Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsch — das war unser Fall. Wir wurden mitten im Slawenland, in Oberungarn, deutsch erzogen. Unsere jüdische Gemeinde unterhielt seit Generationen mit großen Opfern eine eigene deutsche, vierklassige Volksschule. Wir sprachen zumeist bis zur Schulreife durch den Verkehr mit den Dienstleuten und Nachbarskindern slawisch und lernten dann leicht die deutsche Sprache, die doch im Hause viel gehört wurde. Aber wir hatten immerhin die Empfindung, daß die Kenntnis des Deutschen etwas Besonderes sei, etwas Anszeichnendes. Und der fremde Soldat sprach von seinem Pferde herab deutsch. Wir verstanden ihn, die anderen dagegen, die den Markt erfüllten, nicht. Hei! Kamen wir uns wichtig vor und konnten es kaum erwarten, daß die schöne Rede zu Ende war. Dann dolmetschten wir, daß es eine Freude war. Und bald wußte es jeder slowakische Bauer, daß man nichts zu fürchten habe, daß alles Privateigentum heilig sei, daß' der Soldat nur auf bestimmte Nahrungsmittel ein Recht im Quartier habe, daß er alles übrige bringe oder bar zahlen müsse. Daß ferner für alle großen Käufe an Proviant Bestätigungen gegeben würden, die man unbedingt nach Beendigung des Krieges bar bezahlt bekäme. Als die Offiziere merkten, daß wir Kinder und unsere Reden die düsteren Mienen der Leute erhellten, beugten sie sich von den Pferden und fragten dies und jenes, besonders nach den Quartieren. Als uns ein Soldat unsere eigene Hausnummer vorwies, führten wir ihn ganz stolz heim. Vater und Mutter standen an der Haustür, sie setzten recht besorgte Mienen auf, als sie die Einquartierung merkten. Es war nicht nur ein Kriegsjahr, auch die Ernte hatte versagt, man ging der blanken Not entgegen. Im Mai hatte der Frost die Getreidehalme versengt, daß sie nur zu Viehfutter taugten, und die Kartoffel faulte im Grunde. Wir in unserer Freude mißdeuteten der Eltern Besorgnis: „Mütterchen, fürcht' Dich nicht," schrien wir schon von ferne: „Er spricht deutsch!" Deutsch war für uns der Inbegriff aller Kultur; ein Deutscher war gewiß ein guter, ein gebildeter Mensch. Nahe unserem Orte, in Szobotischt, bestand neben dem großen slawischen Gemeinwesen — eine deutsche Gemeinde, katholische Hannoveraner, die einst aus der unduldsamen Heimat ausgewandert waren. In der ganzen Gegend standen sie im höheren Ansehen. Nach und nach verloren sie ihre schöne alte Kultur und sind heute ganz slawisch. Das haben wir nie begreifen mögen, wie einer aufhören könnte, die deutsche Kultur zu schätzen und zu schützen; denn wie gesagt: ein Deutscher war uns ein höherer Mensch. Znm Glück befestigten unsere Preußen diese vorgefaßte Meinung; es war eine kleine Mustertruppe, von der jeder nur das Beste erzählte. Ganz nahe brachte sie allen die Tatsache, daß viele von ihnen Kinder hatten. Bei uns kannte man damals die allgemeine Wehrpflicht noch nicht. Soldaten, die Kinder hatten, das war uns neu. Aber der netteste war doch „unser Preuß"; — das behauptete zwar jeder, aber unserer war's ganz sicher — er erzählte viel von seiner Familie, las die Briefe seiner Frau vor. und was die Hauptsache ist, er konnte den Krieg nicht leiden und hoffte auf sein baldiges Ende. Als wir das in der Schule triumphierend vorbrachten, stellte sich heraus, daß keiner „unserer Preußen" an diesem Kriege eine große Freude hatte. Da faßten wir denn einen wunderbaren Plan, um Frieden zu bekommen; wir wollten unsere feindlichen Freunde bereden, mit ihren herrlichen Zündnadelkarabinern ein wenig unserem guten Kaiser zu helfen — und