Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
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401 eine wahrhaft vernichtende Kritik erfuhr, Vvn mir dagegen in „Nord und Süd" als ein Tröster, Leiter mrd Wegweiser für Mütter bezeichnet wurde, und die edle, verehrungswürdige Vorstandsdame der hiesigen Israelitischen Koch- und Haushaltungsschule, der ich das Buch für die Bibliothek des sich ihres fördernden Schutzes erfreuenden jungen Instituts überwies, begleitete ihren Dank mit den Worten: „Das Buch wird gewiß Segen stiften und klärend wirken." Auch in der „Wiener Hausfrauenzeitung" wurde das Buch ebenso günstig als eingehend beurteilt. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle zu Nutz und Frommen der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens etwas näher auf das Buch einzugehen. Es soll keineswegs die Aufgabe dieser Zeilen sein, die einzelnen, oft tiefergreifenden, stets aber beachtenswerten Lebensbilder, die sich vor uns entrollen, zu schildern, allein jede Mutter, die sich um die Zukunft ihrer Töchter sorgt, wird aus den bitteren Erfahrungen anderer Frauen im Kampfe ums Dasein aus diesem Buche wertvolle Anregung und Belehrung für die Existenzfrage der eigenen Töchter schöpfen. Denn kaum einen praktischen Frauenberuf gibt es — die gelehrten können, da nur wenigen Auserwählten zugänglich, hier nicht in Betracht kommen — der hier nicht beleuchtet würde, um den erwerbenden Frauen zu zeigen, daß, wenn das Schicksal ernst fordernd an ihre Tür klopft, sie aus jedem Gebiete ein Arbeitsfeld finden können, ob als Lehrerin oder Schneiderin, als Krankenpflegerin oder Fremdenführerin, als Versicherungsbeamtin usw. Berührt es nun ungemein wohltuend, wie viele tapfere Frauen und Mädchen sich aus drückenden Verhältnissen den richtigen Weg zu einer geachteten und gesicherten Existenz gebahnt haben, so klingt es aus ernst und vorwurfsvoll warnend und mahnend für alle jüdischen Eltern, für ihre Töchter nicht nur die Bildung des Geistes, sondern bei weitem mehr noch die des Willens und Charakters im Auge zu haben, Wille und Charakter richtig anzuleiten, zu entwickeln und zu stählen, von den jungen Mädchen Proben von Willensstärke und Charakterfestigkeit zu fordern, ihnen frühzeitig richtiges Verständnis für den Ernst des Lebens einzuflößen und sie somit auszurüsten, selbst für sich sorgen zu können, ohne vorher hartes, bitteres Lehrgeld zahlen zu müssen, wenn die Notwendigkeit an sie herantritt. Die schmerzliche Klage: „Ich habe alles — doch eigentlich nichts gelernt. Meine Bildung ist nur Stückwerk und genügt bei weitem nicht, um eine Existenz aufzubanen; mein Wille wurde nicht genug durchgebildet und gekräftet, mein Egoismus und meine Eitelkeit wurden nicht energisch genug bekämpft," ist eine ebenso schwere Anklage gegen die zärtlichen Eltern, die da in ihrer Liebe für die jungen Mädchen glauben, ihnen jeden Stein aus dem Wege zu räumen, als gegen unsere . Mädchenschulen. Was unfern Töchtern not tut, ist, daß sie alles, was sie lernen, gründlicher, weniger oberflächlich lernen! Statt daß unsere Mädchenschulen auf der Grundlage des elementaren Wissens die Durchbildung für das Leben vermitteln sollten, naschen unsere jungen Mädchen nur von allen Wissenszweigen. Nicht allen ist es vergönnt, auf der Höhe zu wandeln, sich eine allgemeine hohe Bildung auf verschiedenen Gebieten anzueignen, für gar viele heißt es: „Du sollst im Schatten blühen!" Und