Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 408 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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408 ästhetisch noch nicht analysiert und man würde in sämtlichen Lehrbüchern der Aesthetik vergeblich nach einer Definition desselben suchen. Und doch hat er sogar die Espritperiode der deutschen Literatur länger als' eine Generation hindurch beherrscht. Und in dem Feuilleton unserer großen Blätter war er ebenfalls recht lange souveräner Alleinherrscher. Was ist also ein jüdischer Witz? Je länger ich darüber nachdenke, desto schwerer wird es mir, eine auch nur halbwegs vernünftige Definition zu geben. Selbst die vor kurzem an der Wiener Börse erfundene deckt mir den Begriff durchaus nicht. Auf die Frage: Was ist ein jüdischer Witz? antwortete dort ein Mann dem andern: Was jeder Jud' kennt und kein Goj versteht! Nur der erste Teil dieser Erklärung ist halbwegs richtig. Denn fast jeder Witz beginnt entweder mit der stereotypen Phrase: „Sie kennen doch den Witz?" oder mit der andern: „Kennen Sie?" usw. Ganz unrichtig ist aber der zweite Teil der Erklärung. Ich erinnere mich eines sehr interessanten Aufsatzes in der Montagsbeilage des „Berliner Tageblatt" vor etwa zwanzig Jahren, in dem ein gelehrter Germanist den Nachweis mit Erfolg zu führen versuchte, daß die besten jüdischen Witze — aus den alten deutschen Volksbüchern und Komödien stammen. Das ist das eine. Und das andere ist die feststehende Tatsache, daß die Nichtjnden das Salz des jüdischen Witzes heute ebensogut verdauen wie die Inden. Sämtliche deutschen Witzblätter, vom Simplizisstinus angefangen bis zu den antisemitischen hinunter, decken heute mit jüdischen Witzen ihren großen Bedarf. Es sind sehr oft sogar die ältesten, die sie bringen. Und da bin ich wieder, mein lieber Freund, in natürlicher Jdeenassoziation, bei Kissingen angelangt. Gewiß, es ist sehr schön hier, die Stadt, die Umgegend, der Kurpark, die Kurgäste — es fehlt eben nur der Witz, das Salz, die Würze, die in den böhmischen Bädern unserem Magen die Verdauung so sehr erleichtert. Und da dieser Witz fehlt, siegt der Ernst, der ihm so oft im Leben weichen muß. Die Mehrzahl der Menschen ist hier ernst und ausschließlich mit ihrer Kur beschäftigt. Am meisten unsere Glaubensgenossen. Ach, sie haben auch den meisten Grund dazu. Am letzten Tischebeaw war ich hier in der schönen neuen Synagoge. So viele traurige Gesichter habe ich noch nie beisammen gesehen. Und die Mehrzahl bestand aus Kurgästen. Als einer fragte: Wo sind denn eigentlich die Gemeindemitglieder?, antwortete einer der wenigen anwesenden Witzbolde: Im Kurpark. Aber das war ein schlechter Witz. Denn die hiesige Gemeinde ist orthodox, streng orthodox sogar — wenigstens offiziell und in ihrem Gottesdienstder darum auch viele Kurgäste, die an eine andere Art der Erbauung gewohnt sind, aus dem ehrwürdigen Gotteshause vertreibt. Auch die inneren Verhältnisse, die ja bei solchen Anlässen meist durchgesprochen werden, sollen wenig erbaulich sein. Doch das wird Sie, lieber Freund, nur wenig interessieren. Nicht einmal der Kampf des hiesigen Rabbiners mit den verschiedenen jüdischen Restaurants, die sich nicht unter seine strenge Aufsicht stellen wollten, dürfte Ihre Teilnahme erregen. Und . doch sind die jüdischen Restaurants hier die besten. Man ißt dort gut und sie sind sauber gehalten. Sie wissen, daß diese beiden Forderungen leider nicht immer und überall erfüllt werden. Und Sie kennen den Witz — sehen Sie, ich werde alt lind ebenfalls stereotyp — von dem Manne, der in sein Stannnrestaurant kommt und an einem unbesetzten Tische Platz nimmt. Nach einer geraumen Weile erscheint der in jüdischen Restaurants mit den Gästen immer