Mannheim
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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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Zahl der Geleise, daß >vir uns einer Station nähern. Noch eine Minute, und der Zug hält. Ich lese an den Schildern den Namen der Station „Herzogenrath". Während der Zug sich wieder in Bewegung setzt, bleibe ich noch am Fenster stehen, und aufs neue beginnen die Gedanken von vorhin in mir aufzusteige». Da — was war das? Zwischen den kahlen Aesten der schncenmsäumten Gesträucher, die den Bahnhof der kleinen Station umgeben, erhascht mein Auge eine überlebensgroße Steinfigur. Ich glaube zu träumen, und doch — ein scharfer Blick, und ich erkenne in der Figur eine — Mosesstatue! Deutlich erfasse ich die Umrisse der Gestalt. Milde Hoheit strahlt anS den Zügen des Angesichts. Lang wallt der Bart vom Kinn, ähnlich wie bei Michelangelos grandiosem Kunstwerk. Die Linke hält die steinerne Doppeltafel umfaßt, die Rechte aber deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Schriftseite der Tafel. Ein stilles, majestätisches Selbstbewußtfein liegt in der Geste, die eine ganze Welt ans den weltumspannenden Inhalt der Steintafel hinzuweisen scheint. Gleich einer Vision war die Gestalt an mir vvrübergeschwebt. Der Zug eilte schon längst wieder durch die schneebedeckte Landschaft. Aber ich stand immer noch am Fenster, im Innersten bewegt von der merkwürdigen Erscheinung. Ja, merkwürdig! Da fuhr der Zug inmitten dieser katholischen Gegend, die ans Schritt und Tritt das Gepräge des Christentums an sich trug. Was sonst erwartet man hier an öffentlichen Plätzen zu finden, als Kruzifixe und Heiligenbilder und Kapellen? Aber nein, einen Moses hatte ich erblickt, eine bildliche Darstellung des großen Mannes, der doch auch wieder der bescheidenste aller Menschen war, und der die Lehre Gottes vom Himmel zur Erde gebracht! Einen Mvscs mit den steinernen Tafeln, deren kürze, gedrungene und doch so gewaltig tiefe Inschrift dieselben Worte darstellt, die einst ans Gottes Mund an das Volk Israel ergingen! Und doppelt merkwürdig kam mir diese Erscheinung vor, da sie sich an die Gedankenreihen anschloß, die während dieser halbeil Stunde tu mir ans- und abwogten. Ich hatte das Gefühl des Bedrücktseins noch nicht uiedergekümpft, das mich als Juden in dieser von den Zeichen des Christentnnts beherrschten Gegend erfaßt hatte. Und siehe da, wie ein Gestalt gewordener Trost flog diese Moses-Statne an mir vorüber und schien mir die einzig mögliche Antwort in die Seele zu rufen. Mit einenr Schlage waren alle jenen trüben Empfindungen entschwunden; an ihre Stelle aber trat deutlich nird groß eiir Gefühl edlen Stolzes lind frohen Selbstbewußtscins. Wie hatte ich auch nur einen Augenblick mich dem Ziveifcl des Kleinmuts hingeben können? Vergaß ich denn ganz, daß es Moses, daß es ein Sohn Israels, dessen gewaltiges Wort die ganze uroderne Menschheit beherrscht? Hatte e r sie nicht erst jenes Große gelehrt, dessen sie bedarf, um frei und wahrhaft glücklich zu werden, und worin fortzuschreiten ihr einziges Ziel und ihre höchste Aufgabe bedeutet — Sittlichkeit? Tort, in jenem einfach-erhabenen Zehnwort hatte sie ja die ersten sittlichen Begriffe gefunden, gleich zehn riesenhaften Steinblöcken, auf derem für die Ewigkeit