wenn wir erst auch eine Schlacht gewonnen hätten, wäre die Partie gleich und dann wollten wir Frieden schließen. Die Kriegsereignisse überholten unsere Friedenspläne. Am nächsten Tage war „unser Preuß" auf Vorposten am nördlichen Ende des Ortes, dort wo man mit freiem Auge die Karpathen sieht. Am Fuße der Berge hieß es, hätten sich die Sachsen verschanzt, um den Preußen den Vormarsch zn wehren und den Oesterreichern die Flanke zu decken. Es war ein herrlicher Augusttag, der neunte Tag im Ab, wir waren schulfrei. Da schien es uns denn ganz natürlich, daß wir „unserem Preußen" einen Besuch abstatten sollten. Wir legten uns ins Gras nahe dem Straßengraben, von wo wir mit Bewunderung die kriegerische Pracht der Ulanen betrachteten. Sie schauten abwechselnd durch ein Feldglas, was uns ganz besonders interessant erschien, denn sie sahen ganz deutlich bis nach Jablonirz, wo die „Sachsen" standen, und merkten genau, was diese vorhatten. Als „unser Preuß" das Glas zur Hand nahm, baten wir, er möchte uns doch auch einmal durchgucken lassen. Da wurde er recht ungemütlich, drohte mit der Anzeige bei der Mutter, war böse, daß wir ihm nachgekommen seien und jagte uns heim. Kaum waren wir umgekehrt, galoppierte der ganze Trupp hinter uns her. Wie ein scharfer Pfiff zog's durch die Luft — pfsst — Pink — pink. Eine Kugel hatte die Ulanka eines Preußen getroffen und war dann zu Boden gefallen. ' „In den Graben, Ihr Herrgottsrangen!" schrie unser Preuß, als er bei uns vorüberraste. „Die Sachsen kommen." Schneller als der Gedanke warfen wir uns in die sichere Deckung — und wagten gar nicht aufzublicken, als die Sachsen vorübersausten. Auch das dauerte nicht lange, es mögen ihrer fünfzig gewesen sein; sie hatten sich, geschützt durch das gewellte Terrain, geschickt herangeschlichen und schrien, als wären es ihrer tausend. Kaum war die wilde Jagd vorbei, rannten wir wie besessen hinterdrein. Das war doch einmal der richtige Krieg, da mußte man dabei sein. Die Schüsse und das Geschrei hatten die Preußen alarmiert. An der Kirche, vor dem Eintritt zum Platze, hatten sich einige Ulanen aufgestellt, uin die Sachsen aufzuhalten. — Da konnten wir ganz gemächlich von fern zusehen, wie ein Nähkamps sich abwickelte. Noch heute, nach 41 Jahren, sehe ich einen derben Unteroffizier, an die Kirchenwand gelehnt, mit dem Säbel um sich hauen, daß ihm kein Sachse nahen konnte. Inzwischen kamen einige seiner Leute mit eingelegten Lanzen heran. Die Sachsen nahmen rasch die Karabiner an die Wangen, um die Helfer niederzuknallen. Dieser Augenblick genügte dem Unteroffizier, um aufs Pferd zu steigen, das ein Zivilist im Hause daneben gehalten hatte, ein Feind also. — Denn an diesem Tage traf es sich, daß das menschliche Gefühl stärker war als jedes andere. — Keiner wollte, daß gerade sein Preuß niedergeschossen werde, so daß dem Feinde viel Hilfe wurde, damit er heil entkomme. Später hieß es, die protestantischen Handwerker seien es gewesen, Leute, die von deutschen Voreltern stammten, von jenen Deutschen, die mehrfach von österreichischen Herrschern nach Ungarn gerufen wurden, um dort das Handwerk zu pflegen. In diesen Familien hatte sich die deutsche Sprache von Eltern auf Kinder, von einer Generation zur andern vererbt. Aber ihre Kenntnis der alten Muttersprache war nur schwach — heute ist sie gauz verloren gegangen. Damals verständigten sie sich noch ein wenig mit den Preußen — aber auch kein Jude, kein Katholik und kein anderer Slawe verriet seinen Preußen. Wenn noch unsere Soldaten die Verfolger