Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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beit mterpretierend,ett Miinsterialeutschließnngen, bie feit 60 oder 70 Jaliren bezüglich der kirchenrechtlichen Verhältnisse der Israeliten in Bayern ergingen, sehr natürlich ans die Seite der orthodoxen Richtung gestellt hat, und für diese eingetreten ist. Vor allem liegt aber die Situation für die Orthodoxie um deswillen in Bayern diesmal günstig, weil bei Emanation des preußischen Trennungsgesetzes vom Jahre 1876 das Moment, daß die Orthodoxen nicht mehr gezwungen sein sollten. Kultnsumlagen für einen von ihnen perhorreszierten Gottesdienst zu bezahlen, den Hauptstützpunkt für die behauptete Gewissensnot bildete, während die rechtliche Existenz der orthodoxen Separatgottesdienste selbst in Preußen niemals bedroht oder gefährdet war. In Bayern dagegen tritt das Stenergroschen-Moment gegenüber dem Mangel einer rechtlichen Bafis für die orthodoxen Synagogen in München und Nürnberg in den Hintergrund, und das Ministerium bezw. der Gesetzgeber wird, nachdem die Frage nun einmal vor ihr Forum gelangt, nicht umhin können, sei es in Form einer Ministerialentschließung, sei es in Form eines Gesetzes, hier Wandel zu schaffen. Trotzdem wäre es angesichts des Umstandes, daß eine ausführliche Besprechung aller in Betracht kommenden Differenzpunkte zwischen Orthodoxie und Liberalismus im bayrischen Landtag mit seiner augenblicklichen Zusammensetzung sehr unerquickliche Debatten zeitigen und in erster Reihe den Antisemiten Freude bereiten dürfte, außerordentlich wünschenswert, wenn in letzter Stunde von bayrischen oder außerbayrischen Führern des deutschen Judentums noch ein energischer Versuch unternommen würde, die Differenzen in München nnd Nürnberg zu überbrücken oder doch wenigstens die sonst unausbleibliche gereizte Auseinandersetzung über die einschlägigen Fragen in der bayrischen Kammer hintanznhalten, die nur ein Gaudium für Dr. Heim und seinen Anhang sein würden. * Ueber die Beteiligung der russischen Juden an den Reichsdumawahlen bringt die „Ruffs" folgende Mitteilungen: Das Zentralkomitee der Zionisten hat ein Zirkular erlassen, das die Organisation zur Teilnahme an den Wahlen aufruft, wenngleich das neue Wahlgesetz fast gar keine Hoffnung gibt, in die Duma weder Juden noch überhaupt Progressisten hineinzubringen. Die Juden sollen, falls es dennoch gelingt, in der Duma eine besondere „jüdische parlamentarische Gruppe" bilden, jedoch nur für die jüdische Interessen berührenden Fragen. Den jüdischen Wählern wird aufgetragen, zu einem Kongreß zusammenzutreten, der eine Instruktion für die Abgeordneten aufstellen, einige Fragen des inneren jüdischen Lebens besprechen und ein Exekutiv-Bureau wühlen soll. Bei den bevorstehenden Wahlen wird eine jüdische „Volks- Partei" zum erstenmal anstreten. Ihr Programm umfaßt: Demokratisierung der Staatseinrichtungen und volle bürgerliche und nationale Gleichberechtigung der Juden. An ihrer Spitze steht der bekannte Historiker S. Dubnvw nnd ihre Kandidaten sollen sehr populäre Männer sein. * In Marokko ist die Lage der Juden eine unverändert gefährliche. Die Auswanderung derselben aus den Küstenplützen nach Gibraltar nnd Südspanien hält an. In Tanger ist der Dampfer „Magnus" mit 500 Juden aus Casablanca eingetroffen. Der Kapitän meldet, daß etwa 160 jüdische Mädchen von den Marokkanern weggeschleppt worden sind. als der Dampfer Casablanca verließ. Die Franzosen schießen noch immer auf die