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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-23 · Heft 34 (23.8.1907) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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dieser murrt, jammert, >vütet, wenn Gefahr ihm droht, der Fromme nimmt auch das Leid demütig, ruhig auf, int Vertrauen zum Allvater, daß dieser es von ihm bald abwenden werde. Darum soll auch der Fromme täglich ztl Gott beten mn die göttliche Gnade für das, waS ihm täglich not tut. Diese Bitten, -wir wollen sie die Bittgebete nennen, sollet ihr nunmehr kennen lernen. Sie tragen einen eigentümlichen Namen: das Achtzehngebet, hebräisch: 8ebemone - esre. Ein sonderbarer Name, was? Nicht sehr Poetisch. Aber um so schöner und poetischer ist sein Inhalt: der Mensch schaue eben nicht auf den Krug, sondern darauf, was darin ist. Vorerst jedoch will ich euch den Namen erklären. Ihr seid ja schon große Lateiner und könnet mir das Wort „beneäietio" übersetzen. Es heißt „Lobpreisung". Jetzt merket euch: Wenn ein Gebet mit den Worten schließt: „Gelobt seist du, o Gott", nennen wir cs eine Lobpreisung, eine Benediktion. Das Achtzehngebet enthält nun 18 Sätze, deren Schlußworte lauten: „Gelobt seist du, o Gott", sonach 18 Benediktionen, daher sein Name: Achtzehngebet. Es besteht aus drei Hauptteilen: der erste aus drei, der zweite ans zwölf und der dritte wieder aus drei Benediktionen. Wozu diese Einteilung? Damit ihr es gut begreifet, müsset ihr euch das Ganze so wie eine Audienz vorstellen. Habet ihr schon das Wort einmal gehört? Es stammt vom Lateinischen „audire", hören. Unser Kaiser zum Beispiel empfängt wöchentlich öfters Männer und Frauen, die ihm ihre Bitten oder ihre Danksagungen unterbreiten, in der Hoffnung, daß er ihnen Gehör schenke und ihre Bitten erfülle. Diese Empfänge nennt man Audienzen. Jetzt stellet euch vor, ihr wolltet einmal selbst zum Kaiser, ihm eine Bitte vorzutragen. Wie würdet ihr das machen? Ich denke, ihr leget euer bestes Gewand an, werdet auch nicht wenig erregt fein: man kommt doch vor den Kaiser. Ein Diener führt euch in einen großen Saal, und da wartet ihr, bis euch das Zeichen zum Eintritt gegeben wird. Oeffnete euch der Türsteher nicht, müßtet ihr natürlich anklopfen, das heißt um Erlaubnis bitten, eintreten zu dürfen. Nun tretet ihr ein. Ihr verneiget euch tief, bleibet dann stramm aufrecht stehen und stellet euch vor. Wie gut hat es da einer, dem sein Vater sagt: Du, sag' nur mutig, wessen Sohn du bist. Majestät kennt mich, weiß, wie treu ich ihm gedient habe und wird dich dann doppelt freundlich empfangen. Ihr habt euch also vorgestellt. Werdet ihr gleich darauf eure Bitte atlssprechen? Noch nicht. Wie ein wohlerzogenes Kind nicht mit der Tür ins Haus füllt, wenn es etwas will, sondern das Verlangen mit Hinweis auf die Güter der Eltern stellt, so auch der Mensch vor dem Kaiser. Die Lateiner haben dafür einen eigenen Ausdruck, der heißt: eaplatio benevolentiae — das Fangen des Wohlwollens. Jeder ist lieben, guten Worten zngünglich, das ist so unsere Art. Wenn ihr vom Vater etwas möchtet, bittet ihr auch: lieber, guter, süßer Vater, kaufe mir das! Auch zum Kaiser werden wir also sprechen: O Kaiser, der du so gnadenvoll und gütig bist, erfülle meine Bitte! Nun wollen wir das Ganze auf den lieben Gott anwenden. Doch nicht vergessen, daß wir es nur so bildlich tun, wie eben der Mensch zu sprechen Pflegt. Den lieben Gott nennen wir den König aller Könige, er ist allmächtig und herrscht über alles ewiglich. Ihm wollen wir unsere Bitten unterbreiten, - daß er sic höre. Wir kleiden uns sauber an. Lehre: nie darfst du mit schmutzigen Händen, ungewaschen beten und auch dein Gewand sei sauber, wenn du vor Gott bist. Dann klopfen wir an — der liebe Gott braucht keinen Türsteher, zu ihm darf jeder — bitten um Erlaubnis sprechen zu dürfen: „O Herr, öffne