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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Jahr zu Jahr steigende Ausgaben; einzelne Zweige erforderten im Berichtsjahr ganz besondere Mehraufwendungen. So erhöhten sich oie laufenden Monatsunterstützungen von 5436,70 Mark im Jahre 1905 auf 5996,60 Mark, die Unterstützungen an Durchreisende von 5107,70 Mark im Jahre 1905 auf 6647,91 Mark. Die Bestreitung dieser Ausgaben, ohne unsere ohnedies sehr zusammengeschmolzenen Reserven flüssig zu machen, wurde uns nur ermöglicht durch hochherzige Spenden unserer Gönner und durch Subventionierung seitens der hiesigen Synagogengemeinde mit 2400 Mark. Wir sprechen hierfür unseren Freunden und der Gemeindeverwaltung besten Dank aus. Unter den Ausgaben für Durchreisende sind auch die Unterstützungen an Rückwanderer enthalten. Die Weiterbeförderung derjenigen unserer unglücklichen russischen Glaubensgenossen, die. von Verfolgung und Rot gepeinigt, den heimatlichen Boden verlassen mutzten, ist vom Hilssverein deutscher Juden übernommen worden, sonst hätten diese Ausgaben unseren Etat viel höher belastet. Wir betrachten es nach wie vor als unsere Aufgabe, Gemeindemitglieder, denen wirtschaftlicher Verfall droht, wenn irgend möglich existenzfähig zu erhalten. Die ^Aufwendungen hierfür sind unter außerordentliche Unterstützungen enthalten. Wir hatten die Genugtuung, in den meisten Füllen unseren Zweck zu erreichen; von einer Seite wurden uns die aufgewendeten Mittel nach kurzer Zeit wieder zurückgegeben. Die Mitgliederzahl ist im letzten Jahre erfreulicherweise gewachsen, doch vermissen wir in unseren Reihen noch eine große Zahl von Gemeindemitgliedern, namentlich neu zugezogener. Wir werden unser Werben fortsetzen, bitten aber auch unsere Freunde, uns hierin zu unterstützen. Eine Einnahmequelle erschloß sich uns durch die Ablösung der Neujahrsgratulationen, die uns 272 Mark erbrachten. In Rücksicht, daß viele die hiesige Kontrollstation passierenden Auswanderer tagelang warme Kost entbehren, haben mir die Einrichtung getroffen, ihnen während des Aufenthalts hier warmes, rituell bereitetes Essen zu verabreichen. Hiermit haben wir, ohne unseren Etat wesentlich zu belasten, vielen Glaubensgenossen Wohltat erwiesen. Eine von uns schon längere Zeit geplante Neueinrichtung ist in diesem Jahre ins Leben gerufen worden, indem der Vorstand sich durch Kooptation von drei Damen ergänzte. Die Fürsorge in der Wirtschaft und in der Häuslichkeit der von uns unterstützten Familien hat sich als eine ebenso große Notwendigkeit erwiesen wie die laufende Unterstützung. Wir haben in den Damen Frau Medizinalrat Dr. Mankiewicz, Frau Jeanette Herz und F^rau Emma Neufeld Mitarbeiterinnen gefunden, die, in der Armenpflege.erfahren, sich dieser Aufgabe mit Wärme unterziehen und an unseren Beratungen mit Interesse teilnehmen. II Aus der Provinz Posen, im August. Eine rechte Zwergschule ist die jüdische Volksschule in Zerkow. Monatelang hatte der dortige Lehrer nur einen einzigen Schüler zu unterrichten. Gegenwürtig ist die Schülerzahl wieder auf vier gestiegen. Es muß rühmend anerkannt werden, daß die jüdische Gemeinde in Zerkow, die doch nur wenige Mitglieder zählt und auch nicht besonders leistungsfähig ist, gern die schweren Opfer bringt, um die Selbständigkeit ihrer Schule zu erhallen. Wie ganz anders denken und handeln viele andere kleineren Gemeinden in unserer Provinz! — In der Nähe der Orlabrücke in Koschmin ging der Seminarlehrer Bidder mit dem Buchdruckereibesitzer Hermann Tuch spazieren. Sie hörten von weitem schon das Geschrei: „Nieder mit den Juden, Tod den Juden!" Da aber in der Dunkelheit noch niemand zu sehen war und man an eine ernstliche Gefahr nicht glaubte, gingen die beiden ruhig ihres Weges weiter. Als das Geschrei aber toller wurde, drehten sie sich um und sahen fünf gezückte Messer in der Luft schwingen. Herr Tuch hatte das spitze Dolchmesser nur höchstens ein Zentimeter vom Halse. Durch eine geschickte Wendung bückte er sich, dann schlug er mit der Faust gegen den rohen Patron und flüchtete, um Hilfe zu holen. Einer der Rohlinge stürzte Herrn Tuch mit gezückten: Dolchmesser nach, während die übrigen auf den Seminarlehrer Nidder mit den Worten: „Tod den Juden!" losstürzten. Trotzdem Herr Bidder sagte: „Was wollt ihr von mir?", wurde von einem Mitglieds der Bande ihm das Dolchmesser dicht vor die Brust gesetzt. Dem arg Bedrängten gelang es aber noch rechtzeitig, den Messerhelden mit der Faust von sich zu