Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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406 gewesen wären, aber die Sachsen standen uns nicht gar so nahe. Im übrigen mag niemand Zeit gehabt haben, viel zu überlegen, es entwickelte sich alles mit rasender Schnelligkeit. Wir liefen den Marktplatz entlang, verfolgt von zahlreichen Schüssen, die wir deshalb so schreckhaft einpfanden, weil sie Fenster zerschmetterten und in die niedrigen Ziegeldächer einfchlugen. Das wurde uns denn doch zu ungemütlich, so daß wir uns in eine Ecke duckten, die von den vorspringenden Stufen eines Ladens gebildet wurde. Nun saßen wir wie in einer Loge als sehr interessierte Zuschauer eines wirklichen Kampfes, eines Kampfes auf Tod und Leben. Wir saßen mitten in der Kreuzung der vier Straßen und übersahen alles. Aus der Straße, in der meine Eltern wohnten, kamen die Ulanen ziemlich geordnet mit eingelegten Lanzen daher. Die Sachsen empfingen sie mit Schüssen, die von den Preußen lvenig beachtet wurden, — es ist merkwürdig, wieviel Kugeln Kavalleristen verschießen, ehe eine trifft. Aber eine traf — traf unfern Preußen — und als die wilde Jagd vorüber war, lag der brave Mann, etwa 30 Schritte von uns, leblos auf der Erde, neben ihm, unbeweglich, sein treues Pferd. Nun wurde es mir siebenjährigen Kinde klar, was hier geschehen sei. Kein Kriegsspiel — nein, ein wirklicher Krieg, dem „unser Preuß", dieser seelengute Mensch, Vater von vier Kindern, zum Opfer gefallen war. Laut aufschluchzend, sprang ich aus der Ecke, und mit Windeseile ging's in das nahe Haus meines Großvaters. Vor seinen Fenstern, wo die Straße sehr enge wird, hatte sich der Knäuel wieder verfangen, die Preußen wehrten sich und stachen manchen Sachsen vom Pferde. Als ich die Tür öffnete und schluchzend eintrat, wurde mein Großvater bleich wie der Tod, es mußte nach seiner Meinung ein großes Unglück geschehen sein, daß ein Kind im Kampfgewühl zu ihm kam. Ich aber weinte nur um „unseren Preußen" und wußte' von keinem anderen Unglück zu erzählen. Wenige Minuten später kam mein Vater atemlos gelaufen, er hatte gehört, daß ich schreiend in der Straße gesehen wurde und war voll arger Befürchtungen. Der Ueberfall war so plötzlich gekommen, daß der Kampf sich buchstäblich mitten im Leben des Alltags abgespielt hatte. Die Leute waren in den Läden, um Einkäufe zu machen; die Beamten gingen regelmäßig aus ihren Aemtern, und der Steueramtskontrolleur erhielt bei dieser Gelegenheit einen Hüftschuß, dem er nach qualvollem Leiden später erlag. So plötzlich wie daS kriegerische Unwetter gekommen war, hatte es sich verzogen; als wir auf die Straße traten, sahen wir nur zersplitterte Lanzen, verwundete Menschen, blutende Pferde, Karabiner und Heline, sowie einige regungslose starre Soldaten. getötete Menschen. An „unserem Preußen" kamen wir nicht vorbei — ich beweinte ihn von der Ferne. Nach einer Stunde lebten die Menschen wieder auf und jeder erzählte von seinen Erlebnissen. Der Winkel, in dem wir uns verkrochen hatten, war in halber Manneshöhe mit Kugeln gespickt; noch monatelang mühten wir uns. sie herauszuschälen zum schauerlichen Andenken an jene wilde Stunde. Bon „unserem Preußen" hieß es merkwürdigerweise, er sei bloß tödlich verwundet worden: die Kugel sei aus der linken Seite in den Körper gedrungen und auf der rechten Hinalls. Der Arzt hoffe ihn zu retten. Ob man mich damitberuhigen und ineine erregte Phantasie besänftigen wollte? Ich vermochte es nie zu ergründen. Tatsache ist, daß ein Preuße mit dieser schweren Verwundung in unserem rasch eingerichteten Hospital — wozu die verwaiste Finanzwach- Kaserne benutzt