meine Lippen, und mein Mund ver- . kündet deinen Ruhm!" Dann verneigen wir uns tief, als stünden ivir vor dein Throne des Herrn. Darauf stellen wir uns vor, natürlich stramm und aufrecht müssen wir stehen — das Achtzehngebet darf man nur stehend verrichten. Wie geschieht das? Neimen wir unsere Namen? O nein! Unsere Urväter nennen wir und stellen uns vor als die Nachkommen Abrahams, Jsaks und Jakobs, die Gott so fromm dienten, die der liebe Gott so geliebt hat, und wir sind sicher, daß der liebe Gott schon den Vätern zuliebe unser Bitten erhören wird. „O Allvater," so sprechen wir, „derduheilbringende Gnaden erweisest, du Schöpfer des Weltalls, der du gedenkst der Frömmigkeit der Urväter und Erlösung bringst ihren Kindeskindern um deines Namens willen in Liebe, du König, Retter, Helfer und Schild! Gelobt seist du, Herr, Schild Abrahams!" Haben wir uns so j vorgestellt, folgt darauf die eaptatio benevolentiae. Natürlich! auch nur bildlich, wie der Mensch vor Menschen es übt. Der; liebe Gott braucht nicht unsere Schmeichelworte, er ist immer gut und gerecht. Worin kann aber unsere eaptatio benevolentiae vor Gott bestehen? Indem wir seine Güte preisen, seine Barmherzigkeit, seine Allmacht und Heiligkeit. Wie doch der liebe Gott der Natur alles gibt, was sie braucht: Regen und Sonnenschein, Wärme und Kühle, Tau und Wind zur rechten Zeit! Wie erden Menschen in seiner Gnade ernährt. Fallende stützt, Kranke heilt. Unglückliche errettet! Wie er unserm Körper die Seele eingehaucht, uns dadurch erst wahres Leben gegeben hat, denn was ist des Menschen Dasein ohne Seele? Wie das Tier ist er, das stumme, das vergeht, kann nicht denken, nicht schaffen! Er aber ist heilig, das Höchste und Reinste, und heilige, fromme Menschen Preisen ihn täglich, stündlich. So leiten wir unsere Wünsche vor dem lieben Gott ein. Darum nennen wir auch die drei ersten Benediktionen, in denen wir uns dem lieben Gott vorstellen, seine Allmacht und Vaterhuld preisen, die drei einleitenden Benediktion en. Jetzt wagen wir erst unsere Bitten auszusprechen. Was meinet ihr, wie lautet unsere erste Bitte? Da zeigt sich, meine lieben jungen Freunde, die Weisheit unserer frommen Dichter, die vor vielen hundert Jahren unsere Gebete geschrieben haben. Ihr wisset es doch, worin sich eigentlich der Mensch vor dem Tiere auszeichnet? Durch die Vernunft, die Einsicht und Erkenntnis, die uns lehren Gott erkennen, zwischen gut und böse unterscheiden. Da meinten denn unsere frommen Dichter mit Recht: das Erste, worum der Mensch den Allvater bitten soll, ist Erkenntnis und Einsicht, — Aber gerade weil der Mensch Einsicht hat, weil Gott ihm die Seele verliehen, muß er sich ihrer auch würdig zeigen, darf er sie nie mißbrauchen. Da die Menschen jedoch alle Sünder sind, auch der Beste von uns, und keiner von uns vvllkomnten ist, darunt bitten wir den lieben Gott, er möchte uns immer wieder die Kraft geben gilt zu werden, wenn wir gesündigt haben, denn eine Sünde nicht bereuen, macht sie erst zur wirklichen Süttde. Unsere zweite Bitte geht also dahin, daß der liebe Gott uns zu sich zurückführe, wenn wir uns gegen ihn vergangen haben. — Doch eine Frage habe ich an euch, meine kleinen Freunde. Ihr seid stets bereit, wenn ihr gefehlt habt, Vater und Mutter um Verzeihung zu bitten. Warum? Weil ihr wisset, daß sie euch immer wieder gerne verzeihen. Wüßtet ihr das nicht, würdet ihr eure Sünden verbergen und sie dadurch nur vermehren. Auch den lieben Gott bitten wir gern um Verzeihung, weil wir wissen, daß er immer verzeiht. Unsere dritte Bitte lautet also: „Verzeihe uns, o unser Vater, wenn wir gesündigt haben, vergib uns, o unser König, wenn wir gefrevelt haben, denn du vergibst und verzeihst. Gelobt seist du, o Herr, der gar vieles verzeiht." — Drei Bittbenediktionen haben wir bis jetzt durchgenommen.

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