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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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395 Und flüchtig bettelnd wie im Schnee die Spatzen Durchs Land zu ziehn nach einem andern Batzen, Ein neues Haus, ein neues Heim zu gründen. Der Alte: Gott Vater weiß, wo Eure Straßen münden. Ich geh' nicht mit. Wie hast Du mich gefunden? Der Mann: Du lagst vor Deinem Haus wie angebunden Fest auf der Schwelle. Jtzo weiß ich nicht Mehr, was Du tatest. Der Alte: Sieh mir ins Gesicht: Ich betete zu unserm Gott für Euch, Für Eure Stadt im wilden Windsgeräusch Der Flammen, die wie rote Teufel fraßen, Was Du, ich, wir erst gestern noch besaßen. Ich lag wie angeschraubt an Eure Erde, Doch Gott, der einst vom Himmel rief: „Es werde!" Schrie: „Es vergehe!" lauter als die Flammen Die tollen Glocken. Da sank ich zusammen. Da fandst Du mich. Der Mann: Und schleppte Dich heraus — Du warst so gelb wie Wachs — aus Brand und Graus. So kamen wir vors Tor zu btefem Baum. Der Alte: Die Stadt im Rücken, rot am Himmelssaum. Der Mann: War das ein Laufen gestern und ein Jagen! Wie ein Herde, wenn es eingeschlagen, So rannte alles, einer um den andern. Ich will in der Zeit bis nach Weinheim wandern, In der wir dies Quartier hier aufgefunden. Der Alte: Sprich nicht davon! Es waren salzge Stunden. Der Mann: „Zum freien Himmel" soll die Herberg' heißen: Man zahlt hier nichts als etwas Gliederreißen. Der Alte: Daß Du noch scherzen kannst! Ich bin zu alt Zu neuem Leben. Der Mann: Wär's nur nicht so kalt! Mich fröstelts draußen und in den Gedärmen. Die Nacht gings noch; man konnte sich erwärmen Am Brand der Stadt. Bis hierher wars fast heiß. Nun ist die Asche kalt und man wird Eis. Der Alte: Mich schaudert mehr vor Dir. Kannst Du so sprechen! Die eigne Heimat hinter Dir zerbrechen? Ist Dir die Vaterstadt zu nichts mehr nütze, Als daß ihr Brand Dich wärmt mit seiner Hitze? Ließ Dich ihr finsterrotes Feuerzeichen Am Himmel nicht wie vor bem Tod erbleichen? Wie vor dem Schwerte in des Engels Hand, Das Adam aus dem Paradies verbannt! Du weißt noch nicht, wie viel die Heimat ist. Du bist kein Jude (lach nur!) Du bist Christ. (Die Frau kommt herzu.) Die Frau: Nun! Seid vergnügt! Die Welt wird wieder heiter! Der Wagen ist bereit. Gleich geht es weiter. Die Pferde wiehern laut. Das ist ein Jubel! Bekannte sammeln sich schon aus dem Trubel. Wir ziehn nach Frankfurt, Hanau oder Sachsen. Was starrt und steht Ihr da wie angewachsen! Mannheim ist tot, und wo es stand ist Lust, Ihr weckt es nicht mehr aus aus seiner Gruft. Der Mann: Hast Recht! Was hilft das Beten und das Klagen? Hier lernte selbst der Kaiser das Entsagen. Fahr' wohl! Du schöne Stadt! Mit Turm und Zinnen Stehst Du noch weiter still in uns hier drinnen, Wie die versunkne Stadt im Meere ruht. Der Alte: Und Du spiegelst Dich in unsrer Tränen Flut. Die Frau: Laßt doch das Winseln! Vorwärts! Ohne Stöhnen! Wir werden uns auch anderswo gewöhnen. Hier kriegt man doch nur Heimweh nach dem Himmel. Packt Euer Elend ruhig auf den Schimmel! Man ließ uns nichts hier als das nackte Hemde. Pfeift