Marokkaner. Ueber 100 Juden sind feig ermordet worden. Ganze jüdische Familien wurden von maurischem Gesindel ermordet. Kein maurisches oder jüdisches Haus außerhalb des Konsulatsviertels ist unversehrt. Als die Kabylen nach der ersten Truppenlandung in die Stadt einfielen, flohen etwa 2000 Juden ans das offene Land hinaus, lleber ihr Schicksal hat man bisher keine Kenntnis. In Casablanca kommen immer noch zahlreiche Juden aus dem Innern an, die von geplanten Unternehmungen der Stämme gegen die Stadt berichten. Dabei läßt sich der Pariser „Figaro" aus der zerstörten Stadt folgendes berichten: „Das so geräumte Casablanca fiel dann in die Gewalt derer, die nicht fliehen konnten, nämlich der Juden nnd der Europäer, die auf den in der Reede befindlichen Fahrzeugen nicht ausgenommen worden waren. Bevor die Landungstruppen in der Stadt die Polizei einrichten konnten, hausten die Juden, von den zahlreichen, wenig empfehlungswürdigen Spaniern unterstützt, furchtbar. Die Beteiligung der Spanier der Plünderung ist sicher, und ich habe zahlreiche Beweise dafür in Händen. Die Juden haben wenigstens die Entschuldigung, daß sie, ob arm, ob reich, von den'Marokkanern ausgeplündert worden waren und sonnt wieder Zurücknahmen, was man ihnen zuvor genommen hatte. Dann kamen die Soldaten der Fremdenlegion." Andere Blatter melden, daß diese Schilderung durchaus übertrieben nnd unwahr sei. Aus dem deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung: „Aus Anlaß der jüngsten Vorkommnisse in Casablanca, wo das Jndenviertel geplündert und teilweise verbrannt wurde, hat das Pariser Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle zur Linderung der augenblicklichen Rot 5000 Franken nach Casablanca übermittelt." Was lallen mir ltikten? Eine soziale Frage, on liberaler Seite wird uns geschrieben: Nicht Wohnung noch Kleidung scheiden uns von unseren Mitbürgern, denn die Ghettos sind gesotten lwenn wir sie nicht selber durch Zusammenwohnen neu schaffen), die langen Röcke sind nicht mehr. Sprache und Uingangsformen sind die unserer Um* gebung, die Schulen nnd öffentliche Institutionen sind allen zugänglich, die daran teilnehmen wollen, Wissenschaft, Literatur nnd Kunst sind internationales Gemeingut. Was unterscheidet uns noch von unseren Mitbürgern? Der Kultus? Hat er in unfern Häusern noch eine Pflanzstätte? Ist er noch der alles durchdringende, alles bestimmende, unsere Herzen gewinnende Teil unseres Lebens? Pflanzt noch der Vater die Lehren der Alten in die Herzen seiner Kinder nnd nährt die Mutter sie noch mit der Milch jüdischen Geistes? Aber eines einigt uns noch, erhält noch unsere Eigenart und hat heute noch jene Wirkung, von der Moses Mendelssohn gesagt hat: „Sie ist gleich einem Zaun, die den Garten fest umgürtet." Ter rituelle Haushalt ist heute noch hier mehr verbreitet, wie gemeinhin geglaubt wird, aber auch er schwindet von Tag zu Tag. Wir wollen hier ganz davon absehen, ob der orthodoxe oder der liberale Standpunkt in dieser Frage der richtigere ist — das wird jeder am besten mit seinem eigenen Gewissen ausmachen — aber darüber werden wir uns doch klar sein, im rituellen Haushalt hat Pietät und Tradition noch eine Stätte. Die Völker des Altertums blühten, so lange sie in ihrem Erdreich wurzelten, wurden sie aber verpflanzt in fremden Boden, dann konnten ihre Kronen noch die grünen Arme breiten und weiten, aber der Vorrat an Säst nnd Kraft war bald erschöpft, und jammervoll gingen sie zugrunde. — Die stolzen Völker, wie Eintagsfliegen