Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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392 daß sie euch gar keine Freude mehr bereiten. „Kommst Du selten, wirst Du gelten," kennt ihr das Sprichwort? So ist es mit allem. Was sich der Mensch schwer erkämpft, liebt er am meisten. Wenn eine Mutter ein Kind hat, auf dessen Gesundheit sie sehr achten muß, hängt ihr Herz mehr an dem kranken Kinde als au den andern gesunden Kindern. Und , den Groschen, den du schwer erworben hast, den hältst du mit beiden Händen fest. Wenn gut sein dem Menschen leicht käine, würde ihm gut sein nie eine so himmlische Freude bereiten. Wenn ihr einem armen Menschen auf der Straße von eurem Ersparten etwas schenket, da strahlen eure Angen vor innerer Glückseligkeit. Wisset ihr warum? Weil in euch gewiß eine Stimme geraunt und geflüstert hat: Kauf du dir lieber eine Süßigkeit, was brauchst du dein Geld anderen zu! geben. Dein besseres Herz hat aber den Versucher besiegt,! und über diesen Sieg strahlt dein Auge und deine reine Seele jubelt. — Damit es aber dem Menschen doch nicht zu schwer falle, gut zu sein, hat ihm der liebe Gott etwas sehr Wichtiges geschenkt: das Beispiel. Ich will euch das erklären. Du gehst mit deinem Vater spazieren. Auf dem Wege siehst du geputzte, schön gekleidete Männer und Frauen und Kinder, aber auch dürftige, arme, denen der Hunger auf dem blassen Gesicht anzusehen ist. Vater unterläßt es nie, dem Armen eine Gabe zu reichen und schnell weiter zu gehen. Die Folge ist: ihr machet cs dem Vater nach. Oder ihr sehet, wie Mütterchen jeden Freitag Abend Sabbatbrote ans den Tisch legt, den Segen über die Sabbatlichter spricht. Mit der Zeit könnt ihr euch einen Freitag Abend ohne all das gar nicht vorstellen, und seid ihr groß, habt euer eigen Heim, werdet ihr es sicherlich ebenso festlich beobachten. Das ist das Beispiel. Wie glücklich ist doch ein Kind, das an Eltern und Geschivistern ein Vorbild hat, das ihnen voranleuchtet, dem sie nacheifern können. Und wie schön erst, meine lieben Jungen, wenn einer sagen kann: Mein Großvater, mein Urahne, die waren erst rechte Männer, edel und gut, fromm und gottesfürchtig; ich will so sein, wie sie waren. In der Geschichte, nicht wahr, da lernet ihr von tapferen, großen Helden, die sich für das Vaterland geopfert haben. Und der Herr Lehrer ermahnt euch: Kinder, lernt von den Vorfahren, seiet ihnen ähnlich, Nun, meine lieben Jungen, auch unser Stamm hat solche Männer. Wären ivir alle nuferem Urvater Abraham gleich, es gäbe nie Bosheit unter uns. Erinnert ihr euch an die Erzählung von der Offenbarung am Berge Sinai? Wie da alle einmütig riefen: „Alles, was der Herr anbesohlen, wollen wir tun,- wie wir es vernommen haben." Und anch später, >vie viele fromme Männer und Frauen gab es in Israel! Wie viele gingen lieber in den Tod, als dem lieben Gott untreu zu werden. — Was brauchen wir also nur zu tun, um angekettet zn bleiben an guten Werken, um die Seele rein zn erhalten und täglich sprechen zu dürfen: „Adaunoj ii welau iro"? An unsere Väter, an unsere Vorfahren denken und beten: „Du lieber Gott, erbarmungsvoller Vater! Wie du unsere Ahnen begnadet und gelehrt hast, sei auch uns gnädig und belehre auch uns. Gib auch unseren Herzen die Einsicht und Kraft, liebevoll zu lernen und zu beobachten alle Worte der Belehrung deiner Thora in Liebe!" Ja, in Liebe, meine jungen Freunde, das ist das Wichtigste! Gutes tun, edel, brav sein aus Liebe zu Gott, der uns die reine Seele eingepflanzt hat, auf ihn vertrauen, in ihn sich bergen, zu ihm beten, das sollet ihr immer. „Und erleuchte unsere Augen," so bitten »vir weiter, „durch deine Lehre und lasse uns einig sein in der Liebe und Ehrfurcht deines