hier wird besonders in unfern Tagen gefordert, auf irgend einem Gebiete nur den Kampf mit dem Dasein zu bestehen, etwas Vollendetes leisten zu kvnuen, sei eS noch so einfacher Art. Die häusliche Erziehung, die unsere jungen Mädchen genießen, genügt in den seltensten Fällen den Ansprüchen, die das Leben stellt. Was diese versäumt, haben erst Jahre der bittersten Leiden und Erfahrungen bei all den Frauen und Mädchen, die in dem Buche zu Worte kvminen, gereift. Sie alle hatten eine „höhere Bildung". genossen, die sich als gänzlich unzureichend erwies, als es galt, den Kampf gegen ein widriges Geschick aufzunehmen, sie alle mußten erst durch eine harte Schule gehen, ehe es ihnen glückte, sich auch nur eine ganz bescheidene Existenz zu gewinnen. Möchten doch alle jüdischen Mütter sich mit liebevollem Verständnis in die junge Mädchenseele versenken und ihre Töchter durch geeignete Kenntnisse, Mut, Tapferkeit und Kraft würdig ausrüsten, wenn das Schicksal sie vor den wirtschaftlichen Kampf stellt, ob als Helferin, Trösterin und Retterin der Mutter, ob als Ernährerin für sich selbst und ihre Kinder, damit sie sich nicht erst ernsten Studien widmen müssen, wenn eine unvorhergesehene Katastrophe Leistungen von ihnen heischt, denen sie nach keiner Richtung hin gewachsen sind. Wieviel Angst und Sorge, wieviel Entbehrungen und Demütigungen, wieviel Stunden trostloser Verzweiflung würden den tapferen Kämpferinnen, die aus dem Buche mit eindringlicher Sprache zu uns reden, erspart geblieben sein, hätten ihre Eltern, statt, wie es unsere moderne Mädchenerziehung leider tut, viel zu viel, ja alles Gewicht auf die geistige Bildung zu legen, in kluger Einsicht mehr die Bildung des Charakters berücksichtigt. Das Unglück mußte erst die besten Kräfte des Seins und Wesens der im Elternhause in ihrer Jugend sorgsam behüteten Frauen und Mädchen zur vollen Entfaltung bringen, als Siegerinnen gingen sie aus dem schweren Kampfe ums tägliche Brot hervor. Möchte das treffliche Buch Eingang und Verbreitung bei den deutschen Müttern jüdischen Glaubens finden! Möchten sie daraus erkennen lernen, daß es eine ihrer höchsten Aufgaben und Pflichten gegen ihre Töchter ist, sie vorznbereiten, den dornen-, aber auch segensreichen Weg, den sie vielleicht einst wandeln müssen, mir ernstem Wollen und freudiger Opferfähigkeit zurückzulegen! Anlrre Wrrktsgsgrbete. Ein Schulvortrag. Bon Dr. I. Ziegler-Karlsbad. II. un kennt ihr genau, meine lieben jungen Freunde, das Leitwort eures Lebens, kennt auch jene Mittel, die euch helfen, es zu besitzen; nicht etwa oberflächlich, für Momente, sondern verwoben mit eurem Denken und Handeln, eins mit euch. Sie sind: Reinheit der Seele, Festhalten der göttlichen Gebote, Meiden böser Menschen, das edle Beispiel der Ahnen befolgen und vor allem, allezeit Göttin sich tragen und sich vor Augen halten. — Sind wir aber, wenn wir auch das alles tun, auch schon behütet vor Bösem, wirklich gefeit gegen Not und Unheil, beschützt vor Krankheit und Drangsal? Ihr, meine lieben Kinder, wisset ja, dem Himmel sei Dank dafür, noch wenig zu erzählen von den Uebeln dieser Welt; ihr seid leidlich gesund, gute Eltern sorgen für euch, ernähren, verpflegen euch und verscheuchen von eurer schönen Jugend alles, was sie stören könnte. Aber wissen sollet ihr jetzt schon, daß auch den Frömmsten und Besten oft viel Ungemach trifft. Allerdings, erträgt das alles anders als der schlechte Menschi