auf die Heimat: Der Mann: Ziehn wir in die Fremde! Komm, Alter, reiß Dich von dem Nichts da los. Man sieht sich Tränen in die Augen bloß. Wärt Ihr ein Christ: Ihr schlügt ein Kreuz! Vorbei! Die Frau: Und »nachtet Euch zu neuen Freuden frei. Der Mann: Komm also! Der Alte: Nein! Bei Abraham! Ich bleibe. Zieh Du nur weiter fort mit Deinem Weibe. Versuch zu leben, und versuch zu lachen. Zu fremden Menschen süßes Mailt zu machen. Ich geh' nicht fort von hier. Der Mann: Du bist nicht klug Mannheim liegt dort im schwarzen Leichentuch, Tot, leer und kahl. Kein Haus, wohin man schaut. Herrgott, verstehst Du das? Der Alte: Sprich nicht so laut! Ich hab's gesehn und mir es vorgesagt An tausend Mal, eh' heut' der Tag getagt. Du brallchst es mir nicht mehr ins Ohr zu schreien. Die Frau: Es wird die höchste Zeit. Der Mann: Du mußt verzeihen. Wir müssen fort. Der Alte: Geht nur! Ich halt' Euch nicht. Laßt mich bloß hier! Ich bin Ellch nur Gewicht Und Last und Freudverderber auf der Spur Nach Eurer neuen Welt. Der Mann: So sag' mir nur: Was wolltest Du hier tun? Wovon Dich nähren? Die Frau: Sprecht: Wollt Ihr Erde oder Gras verzehren? Der Alte: Jehovah gab uns in der Wüste Speise. Er wird mein denken. Glück auf Eure Reise! Der Mann: So sei doch nicht so ganz und gar verstockt! Die Frau: Der böse Teufel hat ihn, scheints, verlockt Und hier gebannt. Der Mann: Komm, Alter, glaube mir: Du bist zu schwach, Du kannst nicht wie ein Tier, Ein Fuchs, ein Wolf, in feuchten Höhlen hausen. Die Frau: Wenn erst die Winde ihm das Haupt umsausen, Wird er spät klug, der Narr! Der Mann: Der Vogel läßt Doch schließlich ab von dem zerstörten Nest. Er kreist ein paar Mal wiuunernd drum herum Wie wir um unsre Stadt . . . Die Frau: Und dann, nicht dumm, Baut er sich anderswo ein schöner Heim. Ihr klebt hier fest wie Fliegen auf dem Leim. Der Mann: Komm mit! Der Wein schmeckt gut, wo er uns labt. Der Alte: Was Ihr für bunte Plunderworte habt Für Eure Schmach, die Heimat zu verlassen! Ich lebe noch in den verkohlten Gassen. Ihr wißt nicht, was mir jene Stadt gewesen! Ich bin vom Schmerz dort an der Welt genesen. Ich kam dahin, gehetzt, ein räudig Vieh, Verhöhnt, gequält, Ihr ahnt ja gar nicht, wie! „Hepp! Hepp!" so schries mir nach, ließ ich nur blicken Dies Angesicht, das Gott mir gab. Mein Rücken Trägt offene Wunden noch von ihren Tritten. Der Mann-' Ich weiß es, Du hast fürchterlich gelitten. Der Alte: Dort in der Stadt bei Euch erst fand ich Frieder», Ein eigen Haus ward mir bei Euch beschieden. Dort fand ich Ruhe vor den wilden Raben, Dort Hab' ich mein geliebtes Weib begraben. Der Mann: Komm fort! Das Leben ruft nicht Deine Gräber. Der Alte: Und ich sollt' wieder fort, Wegwurf und Treber Aufsammeln in der Fremde? Jene Gassen, Drin ich zum erstenmal nicht litt, verlassen? Gibt es kein Mannheim mehr: gut! Vor den Mauer!» Will ich hier liegen wie ein Wurm und trauern Und seinen Sturz in Ewigkeit beklagen. Die Frau: Auf, vorwärts, Mann! Nun hat es zwölf geschlagen. (Man hört dumpf in ein Horn stoßen.) Hörst Du das Horn? Es ist das letzte Zeichen.

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