischen Leute, die „Rußkoje Snamja", die fortwährend behauptet, daß die Juden Verräter, Christen- und Zarenmörder seien, sucht in der großen Geldnot die Juden als Geldgeber in den Augen ihrer Leser zu verteidigen. Ob der Berliner Geldmarkt sich für die Anleihe gewinnen lassen wird, ist bis jetzt nicht anzunehmen. ft In Marokko dauert der „heilige Krieg" fort. Aus Casablanca wird zwar dem „Temps" berichtet, daß die Einwohner, insbesondere die Juden, deren Elend sehr groß ist, langsanr zurückkehren. Sie kampieren zum größten Teil außerhalb der Stadt; die Verwaltung liefert ihnen einige Vorräte, aber sie weisen das Fleisch zurück, weil das Vieh nicht rituell geschlachtet ist. Die Frauen suchen das Getreide zusammen, das bei der Plünderung auf die Straßen geworfen wurde. Dagegen kommen schlimme Nachrichten aus Mogador, Marrakesch, Fez und anderen Orten. In Tanger bewährt sich der französische Oberst Mangin bei der Herstellung geordneter Verhältnisse. Er hat einen regelmäßigen Dienst eingerichtet, der für die Sicherheit und Reinlichkeit in den Straßen sorgt. Das Judenviertel vertraut er den Israeliten selbst zur Verwaltung nach ihren Gebräuchen an. Seine friedliche Arbeit findet bei allen Europäern Anerkennung und Unterstützung. Diese Judenviertel in Marokko sind bekanntlich von allen Reisenden in jenem Lande geschildert worden. Einzelne Mellahs schildert z. B. Oskar Lenz als ausgedehnt, aber mit engen, schmutzigen, übervölkerten Straßen. Aus gesaugt von den Großen, verachtet vom Volke, führt der Jude in Marokko das Dasein eines harten und zähen Kampfes. „Es gibt für