Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
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393 heften, damit unser Ausgang und Eingang immer nur mit Gott sei. Wenn wir so täglich und stündlich an den lieben Gott denken, werden wir gern dein Beispiel unserer Voreltern folgen, meiden jeden bösen Menschen, die Seele rein erhalten und erfüllt von innigem Gottvertrauen allmorgendlich sprechen: „Adaunoj li welau iro", „Gott mit mir, ich fürchte nicht!" (Schluß folgt.) Der Males von Herzogenrath. Eine Reisephantasie von Dr. A. Ackermann. er Schnellzug sauste unaufhaltsam dahin. Ich lehne in der Polsterecke und blicke zum Fenster hinaus. Von dichten Schneedecken ein gehüllt, fliegen die Gefilde vorüber, Wälder, Wiesen und Hügel, Dörfer und kleine Gehöfte, ein stets wechselndes, ungeheures weißes Panorama. Vor einer halben Stunde waren wir von Aachen abgefahren; Düsseldorf ist das nächste Ziel des Zuges. Eine katholische Gegend ist's, durch die er eilt. Ich hatte zwei Tage in Aachen zugebracht,;itnt erstenmal hatte ich die jahrtausendalte Krönungsstadt gesehen. Den Dom hatte ich besichtigt, aus dessen Grüften mair vor kurzem die Gewänder Karls des Großen hervorgcholt, den imposanten Kaisersaal mit seinen großen historischen Erinnerungen, die Badeeinrichtungen, das Konversationshaus, auch eine der gewaltigen Tuchfabriken, die Aachens Hanptindustrie bilden. Kaum etwas schien mir aber den Straßen Aachens so sehr das Gepräge zu geben, wie sein Katholizismus. Auf Schritt und Tritt begegnet man den schwarzrockigen Gestalten der katholischen Priester mit ihren runden Hüten, nicht selten auch Mönchen in ihrer kuttenartigeu Tracht, ja sogar Jesuiten, die zu kurzem Besuche über die nahe . belgische Grenze kommen, sind hier und da zu erblicken; f katholische Kultusgegenstände, kostbare Kruzifixe und Paramente, reichgestickte, mit feinen Spitzen besetzte Ornate für die katholischen Priester und viele ähnliche Dinge sieht man in den Fensterauslagen zahlreicher Spezialgeschäfte zur Schau gestellt, und als ich am frühen Wintermorgen zum Hauptbahnhof Hinausstieg, ergossen sich aus den Toren einer Kirche oereits ganze Scharen von Betern, Erwachsene und Kinder, alle mit ihren kleinen Gebetbüchern in den Händen. Eigentümliche, ernste Gedanken stiegen in nur auf, als >vir so dahinsuhren. Ich konnte mich eines gewissen tieferen Eindruckes nicht erwehren, den das in den Straßen der Stadt zutage tretende religiöse Element auf mein Gemüt ausübte, und dieser Eindruck wirkte noch in mir fort, während ich im Zuge saß und die vorüberfliegende Landschaft betrachtete. Es war doch etwas Großes um die Macht der katholischen Kirche, die mit eiserner Faust ihre Gläubigen zusammenhielt und ganze Städte und Provinzen mit dem Charakter des Religiösen erfüllte. Denn wie man auch, namentlich als Jude, über den christlichen Glauben, und über den katholischen zumal, denken mochte, es war doch immerhin ein Sehnen und Streben nach dem Höheren und Göttlichen, es war doch Religion, die da ihre bezwingende Macht auf viele Tausende menschliche Gemüter ausübte. Ich »rußte an den tieferen Sinn des bekannten Psalmwortes hier denken: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang wird gepriesen der Name des Ewigen!" Kein Fleck ist auf der ganzen, großen, weiten Erde, wo nicht in irgend einer Form, und wäre es selbst in der niedrigsten Foriu des Fetischdienstes, der Gedanke an eine höhere Gewalt die Menschenseelen bewegte und sie zu religiösen Aeußerungen antrieb. Das Bewußtsein von einem Göttlichen, die Ahnung von seinem Dasein und seiner unendlichen