gelegtem Fundament sie die Bauten ihres Daseins gründen konnte, durch das allein sie feststehen würden in allen Stürmen und Gefahren der Leidenschaft und des Irrtums! Wie versanken bei diesen Erwägungen all die quälenden Zweifel! Wie töricht kain ich mir vor, daß ich auch nur auf einen kurzen Moment dem Basiliskenblick der Zahl als Opfer anheimzufallen drohte! Nun ward mir's klar, wie im Grunde die ganze moderne zivilisierte Menschheit ailf dem Boden steht, den wir ihr unter die Füße gebreitet, und wie all ihr Suchen utld Tasten in den Rätseln der Welt, all ihr Kümpfen und Forschen, all ihr Ringen und Sehnen und Schaffen und Vollbringen nur dem einen, ihr selbst kaum bewußten Ziele dienen muß, die Wahrheit zu erkennen und den Glauben an den einig-einzigen Gott Israels zur allgemeinen Weltreligion zu erheben! Mannheim. Festspiel zum dreihundertjährigen Bestehen der Stadt?) Von Herbert Eulenburg. Nehmt dies entgegen ohn' Verdruß! So dicht' ich, wenn ich dichten muß. Personen: Ein alter Jude. Ein Mann. Seine Frau. Rupprecht, ihr Kind. Die Handlung des Spiels geht vor sich im März des Jahres 1680 nach der vollständigen Zerstörung Mannheims durch die Franzosen. Ein Feld vor Mannheim jenseits des Neckars. Ein Baum steht da im ersten zarten Grün. Es ist ein schöner Märzmorgen. Die Sonne scheint. Der Alte sitzt unter dem Baum, der Mann starrt nach dem Horizont. Der Alte: Hörst Du nichts mehr? Der Mann: Nichts mehr. '§ ist alles stumm. Der Alte: Dreh mich nach jener Seite dort herum! Ich bin ganz steis. Der Mann: 'Nein, stier nicht so ins Nichts! Der Alte: So wird es sein am Tage des Gerichts. Die Erde leer, der Wind wird leise stöhnen, Bis dann auf einmal die Posaunen tönen, Der Boden spaltet sich mit Donnerkrachen Und alle Toten werden dann erwachen. Der Mann: Auch unsre Toten? Ich kann nichts mehr hoffen! Mich hat dies Alles wie ein Blitz getroffen. Der Alte: Noch gestern abends, ja, die ganze Nacht War Blut am Himmel. Der Mann: Doch wie wir erwacht Nach kaltem Schlummer war der Himmel grau. Der Alte: Mannheim verbrannt! Mannheim verbrannt! Der Mann: So grau Wie wir, wie alles, was nun kommen muß. Der Alte: Ich rieb mir aus den Augen schwarzen Ruß, Als ich aufstand, und dachte mir dabei: Wer weiß, was dies vielleicht gewesen sei? Der Mann: Ein Stück der einstigen Eintrachtkirche wohl. Der Alte: Ich höre noch die Glocken, heiser, hohl: So schrien sie aus dem roten Flammenmeer Ihr wildes Wehe über Mannheim her. Sie übertönten alles. Würd' ich gar So alt, wie Abraham und Jakob war. Nie ging' mir mehr dies Wimmern aus dem Ohr. Der Mann: Ich weiß, ich traf Dich grad' am Neckartor Und schleppt' Dich mit. Der Alte: Hättst Du mich dort gelassen! Der Mann: Du wärst verbrannt wie Dürrholz in den Gassen. Schon sprengten die Franzosen durch die Stadt Und machten alles mit der Erde glatt. Die Hundebrut! Der Alte: Was Hilsts, daß wir sie hassen, Wenn wir uns wehrlos, ehrlos treten lassen? Ihr müßtet Eure Heimat anders lieben! Ich wäre lieber Asche dort geblieben Als Leben hier. Der Mann: Ja, 's ist ein schändlich Leben, Auf nacktem Boden wie ein Wurm zu kleben *) Dieses Festspiel wurde im Auftrag der Stadt Mannheim und des Hoftheaterintendanten Karl Hagemann verfaßt und in Mannheim aufgeführt. Nachdruck ist verboten.

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