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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-23 · Heft 34 (23.8.1907) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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4ÖÖ gingen sie dahin, trotz oder gerade wegen ihrer Hochkultur, so gehen auch alte Kultur-Familien zugrunde, die ihre Wurzeln ausreißen aus der schwarzen Erde und künstlich verpflanzen in die Gewächshäuser mit ihrer dumpfen Luft und ihrer faulen Wärme. So lange nur die Kronen fahl und kahl wurden, so lange nur das brünstige Laub zu neuem Leben die Erde düngte, brauchten wir nicht zittern. Noch keimte uns in jedem neuen Völkerfrühling neues Leben, der alte Stamm trieb immer noch frische, keimfähige Sprossen und baute sich immer wieder eine Himmelsleiter, wie einst der Urvater. Und engelgleich stiegen die Kinder unseres Volkes aus den sehnigen Sprossen empor zum Himmelszelt und schufen immer von neuem am unendlichen Firmament. Aber heute! — Nicht mehr in den oberen Zehntausenden allein finden wir die Mischehen und das Aufgeben des rituellen Haushalts, sondern gerade in den Volkskreisen mehrt sich der Abfall in erschreckender Weise — die Wurzeln sind krank, sie treiben nicht mehr in den Boden, in dem sie gepflanzt waren. Aber was tut die Gesamtheit, was tut ihre Vertretung für die Erhaltung unserer Wurzelständigkeit? Wir sind weit^entfernt davon, zu verlangen, daß der, der sich frei fühlt von traditionellem Erleben, angehalten werden soll zu dem, dem er entwachsen — aber was tun wir, um all denen eine Stätte zu bieten, die noch in Gewissensgual den ersten Schritt vom Wege tun und durch die Verhältnisse gezwungen werden, den rituellen Haushalt aufzugeben? Nichts — rein nichts. Berlin hat eine Gemeinde von ca. 100 000 Seelen, ein Budget von fünf bis sechs Millionen jährlich; tausende von Glaubensbrüdern und -Schwestern kommen alljährlich nach Berlin — nicht die Wohlhabenden, die in den Hotels ersten Ranges wohnen — wo finden all diese eine Stätte, wo sie nach ritueller Vorschrift essen können? Die Berliner jüdische Gemeinde hat eine Kommission zur Beschaffung von Koscher-Fleisch, das ist alles; denn was außerdem ist, ist von Uebel. Die Kaschemmen im Hirtenviertel, die „Hotels" und „Gasthäuser" in den alten Straßen des Zentrums mit der verlockenden Aufschrift „Koscher", soll ich sie schildern mit den Erbübeln einer traurigen Vergangenheit? Oder sollten wir etwa berichten von der „jüdischen Volksküche"? Ist kein Mann oder keine Frau in dieser großen Gemeinde, die dieses soziale Hilfswerk beginnen, dieses Bollwerk errichten wollen? Warum wir es ein religiöses Bollwerk nennen, haben wir oben auseinandergesetzt. Aber in ebenso hervorragendem Maße würde eine solche Stätte — oder solche Stätten — ein soziales Hilsswerk sein. Kinderheime und Waisenhäuser, Krankenhäuser und Lungenheilstätten, Erholungshäuser und Blindenanstalten, Studienbeförderungsvereine und Lehrlingsheime, Siechenhäuser und Alterversorgnngsanstalten werden gestiftet und gebaut (und sogar nicht belegt), aber warum sorgen wir für Blinde und Lahme, für Witwen und Waisen, für Kranke und Sieche? — Warum sorgen wir nicht, daß sie gesund bleiben an Herz und Seele und Körper, daß für geringes Entgelt eine gute, gesunde, rituelle Kost gereicht wird in einer Stadt, in der so viele Juden aus- und eingehen? Wir würden ein soziales Werk schaffen, das vorbildlich wäre und uns nützen würde als Juden und als Menschen. Wie soll diese „jüdische Volkswirtschaft" beschaffen sein? Jede Organisation muß aus sich herauswachsen. Gleich wie bei allem Organischen läßt sich Wachstum und Entwicklung nicht vorherbestimmen. Aber den Kern, den wir pflanzen, müssen wir kennen und die Lebensbedingungen müssen wir ihm schaffen. Ein luftiges, Helles