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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-23 · Heft 34 (23.8.1907) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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403 Worauf beziehen sich diese drei? Auf unseren Körper? Nein! Auf unser Seelenleben. Weil dies das Wichtigere ist, stehen sie auch au der Spitze. Jetzt kommt erst das Körperliche. Und da ist wiederum das erste, daß der liebe Gott uns beschützen möge, wenn wir in Elend geraten und es mit niedrigen, bösen Menschen zu tun haben, wie er auch unsere Väter immer erlöst hat, wenn sie gegen schlimme Feinde kämpfen haben müssen. Sodann flehen wir zum lieben Gott: „Heile du uns, o Herr, dann sind wir geheilt, hilf du uns, dann ist uns geholfen, und führe volle Genesung herbei für alle unsere Krankheiten." Und als drittes erbitten wir den Segen des Herrn für Feld und Flur, denn wenn auch viele Menschen in Städten wohnen, leben wir doch alle mehr oder weniger von dem Segen, den der Allvater Feld und Garten zuteil werden läßt. — Also den drei Bitten für unser Seelenleben folgen drei für unser körperliches Wohl. Wie schön haben es doch unsere frommen Dichter eingeteilt! Jetzt will ich euch etwas mitteilen, was ihr noch nicht gehört habt, meine lieben Jungen. Gelt, wir sind Menschen, wie alle anderen auch. Als Menschen gibt es nur einen Unterschied, den wir machen dürfen: gute oder schlechte Menschen. Alle Guten lieben wir, und die Schlechten wollen wir uns bemühen zu bessern. Und doch sagen wir von uns, wir seien Juden, sind auch ordentlich stolz darauf. Warum nennen wir uns so? Weil unsere Vorfahren im Lande Judäa gelebt haben. Darum heißt auch unsere Religion die jüdische und unsere Geschichte die jüdische. Nun frage ich euch: Was sind wir erst, Menschen oder Juden? Natürlich Menschen. Denn der liebe Gott hat den Menschen erschaffen, nicht den Juden oder den Christen oder den Mohammedaner. Wenn wir also zum lieben Gott beten, sollen wir als Menschen zu ihm beten. Und das tun wir auch. Alle sechs Bittbenediktionen, die wir bis jetzt durchnahmen, sprechen wir alsMenschen zum lieben Gott, ohne zu fragen, welchem Stamme oder welcher Religion wir angehören. Aber wir sind auch Juden, das heißt wir gehören jenem Stamme an, dessen Vorväter Abrahani schon den einzigen Gott erkannt hat, dessen Vorfahren am Berge Sinai die Gebote des Herrn von Moses empfingen, der weise, fromme Lehrer hatte, die wir Propheten und Weise nennen, der viel zu leiden gehabt hat von Griechen und Römern, die ihm dem lieben Gott abspenstig machen wollten, der aber alles Leid zur Ehre des einzigen Gottes freudig auf sich genommen hat. Es war besonders von dem Jahre 70 angefangen bis zum Jahre 135, also vor 1800 Jahren, daß die Römer schrecklich im heiligen Lande wüteten. Sie töteten die Fronunen, zerstörten den heiligen Tempel, verwüsteten Jerusalem, und unsere armen Vorfahren befanden sich in arger Not und Bedrückung. Da beteten sie zum lieben Gott, er möge sie doch endlich von dem römischen Joche befreien und sie erlösen. Besonders hatten die Römer den Juden verboten, ihre Streitfälle vor eigenen Gerichten zu erledigen, und die Juden mußten vor römischen Richtern erscheinen, die ihnen Unrecht taten, auch wenn sie im Rechte waren. Und die bedrängten Juden beteten, der liebe Gott möge ihnen wieder die Zeit schicken, in der sie ihre eigenen guten Richter abermals hätten, wie sie sie ehedem besaßen. Aber noch Traurigeres ereignete sich dazunml. Schlechte Menschen gibt es, ihr wisset es ja, immer und überall. So gab es auch damals Juden, die trotz der Not ihrer Stammesbrüder es mit den Römern hielten, die Frommen verhöhnten und auslachten, sie sogar bei den Römern verleumdeten. Gegen solche gottlose Verleumder richteten unsere Väter ihr Gebet zum lieben Gott, daß „die Verleumdung und die Bosheit verschwinden mögen". Und wie sie sahen, daß die frommen Weisen am ineisten unter den Römern zu leiden hatten, beteten sie, daß Gott sich der Frommen und Guten, ob sie von Juden stammten oder nicht, erbarmen möge und ihnen ihre guten Werke lohne, weil sie so sehr ans Gott vertrauen. Und noch eine große Bitte hatten sie. Das arme Jerusalem, einst so schön und herrlich, war ein Schutt- und Trümmerhaufen geworden, die Häuser niedergebrannt, alles wüst und öde. Da flehten sie aus tiefstem Herzen, der liebe Gott möge Jerusalems in Erbarmen gedenken, daß es wieder aufblühe und gedeihe. Diese fünf Bitten nennen wir nationale Gebete, weil sie sich auf die Geschichte unseres Stammes beziehen, und sie folgen auch heute noch in unserm Achtzehngebote gleich auf die ersten sechs Bittbenediktionen. Ja, aber wozu haben wir die noch heute, werdet ihr mich fragen, wir sind ja nicht mehr in Palästina und die Römer existieren auch nicht mehr? Nun denn, ihr wisset es, daß noch viele unserer Glaubensbrüder in Drangsal und Elend nur ihres Glaubens wegen hinschmachten müssen; denket doch nur an das Schicksal der armen Juden in Rußland, in Rumänien! Wollen wir für die nicht beten, nur weil es uns besser geht? Wäre das nicht eine verachtungswerte Selbstsucht? Solange auch nur ein einziger Jude wegen seines Glaubens zu leiden hat, müssen wir alle um seine Freiheit zu Gott beten, daß ihm Gerechtigkeit widerfahre, daß die Verleumder schwinden, die das Volk gegen ihn hetzen, daß dem frommen Dulder der Herr den wohlverdienten Lohn gebe, da er so fromm auf ihn vertraut hat, trotz der Uebel, die über ihn hereingebrochen. Und wäre es nicht auch heute würdiger, wenn Jerusalem, die Stadt unserer Vorfahren, eine schöne, herrliche Stadt wäre, zu der Millionen Menschen pilgern würden, um sie zu sehen? Darum soll auch jeder von uns, wenn auch nur eine geringe Summe, solchen Vereinen zukommen lassen, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, die verwahrloste Gottesstadt in eine umzuwandeln, an der Gott und Menschen ihre Augenweide fänden. Nicht wahr, ihr verstehet jetzt, warum wir auch heute noch diese fünf nationalen Gebete alltäglich verrichten sollen? Weil es aber unseren Vätern so sehr am Herzen lag, daß sie der liebe Gott von den bösen Römern befreie, fügten sie den fünf Bitten noch eine sechste hinzu: „Höre auf unsere Stimme, o Herr unser Gott, schone und erbarme dich unser, nimm in Erbarmen und Wohlgefallen unsere Gebete auf, denn du bist ja Gott, der erhöret Gebete und Flehen. Und laß uns nicht erfolglos von dir zurückkehren." — Ist das nicht schön, meine lieben Jungen? Von den zwölf Bitten, die auf die drei Einleitungsbenediktionen folgen, gelten die ersten sechs dem Menschen, er sei Jude oder Nichtjnde, und von diesen wieder die ersten drei der Wohlfahrt unserer Seele, die anderen drei der unseres Körpers; die weiteren sechs gelten uns als Juden, die wir noch nirgends so frei sind, wie wir einst im heiligen Lande waren. Nun stellet euch vor, ihr hättet vor dem Kaiser euer Ansuchen vorgebracht, werdet ihr dann, ohne ein Wort zu sagen, euch umdrehen und hinausgehen? Das wäre aber recht ungezogen, ihr könntet euch da leicht die Gunst des Kaisers verscherzen. Was denn tätet ihr? Ihr würdet sicherlich nochmals eure Bitten zusammenfassen und kurz wiederholen, auch an der captatio benevolenliae ließet ihr es nicht fehlen und schlösset mit abermaliger Bitte um Gehör. Daun verbeuget ihr euch tief, gehet, das Antlitz immer dem Kaiser zugewandt, einige Schritte zurück, öffnet leise die Türe und — die Audienz ist beendet. Genau so schreibt es uns das Achtzehngebet vor. Haben wir die zwölf Bitten geschlossen, fassen wir sie in einem Satz zusammen: „Finde Wohlgefallen, o Herr, unser Gott, an

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