Namens! Dann werden wir nie beschämt werden, vertrauen wir doch auf deinen großen, heiligen, ehrfurchtvollen Namen, den du uns offenbartden du uns näher gebracht hast, uin ihm zu huldigen, ihn in der Welt zu verbreiten, den Menschen zu lehren, wie du es uns am Sinai geheißen hast." — Das ist, meine lieben Jungen, in dem „Ahawo -rabbo" - Gebete enthalten, das wir unseren Herzen tief einprügen wollen, damit uns die Vorfahreu in allem Guten und Edlen Beispiel seien. Aber ich weiß noch etwas Besseres, wodurch wir uns immer behüten können vor schlechten Menschen und ihren Versuchungen und immer festhalten an guten Werken, damit die Seele stets rein bleibe und wir allmorgendlich mit gutem Gewissen sagen können: „Adaunoj Ii welau iro." Nun ratet einmal, was könnte dieses Bessere sein? Ihr werdet euch vielleicht denken, etwas Besseres als das gute, edle Beispiel von Vater und Mutter, von allen unseren Vorfahren kann cs ja gar nicht geben. Und doch! Soll ich es euch sagen? Der liebe Gott selbst! Gibt es etwas, das der liebe Gott nicht sähe? Nein. Ihm ist alles offenbar, das Geheimste und Entfernteste, das Tiefste und Verborgenste; wo immer im Himmel und auf Erden sich etwas regt und bewegt, in allem ist Gott, er kennt und ermißt alles. Deine geheimsten Gedanken, was dir nur wie ein Blitz durch den Sinn fährt, was dein Herz fühlt und deine Vernunft plant, vor dem Allvater liegt das alles da gleich einem Buche, das aufgeschlagen vor dir ist. Und was will der liebe Gott? Daß wir nur ein bißchen so werden, wie er ist. Der liebe Gott ist gut gegen jeden Menschen, er verzeiht selbst dem schlimmsten Sünder, er ist jedem ein guter Vater. So sollen auch wir uns bemühen zu sein: gut, milde und verzeihend, nachsichtig, und nur das sollen wir tun, von dem wir sagen können: Der liebe Gott, der alles sieht und hört, hat Wohlgefallen au dem, was ich getan. Wenn ihr also bei jedem Schritte, den ihr unternehmet, bei jedem Gedanken, ununterbrochen euch sagt: mein Gott hört und sieht alles, werdet ihr da jemals Schlechtes tun wollen? Gewiß nicht. Wann also werden wir allezeit nur Gutes üben, unsere Seele rein erhalten, um voll Gottvertrauen jeden Morgen sprechen zu dürfen: „Adaunoj li welau iro"? Wenn wir nicht allein unsere Vorväter stets uns vor Augen halten, sondern noch sicherer, wenn wir uns anch immer sagen, vergiß nicht, daß der liebe Gott alles sieht, denk an ihn und trachte so jit sein, wie es der Herr von dir verlangt. Dazu ermahnt uns das Schema. „Höre Israel, der Herr unser Gott ist der eine Gott." Jeden Tag sollen wir diesen Satz zweimal voll Andacht und Ehrfurcht uns in Erinnerung bringen, befehlen unsere Weisen. Zu welchem Zwecke? Das hat uns schon unser Lehrer Moses gesagt: „Liebe den Herrn deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen," das heißt, mit deinem ganzen Können. „Und diese Worte seien stets in deinem Herzen und sprich davon zu Hause, auf dem Spaziergange, bevor du zu Bette gehst und wann bu aufstehst." Damit wir aber ja sicher an den lieben Gott als unser ewiges Vorbild denken sollen, besonders damit es auch die Erwachsenen tun, die durch die Arbeit und Mühe des Tages leicht von Gott abgelenkt werden können, Pflegen wir, wie wir das dreizehnte Lebensjahr erreicht haben, diese Mahnung auf ein Stückchen Pergament zu schreiben, und dies Pergament, wohl aufbewahrt in einer kleinen Lederhülse, befestigen wir an unserm linken Arm dem Herzen gegenüber und ein gleiches an unsere Stirn zwischen den Augen, damit wir uns immer erinnern: was wir mit den Händen und dem Geiste unternehmen, sei immer gottgefällig und gut. Ja, selbst an die Pfosten unserer Türen, in unseren Wohnungen, so befahl es unser Lehrer Moses, sollen wir dies Gebot an-