Mannheim
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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 Der Alte: Ich höre es^ es mahnt an meine Leichen. So klingt es, wenn sie draußen in der Ferne Das Ghetto schließen und mitleid'ge Sterne Uns zusehn, wie wir wie die Natten leben, In Schmutz und Elend aneinander kleben. Der Mann-' Du mußt mit uns! Ich laß' Dich hier nicht liegen. Der Alte (klammert sich an den Baum fest): So mußt Du diesen Baum erst niederbiegen ' Und mich mit ihm aus unfern Wurzeln hier Losreißen. Die Frau: Laß ihn doch! ’§ ist kein Pläsier Den alten Kerl uns auch noch aufzuladen. Der Mann: Er half mir einst in Not zu seinem Schaden. Die Frau-' Ach! Das ist lange her. Was redst Du mir! Verbrannt sind alle Schulden wie Papier. Der mag uns nur im Himmel drum verklagen! In Mannheim wird kein Streit mehr ausgetragen Und jeglicher Prozeß bis auf den Grund Ist aus und Asche. Darum halt' den Mund! Wir hatten gestern auch noch einen Kater. Wo ist er heut? Das Kind (kommt angesprungen): Wo bleibt Ihr, Mutter, Vater? Seht hier! Ich Hab' ein Fähnlein, gelb und rot. Wir schlagen morgen die Franzosen tot. Die andern sitzen längst schon auf den: Wagen, Sie warten nur auf Euch, soll ich Euch sagen. Der Mann: Komm, Nupprecht! Gib dem Oheim hier die Hand. Sag: „Komm, geh mit uns in ein neues Land!" Das Kind: Ja, bitte, komm mit uns! Gleich geht es los. Der Alte: Du liebes, fremdes Kind! Ich hielt im Schoß Dich gestern, als wir in der hellen Nacht Her übern Neckar fuhren. Zugemacht Hattst Du die Augen, schliesst, sahst nicht die Schrift, Die Gott der Herr mit purpurrotem Stift Dort über Mannheim an den Himmel malte, Daß aus dem Fluß selbst weit sie widerstrahlte. Ich darf Dich segnen nicht, Du fremdes Kind, Heimatlos jetzt wie ich. Bleib glücklich blind! (Er küßt das Kind.) Nur einmal küssen darf ich Dich, nicht wahr? So küsse ich die Stadt, die Dich gebar. Der Mann: Ich mag nicht mehr mit Bitten in Dich dringen, Ich will nicht mit Gewalt Dich zu uns zwingen. So bleib denn hier! Ich kann nichts für Dich tun. Hier unter btefeiu Baume magst Du ruh'n Und beten. Ich Hab' Weib und Kind und Pflichten. Der Alte: Du brauchst mir weiter nichts mehr vorzudichten. Du zahltest Deine Schuld mit Zinsen ab. Glück auf den Weg Dir! Las; midi meinem Grab! Der Mann: Lebwohl! Der Alte: Lebwohl! Die Frau: Vorwärts! Nun heißt's sich sputen. Das Kind: Hör' nur, wie sie so frech schon nach uns tuten! Der Mann (folgt den Beiden mit einem letzten Blick auf den Alten): Ich kann und kann mich gar nicht von Dir trennen. Der Alte: Geh, bitte, geh! Wir wollen doch nicht flennen. Der Alte (allein): Tie Gojim haben eine schöne Sage (Die Mutter sagt's mir einst mit manchem Kuß), Daß einer von uns bis zum jüngsten Tage Auf dieser Erde ewig wandern muß. Es hat mir oft im Ohre nachgeklungen Und bitter widerhallte es mein Herz, Wenn ich von Stadt zu Stadt ziellos gesprungen, Von Land zu Land trug meines Volkes Schmerz. Ward wirklich dieser Fluch einst ausgesprochen Und irren wir wie Schatten ohne Blut, So Hab' ich selbst nun jenes Los gebrochen, Das wie ein Spuk auf meinem Volke ruht: Wenn es gelingt, ein Land liebzugewinnen, So sehr, so fest, daß ers nicht lassen kann Und ganz und eins tief wurzelt in ihm drinnen» Der hat sich losgelöst von seinem Bann. (Er lehnt sich an den Baum zurück, mit den Händen die Erde festhaltend.) Der Mann (kommt zurück): Wo ist der Ort? Glückauf! Da bist Du ja. Ein Kommissar von Heidelberg ist da. Denk' Dir: Mannheim wird wieder aufgebaut Und wo Dein Auge heut ins Leere schaut, Wird bald es wiederum von Häusern glänzen. (Man hört hinten einen Ländler spielen.) Hör' die Musik! In lauten Reigentänzen Freun sich die Pfälzer wieder auf die Stadt, Die neue Stadt. Hör' doch! Was blickst Du matt? Soldaten schickt man, neue Bürger her, Mannheim wacht wieder auf. Der Alte: Ich glanbs nicht mehr. Der Mann: Hier kommt mein Weib. Frag' sie! 'Sie wirds bezeugen. Vor Dankbarkeit möcht' man die Kniee beugen. Dort wird das Rathaus stehn, das Kaufhaus drüben. Die Neckarschanze hier, der Weinmarkt hüben. (Die Frau kommt herbei.) Kurz, alles wird wie früher Stein und Leben Und stolzer noch soll sich die Stadt erheben. Sie schläft nur. Wart': bald springt sie aus der Erde, Die Kirchen hüten dann die Häuserherde Und unsere Kinder freuen sich des Lebens. Was schweigst Du so? Die Frau: Ich glaub', Du fragst vergebens. Sieh: er ist tot. Der Mann: Herrgott! Wahrhaftig? Manu, So sieh, so hör' mich doch noch einmal au! In mir ist Trost für Dich. Die Frau: Laß ihn in Frieden! Der Mann: So ward ein Tod wie Moses ihm beschieden. Er sah im Sterben noch das neue Land: Nun mag er schlafen hier in diesem Sand . . . Wir aber woll'n nicht mehr von hinneu ziehen Und nicht vor Mannheims neuem Frühling fliehen. Hier liegen wir wie Hunde vor dem Grabe. Scheintot ist nur die Stadt. Wir Wissens, Knabe. Bald wird sie über Rhein und Neckar schauen Und Du, mein Kind, sollst Mannheims Zukunft bauen. (Er hebt den Knaben, stumm jubelnd, stolz in die Lust.) Syrrchsagl. Hochgeehrter Herr Redakteur! olgende Mitteilung aus dem Buche „Der Charakter der Juden" von I. Wolf und G. Salomon (1817) dürste in unserer antisemitischen Zeit wohl geeignet sein, wieder einmal in die Oeffentlichkeit gebracht zu werden; ich möchte Sie daher um Ihre gefällige Ausnahme in Ihre geschätzte Zeitung ganz ergebenst bitten. „Die Haude und Spenersche Zeitung Nr. 154 d. I. bringt folgendes: „In Frankfurt ist ein Verein geschlossen, um Armen das Brot unter dem Einkaufspreis zu liefern, und werden Beiträge gesammelt, den Verlust dabei zu decken. Herr Rothschild übermachte dazu 540 Gulden. Da ihn der Vorsteher des Vereins, Herr v. Bethmann, befragte, ob er diese Wohltat bestehen lasse, da an der Wohltat des Vereins keine Juden teilnehmen könnten, so erwiderte Rothschild, „wo es auf Unterstützung der Notleidenden ankomme, kenne er keinen Unterschied der Religion" und spendete noch 300 Gulden." Ihr Hochachtungsvoller William Wolf. Grunewald, 31. Juli 1907. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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