Haus. Jur Parterre und in der ersten Etage einfach ausgestattet, sauber, mit hellem Glanze erfüllt und die großen, mächtigen Räume ab geteilt zu in sich geschlossenen Heimen. Die mit Unrecht angedichtete Schmodderei flieht diese Räume und läßt seine Gäste die Reinlichkeit mitnehmen ins eigene Haus. Morgens von sechs bis neun Uhr, mittags von elf bis drei Uhr und abends von sechs bis neun Uhr öffnet dieses Haus seine gastfreien Pforten einem jeden. — Es soll keine Wohltütigkeitsanstalt sein, nein — nur eine Wohltat für die Menschen. Nun das Programnit Für 10 Pfennig erhält man zum Frühstück: Einen Topf (l/4 Liter) Milch oder Milchkaffee, dazu zwei trockene Schrippen oder zwei Butterbrote. Für 20 Pfennig erhält man mittags: Eine Speifeauswahl von drei Gerichten, von denen eine zu wählen ist. Aber ob es eine Reisspeise ist (worauf besonders Wert zu legen ist), eine Kartoffelspeise oder Hülsenfrüchte, oder aber eine kräftige Suppe mit Einlage, dieses eine Gericht muß so gut beschaffen sein und so reichlich gegeben werden, daß niemand hungrig vom Tische geht. Für 10 Psennig erhält man abends V4 Liter Milch, Milchkaffee oder Tee und zwei Schrippen trocken oder zwei Butterbrote — oder aber für 20 Pfennig : Milch, Kaffee oder Tee, die Schwarz- oder Weißbrote aber belegt. Kinder unter sechs Jahren nur die Hälfte. Nur das allerbeste Material in bester Ausführung, penibelste Sauberkeit und Sorgfalt, ausgezeichnetes Personal und volkswirtschaftlich geschulte und bewährte Kräfte als Aufsicht. Wer zahlt? Jeder für sich. Er gibt mit den 10 oder 20 Pfennig nur die baren Auslagen der Institution wieder, Räume und Unkosten (d. h. Personal rc.) stellt der Zinsendienst des Anlage- — ix h. Stistungskapitals — (keine Schnorrerei im großen Stil). Ist eine solche jüdische Volkswirtschaft in unserer Gemeinde eine Notwendigkeit? Wer noch nicht überzeugt ist durch die Gründe, die ich oben angeführt habe für eine solche rituelle Veranstaltung, der sehe sich die Zahlen an, die den Verbrauch der jüdischen Gemeindeinstitute heute schon darstellen, der aber heute einem Privatinstitut zugute kommt, das ohne jede Aufsicht der Gemeinde ist. Die Armenkommission der jüdischen Gemeinde gab: ,906 Speis-mark-n Prionen 1871 ...... 517 Mark II „ 18116 Die Durchreise und Abfertigungsstelle: I ca. 1000 9000 2410 Speisemarken -.jj Die Alliance .^ | Der Hilfsverein meist I ca. 5000 meist I 75,000 Speisemarken für ca. 25 000 Mark. Aber, so ungeheuer groß diese Zahl ist — sie gibt nur die an, die um Hilfe in der Not zu uns kommen, die große Zahl derer jedoch, die für die eigenen Pfennige in die Volksküchen oder in die Kaschemmen gehen, oder sich mit Brot begnügen, die sind nicht zu zählen. Und so frage ich noch einmal! Ist niemand da in der ganzen Gemeinde, der dieses soziale Werk schaffen kann, ist niemand da, der diese Forderung erfüllen will — ist niemand da? Vor den wirtlchsMchrn Lampk gebellt. Von Regina Neisser. Unter den zahlreichen in neuester Zeit erschienenen „Frauenbüchern" ist wohl kaum eines so lehrreich für alle weiblichen Kreise und somit auch für die deutsche Frauenwelt jüdischen Glaubens, als das unter obigem Titel veröffentlichte Ergebnis einer Rundfrage der „Gartenlaube", welches jene Antworten enthält, die die Herausgeber als am interessantesten und beherzigenswertesten für die Leserinnen betrachteten. Wie weit die Anschauungen dermodernen Frauenrechtlerinnen der äußersten Linken mit denen der Anhängerinnen des gemäßigten Fortschrittes auseinandergehen, zeigt sich in der Beurteilung dieses trefflichen Buches, das in „Die Frau" sowohl als in einem Artikel von Fräulein Dr. Gertrud Bäumer in der „Nation" 0 l Speisemarken sind Kochschulmarken. II Sveisemarken find Vvlksküchemarten.

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