Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
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407 sie Offiziere die Zügel etwas lockerte», zeigten die Preußen, saß sie echte Sprossen jener alten Deutschen seien, die immer wch einen tranken, und Jubeln, Singen und Jauchzen tönte >om Tage bis in die Nacht hinein. Nicht lange dauerte es, daß der Friede geschlossen war. norauf der letzte gesunde Soldat unser Dörfchen verließ, beider waren auch Kranke geblieben. Schwerkranke. Die Cholera war eingezogen. Eines ihrer ersten Opfer war mein gater. — — — Kein Wunder, daß ich kleiner verwaister knabe nicht erfuhr, ob wirklich unser Preuß vom sicheren rode gerettet wurde oder ob er im Friedhof zu Szenitz chlummere; denn seinen Namen wußte ich nicht. Er war unser Preuß" gewesen. * * * In jenen Tagen war mit den deutschen Soldaten vieles egraben worden, was gut Deutsch war, mehr als irgend emand ahnen konnte. Die Schwächung Oesterreichs gab den Wünschen der tngarn Kraft — sie krönten ihren König, erhielten ihre alte Selbständigkeit und verbreiteten die ungarische Sprache durch as ganze Gebiet der Stefanskrone. Das war nicht zum Vor-; .'il der deutschen Kultur. Unsere Schule zwar blieb unanetastet, nur einige Unterrichtsstunden fürs Magyarische surden eingeschoben, aber nach und nach wandelte sich vieles. 2ie deutschen Zeitungen und Zeitschriften, die soviel Kultur verbreitet hatten, wurden immer weniger; eine Familie um >ie andere ließ ungarische Blätter kommen — das Deutsche kam mßer Gebrauch. Selbst die jüdische Gemeindeschule wurde em Staat übergeben, der sie ganz magyaristerte. Es ist ja ekannt, daß die Juden in den meisten slawischen Ländern nd in Ungarn stets zuin Deutschtum hielten, ihre Gebete eutsch übersetzten und den Kindern die Bibel in deutscher lebersetzung verständlich machten. Durch den Ausschluß Oesterreichs aus dem deutschen Bunde änderte sich vieles darin uungunsten des Deutschen. Die Nationalitäten wurden stark mb erzwangen sich vielfach den Beitritt der Juden. Die sachsende Macht Deutschlands schuf neben viel Herrlichem uch einige Auswüchse, so den Chauvinismus und seinen -tiefbruder, den Antisemitismus. Die antisemitische Besetzung, die aus Deutschland kam, wandelte vollends vieles am Schlimmeren. Die Freude an der Kultur eines Volkes, as sich den Juden feindselig erwies, verblaßte sie, schien icht mehr so begehrenswert wie einst. Es geschah nur, wenn ich in späteren Jahren heimkam, daß h inich mit der Jugend gar nicht mehr verständigen konnte, denn e sprach ungarisch. Und nun entwickelte sich etwas, wasverdient, ssentlich erzählt zu werden: Da oben in diesemVölkerwinkelsind, ne schon erwähnt wurde, viele Völkersplitter zusammengepreß aorden, besonders viel Deutsche, Katholiken und Protestanten.!ie sind heute alle slawisch oder magyarisiert; sie hatten hier md da eigene Dörfer mit eigenen Kirchen und Schulen gebildet, sie wurden ebenso slawisch wie die zahlreichen deutschen Handwerker und Kausleute. Nur die Juden, Leute, die seit Jahrhunderten im freien Ungarlande zusammengeströmt waren, »n den Verfolgungen in Deutschland und Oesterreich zu entgehen, ie vertrugen es nicht, daß ihre Kinder ohne Kenntnis des Deutschen heranwuchsen. Da sie ihre Schule samt einem wertvollen Grundbesitz dem Staate übergeben hatten, der nur das lngarische pflegte, gründeten sie sich trotz ihrer Mittellosigkeit— denn die Gemeinde zählt keine 