schlagen und in den Seminargarten zu flüchten. Hierauf stürzte die Bande auf den durch das Hilfegeschrei hinzugekommenen Molkereigehilfen Sowinski, der aber einen der Messerhelden niederschlug. Auch der Gymnasiast Czhpieki und noch viele andere Personen wurden mit dem Messer arg bedroht. Durch schleunige Flucht konnten sich aber die Bedrohten alle in Sicherheit bringen. Andernfalls wäre ein Blutvergießen sicherlich unvermeidlich gewesen. Naturgemäß hatte sich eine große Menschenmenge in dem sonst ruhigen Städtchen in der Nähe des Tatortes angesammelt und befand sich in begreiflicher Erregung. Sofort hatten sich hilfsbereite Leute in den Dienst der guten Sache gestellt und die Polizei benachrichtigt. Bürgermeister Jahnke erschien sofort, als er von dem Vorkommnis Kenntnis erhalten hatte. Wie vom Gendarmeriewachtmeister Hecker mitgeteilt wird, sind die Messerhelden als schlesische Maurer, die auf Anstedelungsbanten in Lipowiec arbeiteten, ermittelt worden. Einer der mutmaßlichen Messerhelden ist der Arbeiter Wilhelm Frunzke aus Kruschwitz i. Schl. — n. Breslau, 9. August. Wie wir bereits kurz gemeldet, ist am 1. d. M. hier der allgemein hochgeachtete Kreisarzt, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Josef Jacob i im 67. Lebensjahre gestorben. Seine Bedeutung geht aus den Nachrufen hervor, die ihm die medizinische Fakultät, die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur, die städtische Siechenhausdeputation und viele medizinische Fachvereine widmen. Die Beerdigung fand am Sonntag auf dem israelitischen Friedhof an der Lohestraße statt. Ein großes Trauergefolge gab ihm das letzte Geleit und legte damit Zeugnis ab von der hohen Wertschätzung, die der vortreffliche Mann unter seinen Mitbürgern genossen hat, von der Verehrung und freundschaftlichen Zuneigung, die ihm alle seine ärztlichen Kollegen gewidmet haben. Der Magistrat war durch Oberbürgermeister Dr. Bender und die Stadträte Auras und Peterson, die Stadtverordnetenversammlung durch viele ihrer Mitglieder vertreten. Ferner sahen wir die Herren Polizeipräsident Dr. Bienko, Regierungsrat Gärtner, die Mitglieder der medizinischen Fakultät der Universität, Professoren der anderen Fakultäten, Abordnungen zahlreicher Vereine usw. Rabbiner Dr. Rosenthal gab den Gefühlen, von denen die Gemüter beherrscht waren, durch eine gehaltvolle Gedenkrede würdigen Ausdruck. Er sprach von dem schönen Familienleben Jacobis, von der reichen Freundschaft und Liebe, die sich der Menschenfreund in seinem Berufe und im geselligen Leben errungen hatte, von der vornehmen Sinnesart, der strengen Gerechtigkeitsliebe und von dem Glücksbewußtsein, das den unermüdlichen Mann immer beseelt habe, wenn er sich bei treuer Pflichterfüllung der Achtung und Zuneigung seiner Berufsgenossen, seiner Mitbürger und aller seiner Patienten bewußt war. Am Grabe wurden prachtvolle Kränze niedergelegt. eä. Chemnitz, im August. Der Verwaltungs-Bericht des Vorstandes unserer Religionsgemeinde für das Jahr 1906 widmet dem am 16. Januar verstorbenen Gemeinderabbiner Dr. Mühlfelder vor allem einen warmen Nachruf. Die Gemeinde zählt ca. 1250 Seelen. Die Anzahl der zur Gemeindesteuer im Jahre 1906 veranlagten Gemeindemitglieder betrug 529 mit 289 selbständigen Haushaltungen. Auswärts wohnhaft waren 44 Mitglieder mit 29 Haushaltungen. Die seit Jahren erstrebte Gründung eines Verbandes der Israelitischen Religionsgemeinden in unserem engeren Vaterlande ist nunmehr zur erfreulichen Tatsache geworden. Die Gründung fand am 31. Oktober 1906 in Dresden statt. Die Stelle des Rabbiners und Leiters der Religionsschule gelangte zur Ausschreibung, und es wurde aus der Zahl der Bewerber Dr. Hugo Fuchs aus Lengsfeld seitens der Gemeindekollegien gewählt. Herr Dr. Fuchs wurde am 22. März in feierlicher Weise durch die Gemeinde-Kollegien in sein Amt eingesührt. Die Anzahl der Schüler unserer Religionsschule im Schul, jahre 1905/06 betrug 188 (92 Knaben und 96 Mädchen). In das Spendenbuch der Gemeinde wurden Spendenbeträge gezeichnet im Betrage von 1123,50 Mark. Die Einnahmen der Gemeinde betrugen 56 411,29 Mark, die Ausgaben 46 754,46 Mark. Der Vorstand unserer Gemeinde war im Jahre 1906 folgendermaßen zusammengesetzt: Louis Ladewig, Vorsitzender, Bernhard Kupferberg, stellvertr. Vorsitzender, A. I. Kalitzki, Schriftführer, Markus Bernstein, stellvertr. Schriftführer, Willy Lippmann, Kassierer, L. I. Joachimsthal, stellvertr. Kassierer.

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