Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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404 deinem Volke Israel und nimm sein Gebet in Liebe auf, auf daß der Gottesdienst Israels dir stets wohlgefällig sei." Darauf verneigen wir uns tief, gleichsam als stünden wir vor Gott — wir stehen ja auch inlmer und überall vor ihm — und nehmen wieder die captatio benevolentiae zu Hilfe: „Wir danken dir, daß du bist der Herr unser Gott und Gott unserer Väter immer und ewig. Schutzsels unseres Lebens, Schild unserer Hilfe, du bist von Geschlecht zu Geschlecht. Wir Preisen dich und künden deinen Ruhm für unser Leben, das deiner Hand überliefert ist, für unsere Seelen, die bei dir aufbewahrt sind, für deine Wunder, die täglich mit uns sind, für deine Wunderwerke und Wohltaten, die wir jederzeit wahrnehmen, abends, morgens und mittags. Der Allgütige bist du, denn! es endet nicht dein Erbarmen, der Allbarmherzige bist du,! denn es schwindet nicht deine Gnade, immer hoffen wir auf! dich!" Und nun nochmals alles, was wir auf dem Herzen! haben, in ein einz iges Wort zusammeugesaßt: Frieden! j Hat das menschliche Herz seinen Frieden, meine lieben i Jungen, dann ist das das Zeichen einer gesunden Seele! und eines gesunden Körpers, auch dafür ein Zeichen, daß der Mensch Ruhe hat vor äußeren und inneren Feinden. So sind die drei letzten Benediktionen der würdige Abschluß des ganzen Achtzehngebetes und heißen mit Recht: die drei Schlußbenediktionen. Sind diese gesprochen, bewegen wir uns, das Angesicht gleichsam immer geradeaus, Gott zugewandt, drei Schritte zurück, und — die Audienz vor unserem himmlischen Vater ist beendet. Ach, meine lieben jungen Freunde, wie schön wäre es doch, wenn alle Menschen so zum lieben Gott beten wollten, wie er es verlangt und wie es unsere frommen Dichter sich gedacht und niedergeschrieben haben. Aber nicht alle Menschen beten, nnd viele, die beten, tun es nur mit den Lippen, mit halbem Herzen und sind dabei schlecht und bös. Ist das nicht traurig? Wir wollen auch nicht solchen Menschen nachgehen, wollen dagegen so sein, wie wir beten, daun werden wir auch mit gutem Rechte aus den Allvater vertrauen und sprechen: „Aäauooj li welau iro." Wir müssen gerade den schlechten Menschen unser gutes Beispiel Vorhalten, damit sie von uns lernen, fromm und gottergeben sein. Besonders wir Juden müssen uns eines tadellosen Lebenswandels immer befleißigen. Wenn ein Kind einen sehr guten, braven Vater hat, ist es nicht eine doppelte Schande, wenn es mißrät und schlecht ist? Wie fromm sind doch unsere Vorväter gewesen, von der Zeit an, da sie am Sinai standen bis zu uns herab! Gewiß nicht alle, auch unter uns gab es Schlechte genug, aber auch viele so Fromme und Edle, wie in keinem andern Stamme. Wie häßlich, wenn ein Jude dessen uneingedenk ist und unwürdig seine Vorfahren! Unsere große Pflicht, die Pflicht eines jeden Juden, ist, Gott nicht nur als den Vater aller Menschen, als den Schöpfer des Weltalls zu loben und zu preisen, sondern auch als den, der unseren Vätern sich offenbart, ihnen seinen Willen kundgegeben und uns berufen hat, seinen einzigen, heiligen Namen in der Welt zu verbreiten. Dabei wollen wir, meine Lieben, nie und nimmer die Hoffnung aufgeben, daß einmal eine Zeit kommen werde, da alle Menschen den einzigen Gott in Wahrheit anrufen und ihm allein huldigen werden, nicht