merkwürdig vertraute Kellner mit der etwas abgenutzten Speisekarte Herr Kohnseld schiebt sie aber beiseite und sagt: „Moritz bringen Sie mir erst eine Nudelsuppe . . ., dann bringen Sü mir grüne Bohnen mit Hering, Moritz ... und dann bringe. Sie mir . . . bringen Sie mir Sauerbraten mit Preiselbeere« . . . und zuletzt bringen Sie mir . . . bringen Sie mir zuletzt . . . Apfelspeise ..." — „Herr Kohnseld," ruft der Kellne' erstaunt, „wieso wissen Sie unser ganzes Menü auswendig? — „Stuß! Auswendig!" brununt Herr Kohnseld. „Ich seh doch 's Tischtuch ..." Seien Sie >nir nicht böse, lieber Freund, und erhalte« Sie Ihr gütiges Wohlwollen trotz alledein Ihrem alten 6. K SprechlWi. Geehrter Herr Redakteur! er Rabbiner — namentlich in kleinen Gemeinden — trägt non für sich besonders das Geschick der gesamten Judenheit. Wi sich diese nur schwer, sehr schwer zu der ihr gebührenden Stellun s in der Welt und in der Gesellschaft durchzuringen vermag, wie sic mit ihren Rechten hin und her willkürlich geworfen, wird von den anderen Teile der Menschheit und nur nach langen Mühen um Kämpfen etwas Natürliches, Selbstverständliches, die volle Gleiä' berechtigung und Gleichstellung in der Praxis erreicht, so ist es m t dem Rabbiner der Fall. Hat da ein Rabbiner in einer kleinen Gmeinde ein ganzes Lebensalter hindurch gewirkt und seine Kra t abgenutzt und aufgerieben nicht nur in seinem engeren Beruf , sondern auch in den kleinlichen persönlichen Streitigkeiten und G - hüssigkeiteu selbst besserer Mitglieder untereinander, und wird dam etwa diese Gemeinde durch Wegzug oder Sterbefälle einzelner Mi - glieder weniger leistungsfähig, wird der Gemeindeverwaltung d «c Steuerlast zu hoch, so ist der Rabbiner der erste, welcher darunter z i leiden hat. Er muß sich von seinem geringen Gehalt und Einkomme i jeden beliebigen Abzug gefallen lassen. Während jeder andere Beanuc in Stadt und Staat gewöhnlich von Zeit zu Zeit und besonders i i Teuerungszeiten Zulagen bewilligt erhält, muß sich jener selbst i i Zeiten, in denen die Lebensbedürfnisse teurer werden, Abzüge gefallen lassen. Da erhält beispielsweise ein Rabbiner, welcher fast 30 Jahre in der Gemeinde amtiert, zwei Monate nachdem bereits das neue Etatsjahr begonnen hat, folgende Zuschrift seitens seines Vorstandes: „Der . . . s. Zt. geschlossene Vertrag ist bereits vor längerer Ze t abgelaufen. Mit Rücksicht auf die hohe Belastung unserer kleine l Gemeinde ist zur Herabminderung der aufzubringenden Kultusstemc seitens des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung in letztn Sitzung beschlossen worden, Ihr Gehalt, und zwar zunächst nur für dieses Steuerjahr, um 200 Mark zu vermindern." Run bestand wenigstens seit Jahren für den Rabbiner d e Hoffnung, daß doch dieser traurige Zustand aufhören, daß er si i werde pensionieren lassen können, um wenigstens eine Zeitlang cu' genehm zu leben. Es bestand für ihn die Hoffnung, daß er ei: c Pension erhalten werde, wenn auch nicht von seiner Gemeinde, o doch vom gesammelten Pensionsfonds. Aber davon ist es au ij wieder ganz still geworden. Es ist wohl der Neliktenfonds in Kra t getreten, aber nicht ber Pensionsfonds. Dadurch ist die Situatini noch verschlimmert. Solange von einem Pensionssonds keine Re! c war, dachte wohl noch einigermaßen auch die kleine Gemeinde cm die Notwendigkeit einer angemessenen Pensionsgabe, doch nun we it sie wohl stets — und mit Recht — auf den allgemeinen Pension: fonds hin. So muß denn wieder einmal die wehmütige Frage am geworfen werden: Wann werden sich endlich die Rabbiner a-s wirkliche Beamte betrachten dürfen, nicht nur im Hinblick auf ih e Pflichten, sondern auch im Hinblick auf ihre Rechte? Ohew Zedek. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.