Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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s der Zivilisation" marschiert, veranschaulichen folgende Zahlen: Im Jahre 1903 wurden ausgewiesen 510 Ausländer, darunter 11 Familien mit 37 Personen; 1901 wurden ausgewieseu 665 Ausländer, darunter 8 Familien mit 25 Personen; 1905 wurden ausgewiesen 619 Personen, darunter eine Familie mit 9 Personen. Die letzten Jahre haben diese Austreibungen infolge des Vorgehens der Polizei gegen die Russen noch bedeutend vermehrt, so daß, Rußland ausgenonrmen, kein Land die Ausländer so massenhaft von seinem Boden vertrieben hat, wie „das neue Deutsche Reich preußischer Nation". Unter „Russen" sind natürlich die jüdischen Studenten aus Rußland zu verstehen. L Berlin, 20 August. Aus dem Hilfsverein der deutschen Juden wird uns geschrieben: Herr Bezirksrabbiner Dr. Salven di, der ein hervorragender Förderer der humanitären Bestrebungen des Hilfsvereins der deutschen Juden ist, hat neuerdings wieder den: Verein eine Spende von 400 Franken überwiesen, die für die russischen Zöglinge des Lehrerseminars in Jerusalem bestimmt ist. - Der Hilfsverein hat in Gemeinschaft mit dem „Frankfurter Komitee für die osteuropäischen Juden" für die beiden abgebrannten Städte Smoliany und Stolczi 6000 Mark überwiesen. Allensteirr, 18. August. Die Einweihung des jüdischen Altersheims und Siechenhauses für Ostpreußen hat am Sonntag stattgefunden. Sie begann vormittags 11 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Synagoge, die durch Tannengrün festlich geschmückt war. Die Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Olitzki. Um 2 Uhr fand ein Festessen statt. Unter anderen sprachen dabei Rabbiner Dr. Ehrlich und Bankier Sebba aus Tilsit. Das Heim besteht aus Altersheim und Siechenhaus, die vollkommen voneinander getrennt sind. Im Altersheim befindet sich ein geräumiger Saal, das Siechenhaus verfügt über einen hübschen Speisesaal. Nicht prunkvolles, aber bequemes und geschmackvolles Meublement gibt den Räumen, die durchweg mit elektrischer Beleuchtungsanlage versehen sind, etwas sehr Anheimelndes. Behaglich sind vor allem die Logierzimmer, deren acht im ganzen 14 Personen Aufnahme gewähren können, eingerichtet. Das Haus besitzt Zentralheizung. Sehr geräumig ist das Wirtschaftsgebäude; ein mehr als ein Morgen großer schattiger Garten bietet den Insassen im Sommer angenehmen Aufenthalt. n. Gnesen, 15. August. Unter den unglücklichen Opfern der letzten Eisenbahnkatastrophe befindet sich, wie schon durch die Zeitungen bekannt worden, eine größere Anzahl jüdischer Personen, hauptsächlich aus Rußland. Zuerst ist, wie schon erwähnt, es der Ingenieur und Zeitungsredakteur Zeitlin, welcher tödlich verwundet im hiesigen Krankenhause Bethesda ausgenommen und trotz der ihm dort sowohl von den Aerzten als auch von den Krankenschwestern angediehenen außerordentlichen Fürsorge und Pflege gestorben ist. Die Leiche wurde Sonnabend abend nach Berlin überführt und am Sonntag in Weißensee beerdigt. Der Vorstand der Synagogengemeinde hatte vor der lleberführung in der Leichenhalle eine Feier veranstaltet, die von dem Oberkantor der Gemeinde durch Gesangsvorträge eingeleitet und geschlossen wurde. Eine kurze aber alle Anwesenden warm ergreisende Rede hielt, da Rabbiner Dr. Jacobson augenblicklich auf Urlaub sich befindet, unser erster Vorsteher Stadtrat Gimkiewicz. Sie gipfelte in folgender Ausführung: Wirhaben den Verstorbenen zwar nicht gekannt, was aber wir von den hier anwesenden Freunden gehört, besagt nur Gutes und Edles. Er war Ingenieur und Redakteur einer Zeitung. — Als Delegierter ist er für die Idee, die er vertrat, zu einem Kongreß nach dem Haag entsendet worden und aus dem Wege dorthin hat ihn das Unglück fern von der Heimat ereilt. Ist das nicht ein herzzerreißendes Geschick, in der Ausübung einer Tätigkeit für seine Mitmenschen in so jungen Jahren sterben zu müssen! Der Verstorbene hinterläßt eine junge Frau und drei kleine Kinder. Ein Bruder, der aus Leipzig von der Universität aus nach Berlin geeilt war, um den Bruder zu begrüßen, steht nun hier an der Bahre und empfängt statt des lebenden geliebten Bruders die Leiche desselben, und morgen wird seine Frau zum letztenmal denjenigen sehen, der sie gesund und fröhlichen Mutes vor einigen Tagen in Petersburg verlassen. Möge Gott den Entschlafenen für all dasjenige, was er hier aus Erden Gutes vollbracht, belohnen, mögen in dem Andenken an ihn Frau, Kinder, Geschwister und Freunde