Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 391

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228778--63746-3297668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und nicht wieder begeht, so trifft doch die Strafe den, der immer nur Böses sinnt und sich nicht bessern will. Auch solche mag der liebe Gott nicht, die beten, aber es im Herzen nicht ehrlich meinen. Ein Betrüger wird nicht erhört, er mag seine Hände noch so oft zum Herrn einporheben; der hat auch nicht das Recht zu sprechen: „Adaunoj li welau iro'', „Gott mit mir, ich fürchte nicht", nur der Brave, Gute darf dies sagen. — Nun saget mir einmal, meine lieben Jungen, verübt nicht auch das Tier Böses? Sicherlich. Ich habe aber niemals davon gehört, daß ein Tier wegen einer schlechten Tat vom lieben Gott gestraft wird. Warum nicht? Auch das Tier hat ein Herz gleich dem Menschen; es hat sogar einen besseren Geruchsinn, auch oft ein besseres Gehör, ein besseres Auge als der Mensch! Aber eines hat es nicht, was wir ja haben: eine Seele. Habet ihr schon eine Seele gesehen? Nein. Ich auch nicht, kein Mensch hat jemals eine Seele gesehen. Wer hat den lieben Gott gesehen, wer kann ihn sehen? Niemand. Und die Seele, meine lieben Jungen, ist ein Teil Gottes in uns. — Das Tier liebt sein Junges, aber wie lange? Einige Tage. Dann wird ihm das Junge fremd, es fragt gar nicht nach ihm. Machen es unsere Eltern auch so? O nein! Im Gegenteil. Je älter wir werden, um so mehr lieben sie uns, sorgen sich um uns bis zu ihrem letzten Atemzuge, sie arbeiten und opfern sich für uns. Und umgekehrt ist es auch nicht anders. Was schert sich das junge Tier um seine Eltern! Wir aber verehren Vater und Mutter, solange sie leben. Wir sind ihnen dankbar, wir pflegen sie, wenn Krankheit sie heimsucht! weim sie alt werden, achten wir auf ihre Gesundheit, und wenn sie in Not geraten, darbeit wir gerne, nur um Vater und Mutter nicht darben zu lassen. Die Eltern nicht ehren» ist die größte Sünde, und wir verachten jeden, der diese Schuld auf sich lädt. Und sind Vater und Mutter nicht mehr am Leben, so gedenken wir ihrer immer voll Liebe und Treue, schmücken ihre Gräber und leben so, wie sie gelebt haben. Woher kommt uns das alles? Von der Seele! — Wir bauen Häuser, pflanzen Gärten, bearbeiten den Acker, lernen Sprachen und Geschichte und Physik und Rechnen, wir denken nach und bringen das Gedachte zu Papier, schreiben Bücher, Gedichte» Romane, wir lesen, erfinden und entdecken. Ist das nicht wunderbar? Das alles kann das Tier nicht, obwohl es Füße, Augen, Ohren, Herz und Lunge hat, wie wir. Was ist das nur, das uns zu so Wunderbarem befähigt? Die Seele ist es, meine lieben Freunde, die nichts anderes ist als Gott in uns. Der liebe Gott ist ewig, er stirbt nicht, wie wir sterben, er ist unsterblich; also ist auch die Seele unsterblich. Wenn das Blut in unseren Adern stille steht, sind wir tot. Was geschieht dann wieder mit der Seele? Sie ist weiter Gott und lebt weiter in Gott. Aber, warum hat der liebe Gott dem Menschen die Seele gegeben? Aus Güte. Darum müssen wir auch dem lieben Gott allmorgendlich für seine Güte danken, daß er uns die reine Seele, die er geschaffen hat, eingehaucht, daß er sie in uns behütet; danken wir ihm für seine große Gnade, ihm, dem Meister aller Geschöpfe, dem Herrn aller Seelen, der tu seiner Hand die Seelen der Lebenden und der Toten. Nur wenn wir dem lieben Gott dafür dankbar sind, dürfen wir täglich sprechen: „Adaunoj li vrelau iro“, „Gott mit mir, ich fürchte nicht". — Das Dankgebet dafür, daß der Allvater uns die Seele eingeimpft hat, nennen wir nach den ersten Worten des Gebetes: bllaultaj, nesebomo. Also dankbar sollen