wurde — dem Leben wieder gegeben wurde. Nur zwei Main: waren rettungslos verloren, wirklich dem Tode verfallen. Sie wurden am nächsten Tage in einem gemeinschaftlichen Grabe mitten im protestantischen Friedhofe begraben. Ein Preuße und ein Sachse! Mit weißen Fahnen kamen von beiden Seiten die Kameraden, um den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen. Der Tod hatte Waffenruhe geboten. Die Hornisten traten zusammen lind bliesen herrliche Choräle. Nie im Leben werde ich den Eindruck vergessen, den die Tatsache hervorrief, daß die Spielleute von Freund und Feind so reiir zusammen bliesen, so genau dieselben Töne trafen. Wie eine tiefe Klage klang es durch das weite Tal hinüber über die Berge, wo die beiden Mächte bereitstauden, sich aufs erste Kommandowort wieder gegenseitig zu töten. Vorerst ritten die Preußen nach Süden, die Sachsen nach Norden, nachdem der letzte ritterliche Gruß gewechselt war. In derselben Nacht jedoch begann der Durchzug der preußischen Heeresmacht und dauerte zwei Tage lang. Da gab es Fußvolk, verschiedentliche Reiter sowie Artillerie in schwerer Menge. Bei Jablonicz, hieß es, wo sich die Sachsen verschanzt hatten, sollte es zum entscheidenden Kampfe kommen. Die Leute wußten es llild rüsteten mit ernsten Gesichtern. Die Offiziere zögerten innerlich. Im nicht allzufernen Nikolsburg wurde verhandelt; man wußte, daß es nicht mehr lange dauern könne lind fürchtete nutzlose Verluste. Wieder hatten wir Einquartierung, liebe, wackere Burschen. Schweren Herzens stiegen sie aufs Roß, als es hieß, dem Feind entgegen. Nor unserem Hause war der Sanunelplatz. Als alle Maint — es waren Dragoner — zu Pferde saßen, wurden Noten verteilt, und die gesamten Soldaten sangen einen herrlichen Chor. Wir waren wie gebannt. Singend zogen sie in den Kampf — in den Tod. Denn nun wußte es das kleinste Kind im Orte, was der Krieg bedeutet. Wir hielten Schritt mit den Pferden bis zum Marktplatz. Dort machte das Ganze halt, worauf ein Offizier eure flammende Ansprache hielt. Er kam aber nicht zu Ende. — Von einem Hügel im Süden, der in den Ort hereinsieht, flatterte eine weiße Fahne. Von allen Seiten strömten Leute herbei, die den Reiter mit der langen weißen Fahne gesehen hatten. Nun war er in die Niederung verschwunden. Totenstille auf dem weiten Platze — welche Gefühle uutßten die Soldaten durchströmen, wenn wir alle so erregt waren — man wagte kaum zu atmen. Ein Adjutant spornte sein Pferd, uni die Nachricht schneller zu bringen. Binnen zehn Minuten — zehn Minuten der größten Spannung — war er zurück und meldete. Darauf Hornsignale — die Erwartung steigt aufs höchste. Reiter fliegen nach Norden, um die Heeresmasfen zum Stehen zu bringen. Inzwischen ist der Mann mit der weißen Fahne angekommen. Sein Roß war von Kopf bis zu den Füßen in weißen Schaum gehüllt. Der Reiter verstaubt, der ganze Körper wie in Mehl gehüllt; er war von der nächsten Telegraphenstation zwei deutsche Meilen mit Aufwand aller Kräfte geritten und wußte, was von seiner Eile abhing. Er meldet und reicht dem Kommandanten seine Briefschaften. Das geht alles wie im Traume; erst als der Kommandant „Waffenstillstand" ruft und das Wort wie ein erlösender Schrei die Reihen entlang fliegt, dann erst begreifen alle, daß es ernst sei, daß man heute nicht in den Kampf müsse, daß der Bruderkrieg seinem Ende zuneige. Ob ein Kommandowort gefallen war, wäre schwer festzustellen gewesen, aber die Reihen lockerten sich, die Soldaten umarmten einander, schrien, jauchzten, dann mit einem Male sangen sie alle, alle ein schönes Lied, das alle Herzen höher pochen machte. Run da die Spannung gewichen war und