Trost finden. — Nach Schluß der Feier, welcher auch a. die städtischen Behörden mit dem ersten Bürgermeister, die Überin des Krankenhauses usw., eine sehr große Anzahl von Personen beilvohnten, wurde die Leiche abends 9^2 Uhr zur Bahn überführt. Außerdem sind hier noch drei Leichen von russischen Personen, noch nicht beerdigt, respektive überführt. Die gegenteiligen Mitteilungen sind irrig. Den Grund, weshalb die drei Leichen noch nicht reklamiert sind, ersehen Sie aus folgender Notiz der „Gnesener Zeitung": „Ueber die durch das Eisenbahnunglück getöteten, bisher als Jacob Abramowicz nebst Frau und Kind amtlich angegebenen Personen erfahren wir folgendes: „Nachdem zwei Tage lang keine Nachrich! von Angehörigen hier eingegangen war. nahm sich Herr Stadtral Gimkiewicz der Angelegenheit an. Bei dieser Gelegenheit wurde fest gestellt, daß die Toten gar nicht Abramowicz, sondern, wie der be den Getöteten Vorgefundene russische Paß, sogar in deutscher Sprache nachweist. Jacob Abramowicz Churgin heißt. Herr Gimkiewicsandte sofort ein dringendes Telegramm nach Kiew und Petersburg, und bereits nach vier Stunden kam an denselben ein Telegramm von Anverwandten aus Kiew, die bisher gar keine Ahnung von den gräßlichen Todesfällen hatten. Die Verwandten baten darin, mit der Beerdigung, die schon auf Sonntag festgesetzt war, zu warten, da erst Bestimmungen getroffen werden sollen, ob die Leichen nach Rußland überführt oder in Gnesen beerdigt werden sollen. Weitere Depeschen besagen, daß sofort nach Erhalt der Nachricht Brüder des Verunglückten nach Gnesen abgereist sind. Die Beerdigung respektiv» lleberführung der Leichen wird deshalb frühestens am Montag, statt finden können, da die Reise von Kiew nach Gnesen so lange bauen dürfte." Es ist auffallend, daß dasjenige, was eine Privatperso« in vier Stunden erreicht hat, der amtlichen Eisenbahnverwaltmn nicht in mehreren Tagen gelungen ist. Auch selbst bis heute ist nac! dieser Richtung von amtlicher Seite nichts bekannt, und hätte nich eine Privathand eingegriffen, so hätten die Angehörigen der Famili Churgin auch bis jetzt nichts von dem Tode ihrer Verwandte« erfahren, und die Leichen wären bereits ohne Zuziehung de Familienmitglieder, und sogar unter einem anderen Namen, beerdig worden. Es wird beabsichtigt, wegen dieses Falles beim Eisenbahn minister Beschwerde zu führen. ff. Posen, 16. August. Ohne äußerliches Gepränge ist be- E hejub iläumst ag des Gemeinderabbiners Dr. W. FeilchenfeN und seiner Gattin vorübergegangen. Niemand wußte vorher vor einer goldenen Hochzeitsfeier. Erst durch das Eintreffen der nächste« Angehörigen wurde man auf beu Ehrentag aufmerksam. So habe« es die Jubilare gewünscht und so ist es geschehen. Herr Dr. Feilchen feld ist 1827 in Glogau geboren und wurde 1855 zum Rabbiner i« Düsseldorf erwählt. 1872 ist er nach Posen berufen worden. Di Feier seines 80. Geburtstages gab Zeugnis, in welch hoher Achtun Herr Dr. Feilchenfeld als Gelehrter und Kanzelredner dasteht. De greise Rabbiner ist geistig und körperlich noch sehr frisch; dies gab e durch seine Predigt im Tempel an seinem Jubeltage, Sonnabend zu erkennen. d. Kattowitz, 15. August. Unserem Herrn Rabbiner Dr. Coh« ist eine Auszeichnung zuteil geworden, welche angesichts der ver dienstvollen Tätigkeit, die er seit länger als einem-Vierteljahrhunde« im Dienste der Verteidigung des Schächtens entfaltet, erhöhte B< deutung erhält: Auf dem letzten Verbandstage der schlesische Tierschutzvereine wurde Dr. Cohn „für hervorragende Leistungen a« dein Gebiete der Tierschutzsache" die von Kommerzienrat Barts«! Striegau gestiftete Verbandsmedaille zuerkannt. Dieselbe war, w üblich, von einem die Unterschrift des Protektors der schlesischen Tie' schutzvereine, Sr. Exzellenz des Oberpräsidenten von Zedlitz, tragende« Besitzzeugnis begleitet. Rabbiner Dr. Cohn ist bekanntlich Begründ« und Vorsitzender des hiesigen Tierschutzvereins. ----- Seeffena. H., 18. August. Am 8. d. Mts. fand die feierlic; Einführung des neugewählten Direktors der Jacobson-Schule O'ti’. Realschule und Realprogymnasium mit Alumnat) Dr. N. Friedlan^ durch Herrn Kurator August Jacobson aus Hamburg unter Beteiligung der staatlichen und . städtischen Behörden sowie der Geistlichkeit ui^ sonstiger Honoratioren der Stadt statt. Von den beglückwünschend« « Herren hob Herr Bürgermeister Schönermark die Bedeutung d r Jacobson-Schule für die Stadt (sie zählt augenblicklich 161 Stad schüler) und die freundschaftlichen Beziehungen, die von jeher itu?