Erhabenheit — sie sind überall, von Ost zu West, wie weit immer der von Menschen bewohnte Raum auf Erden sich dehnen mag, in der Menschenbrust lebendig. Ja, selbst der Forscher, der mit der scharfen Sonde exakter Wissenschaft das Metall und seine Rätsel durchsricht, wird stets an dem Punkte anlangcn, wo ihm die Schauer des großen Wortes entgegenwehen: Ignorabimus! Wir werden es nie erkennen! Fühlen müssen wir's und aus der Tiefe des Gefühls hinaufheben in den trostvollen Bereich des Glaubens. Und das Göttliche, hier, in diesen katholischen Gegenden, sah man es in lebendiger Kraft wirksam, hier entfaltete es sich im Dasein zahlloser Menschen, der Gebildeten und Ungebildeten, der Armen und Reichen, der Arbeiter und der Gelehrten, zu einer religiösen Betätigung, die offen, im hellen Lichte des Tages in die Erscheinung trat. Hier empfand man erst so recht den Begriff der „herrschenden Religion", die, vom Staate geschützt und gestützt, die große Mehrheit der Bürger umfaßt und darum einer besonderen obrigkeitlichen Obhut, ja sogar einer Art besonderer obrigkeitlicher Sanktion sich;u erfreuen hat. Das Christentum in seiner ganzen, die moderne Welt beherrschenden äußeren Macht trat mir vor die Seele. Seine Bekenner waren nun einmal die Vielen, die Führenden, die Begünstigten, die Aiuvärter auf Erfolg und Größe. Und je ragender vor mir der feste Turin des Christentums aufstieg, um so niedriger erschien mir Israel, das verachtete Volk. „Wie mag Jakob aufs neue sich emporrichten, da er so tief darniedergebeugt?" Jakob, der Verfolgte, mit scheelen Augen betrachtete, Jakob, der mißverstandene, künstlich verkleinerte Stamm? Ein Gesühl des Zagens beschlich mich, wie der Zug durch diese Gegend hinfuhr, die mir wie eine Hochburg des! Christentums erschien. Gewiß, ein Wunder war's nicht, daß > sie so hoch emporgestiegen, die Lehre des Christentums, daß sie Länder eroberte und über Weltmeere hinweg zu fernen Stämmen hindrang. Ein Wunder war's nicht. Sie hatte ja die Menschen losgelöst von der Fülle religiöser Pflichten, sie hatte ja das berühmte „Joch des Gesetzes" zerbrochen, diese uralte Last, die man als eine Lust zu empfinden verlernt hatte. War da der Erfolg nicht natürlich? Die Menschen neigen nun einmal ihrem Wesen nach auf die Seite, wo es ihnen leicht gemacht wird. Sie folgen nun einmal so gern denen, die ihnen die Verantwortung von den Schultern nehmen und an die Stelle der strengen Verpflichtung den Nebelhauch des Glaubens setzen. Gewiß, verstehen konnte man die äußere Macht, die Macht der Zahl, mit der das Christentuni prunkte. Aber so klar ich mir auch über diesen Gedanken war, und so sehr er auch geeignet schien, das Düster meiner Empfindungen aufzuhellen — ein Stachel blieb doch in mir zurück. Das Gefühl des Kleinseins bedrückte mich. Es ist doch nun einmal nicht zu unterschätzen, wenn der Mensch aus eine große Zahl Gleichgesinnter Hinweisen, wenn er sich an die Fülle der Genossen anlehnen kann. Daraus quillt ihm eine gewisse Kraft in die Seele, wie jenem sagenhaften Manne, der aus der Berührung mit dein Element, aus dem er entstanden, mit der Erde, inuner neue Stärke schöpfte. Ein leiser Zweifel regte sich in mir, ob denn das uralte Bibelwort, wir seien das kleiirste aller Völker, inochte es auch vor Jahrtausenden, als es gesprochen ward, den Stolz ans die Größe des israelitischen Berufes steigern, auch heute noch eine Quelle dieses Stolzes sein könne? Indes solche Gedanken mein Inneres bewegen, suhle ich, wie der Zug seine Fahrgeschwindigkeit zu vermindern beginnt. Ich stelle mich an das Fenster und merke an der zunehmenden