allein im Gebet, sondern noch viel inehr durch ihre Handlungen. In jener Zeit wird es keine Bosheit, keine Rachsucht geben, keinen Betrug, keine Heuchler und Verleumder, alle werden sich in Ehrfurcht vor Gott beugen und nur Gutes üben, und Gott allein wird König sein auf der ganzen Erde für alle Menschen, alle Nationen, und seinen Willen wird alles vollziehen in Liebe und Treue. Diese Hoffnung, meine lieben jungen Freunde, soll nie aus unseren Herzen schwinden. Darum sollen wir täglich ein Gebet verrichten, das diese Hoffnung ausspricht und uns einprägt, ein Gebet, das gleichsam die Krone unserer Gebete ist, das bei keinem Gottesdienste fehlen soll und auch nicht fehlt. Es ist das Schlußgebet, das nach seinem Anfangsworte „Olenu" genannt wird. Sv oft wir im Tempel zu gemeinsamer Andacht uns versammeln, schließen wir den Gottesdienst mit diesem herzerhebenden, hoffnungsreichen Gebete, in welchem wir trotz aller Uebel, die auf Erden sind, der frohen Erwartung uns hingeben, daß dereinst alle Menschen Brüder sein werden, Brüder in der gemeinsamen Liebe zum Allvater, zu allem Guten und Edlen. Betet um die Erfüllung dieser Hoffnung täglich, meine lieben jungen Freunde, denket unentwegt an das große Leitwort: „Adaunoj li welau iro", „Gott mit mir, ich fürchte nicht", präget es euren Herzen tief ein, damit ihr gute, brave Menschen werdet, Gunst und Liebe findet vor Gott und den Nebenmenschen. „Anler Kreutz." Eine Episode aus dem Feldzuge des Jahres 1866. Von H. Uork-Steiner. Tt öniggrätz war geschlagen — mit Windeseile verbreitete sich die Botschaft durch unsere Heimat. Wir waren besiegt, „der Preuß" mit seinem Zündnadelgewehr hatte unser stolzes Heer zersprengt. Wir Kinder konnten uns kein rechtes Bild davon machen — wir wußten nur, daß wir umlernen und unsere Spiele anders einrichten mußten. Bis zu diesem Tage hatte nämlich „der Preuß" beim Kriegspielen nur Schläge bekommen, das konnte unmöglich so weiter gehen. Einige Ueberkluge meinten zwar, die Preußen seien Barbaren, die an Erwachsenen und Kindern wahre Greuel verübten — und solche Unholde dürften nicht gewinnen — aber Lügen hatten auch damals kurze Beine. Die Preußen dagegen recht lange. Ehe wir uns noch über das Wesen unserer Feinde klar geworden, standen sie in voller Mannesgröße und schönster Manneszucht vor uns. Das war in einem kleinen Städtchen Oberungarns, zwei Meilen von der mährischen Grenze. Die Preußen waren über die March gezogen, um den Oesterreichern die Vereinigung an der Donau zu stören. Diese Bewegung führte bekanntlich zum Gefecht bei Blumenau vor Preßburg. Bei uns zeigten sich zuerst einige Eskadronen Ulanen, jener Ulanen, die im ganzen Reiche den Inbegriff alles kriegerischen Schreckens bildeten. Sie kamen auch recht scharf den Hügel herabgesprengt, der unser weites Tal am Fuße der kleinen Karpathen gegen Süden abschloß. Je zwei Mann ritten die vier sich kreuzenden Straßen ab, uni zu rekognoszieren und stießen dann zur Hauptmacht aus dem großen Platze mitten im Orte. Es war ein schauderhaft feierlicher Augenblick — im ganzen Marktflecken gab es wohl keinen Menschen, dessen Herz nicht vor Erregung erbebte. Wir Kinder kamen aus der Schule und mußten am Feinde vorbei. Ein scharfes Horn signal schreckte uns weit zurück, dann Totenstille, und mitten aus der Ruhe des Schreckens eine scharfe, laute Stimme. Und sie sprach Deutsch!