80 Steuerzahler — eine neue schule, in der die Kinder, wenn auch ungarisch unterrichtet, wird, eine tüchtige Grundlage für die Kenntnis des Deutschen erhalten. Die Uebung im Hause tut das Uebrige. Die Kinder werden in drei Sprachen erzogen: Slawisch kennen sie durch den Verkehr mit der Umgebung, Ungarisch lernen sie, weil es die Staatssprache ist, die Sprache jenes Staates, den die Juden fanatisch lieben. Aber warum lernen sie deutsch? Warum halten sie so zäh an deutscher Kultur fest? Denn noch immer werden in Budapest große, weitverbreitete deutsche Tagesblätter gedruckt, deren Leser fast ausschließlich Juden sind. Was fesselt die Juden an die Kultur einer Nation, die den Antisemitismus wissenschaftlich begründet hat? Wahrlich, es gibt in der Völkerpsychologie genau so viele Unbegreiflichkeiten wie im Seelenleben des Einzelnen. Krirke oon der Keile. I. Kissingen, Ende Juli. Mein lieber Freund! eien Sie mir ja nicht böse! Ich habe wirklich nicht die Absicht gehabt. Sie zu täuschen, als ich Ihnen versprach, diesmal wieder nach unserm schönen Karlsbad zu kommen. Aber der Mensch denkt und der Hausarzt lenkt. Ich habe jedenfalls nicht au den Rakoczy gedacht, sondern an den Hirschensprung. Und in jedem Falle habe ich nicht nach der Logik jenes polnischen Juden handeln wollen — Sie kennen wahrscheinlich den uralten Witz! — der seinen Geschäftsfreund im Eisenbahncoups mit der Frage überrascht: „Wohin fährst Du?" Worauf der andere: „Nach Krakau." Und nun der Fragende: „Wenn Du sagst, Du fährst nach Krakau, willst Du haben, ich soll glauben. Du fährst nach Lemberg. Wenn Du haben willst, ich soll glauben. Du fährst nach Lemberg, fährst Du doch nach Krakau. — Was lügst Du also?" Ich aber habe nicht gelogen, und an jedem neuen Rakoczy- Morgen denke ich an mein liebes altes Karlsbad und an den Kaiserpark und an das Gebäck von Manul und an das Mittagessen bei Glattauer und so weiter. Vorbei, vorbei, ihr Bilder schönerer Tage! Aber schließlich sage ich wie der alte Nachunl: „Auch das ist zum Guten!" Man kann in Kissingen ebenfalls leben, wenn einem auch das alles fehlt, und die guten jüdischen Witze dazu, die in Karlsbad wo nicht ihren Ursprungsort, so doch ihre sichere Stätte haben. Ja, ja, lieber Freund, mit beit Witzen steht es hier schlecht, sehr schlecht. Ich habe noch nicht einen einzigen neuen gehört, und beständig die alten wieder anhöre» zu müssen, die schon vor fünfzig Jahren mit dem lieblichen An begleitet wurden, das ist fast noch ein geringeres Vergnügen, als au jedem Morgen zwei und ein halbes Glas von dem edlen Ungar-Wasser trinken zu müssen. Eigentlich sollte ja der Rakoczy die alten Witze mit allen übrigen Resten aus den betreffenden Leibern in die fränkische Saale treiben — aber er tut es eben nicht, und so erben sie sich wie eine ewige Krankheit von Geschlecht zu Geschlecht fort. Der Vater erzählt sie dein Sohne, dieser wird sie seinen Kindern pietätvoll erzählen, und ich fürchte fast, daß sie bei dem Enkel nur noch die einzige Betätigung des jüdischen Empfindens sein werden. Aehnlich, wie man heute schon von einem jüdischen Bankier in Berlin sagt, daß er vom Judentum nur noch — die Grünfeld-Konzerte halte. Aber wird der jüdische Witz wirklich einmal aussterben? Es wäre mehr als schade darum. Denn er ist im Reiche des menschlichen Humors eine ganz besondere Provinz, mit eigenen Gesetzen, eigenen Beamten und Untertanen. Man hat ihn