wir dem lieben Gott sein. Wie sollen wir das? Denket euch, ein Nachbar hätte euch etwas aufzubewahren gegeben, etwas gar Feines, Gutes, Teures, und euch gebeteit, ja darauf zu achten. Ihr hättet wohl sagen dürfen: Lieber Herr Nachbar, ich habe bei mir keinen so sichern Platz für ihren Schatz; »weht' euch gern den Gefallen erweisen, aber ich bitt' euch schön, gebt es einem anderir zum Ausbewahren, bei dem es sicherer ist. Wenn ihr aber das nicht saget, sondern das Gut übernehnü und ihm versprechet, es sehr zu behüten, müsset ihr es eben tun. Mit nt e in e ttt Eigentum darf ich machen, was ich will, fremdes muß mir mehr sein als eigenes. Der liebe Gott hat uns die Seele gegeben, und wir freuen uns, daß wir sie haben. Hat er sic uns geschenkt, daß wir sie ihm nimmer zurückzugeben brauchen? Das nicht. Wenn wir sterben, kehrt sie ja zum lieben Gott zurück. Er hat sie uns also nur geborgt. Wie muß man Geborgtes wiedergeben? Genau so wie wir es erhalten haben. Wie war die Seele, als sie uns der liebe Gott eingehaucht hat? Rein. Wie müssen wir sie daher halten, wie zurückerstatten? Rein. Was heißt aber bei der Seele rein? Gut und edel. Die Seele ist Gott. Rein ist sie, wenn sie so ist, wie Gott ist, wie sie der liebe Gott für uns geschaffen hat: gut und edel. — Was meint ihr nun, ist das so leicht, die Seele gttt und edel zu erhalteit? Ihr gehet am Rande einer Straße, die vom Regen aufgeweicht ist, und auf der Wagen um Wagen eilends dahersaust. Kot und Schmutz spritzen hoch auf und beschmutzen eure Kleider, ihr mögt noch so vorsichtig sein. So geht es auch dem besten Menschen im Leben. Da wandelt er auf seiner engen Lebeitsstraße, auf der alles sich drängt und schiebt und jagt, sich hernmzankt und hermnschlägt; muß nicht selbst auf den Besten manch ein Kotspritzer fallen? Gar schwer ist es, meine lieben Jungen, sich immer seelisch rein zu halten. — Uitd wenn das allein die Gefahr wäre! Was, glaubet ihr, ist schwerer, gut oder schlecht sein? Die warme Frühlingssonne sendet ihre lachenden Strahlen durch das Fenster au den Tisch, bei dem du, den Kopf auf die Hände gestützt, > in das Buch starrst, um deine Aufgabe zu lernen. Plötzlich kommt dein Mitschüler von da drüben zur Tür hineingerannt und ruft: Komm spielen! O, wie kämpft das in deinem Herzen, wie klopft und häntmert cs! Laut locken hörst du eine Stimme: Geh doch mit, du wirst zum Lernen noch Zeit finden! Leise, bescheiden spricht die andere: Bleib! Erst die Pflicht, dann das Vergnügen! Auf welche ist schwerer zu horchen? Nicht wahr, auf die zweite, die dich an die Pflicht gemahnt. Wie mit Ketten mußt du dich ait den Tisch festhalten, um deinem Freunde zu sagen: Ich will und muß erst lernen! Wohl euch, meine lieben Jungen, wenn ihr immer gegen die Versuchung tapfer bleiben werdet, dann wird eure Seele rein bleiben, die Menschen werden euch lieben, Gott segnet euer Ttiu tind Lassen, und ihr werdet guten Herzens jeden Morgen sprechen dürfen: „Adaunoj li welau iro." — Das ist der Inhalt unseres dritten Gebetes, das wir „Wijhi rozaun" nennen. „Du lieber Gott", so beten wir, „es sei dein Wille, daß du uns an deine Lehre gewöhnest, uns ankcttest — verstehet ihr jetzt das Wort? — an deine Gebote. Und bringe uns nicht in die Hände der Sünde und der Versuchttng und laß nicht in uns herrschen den Trieb zunt Bösen und halte uns fern von einem bösen Menschen und einem bösen Gefährten, und kette uns an an den Trieb zum Guten.und an gute Werke, das; wir Gttnst finden iit deinen Augen und in den Augen aller, die uns sehen." Warum hat es aber der liebe Gott dem Menschen so schwer gemacht, das Gute zu befolgen? Wäre es nicht besser, wenn das Gute ttns noch schöner locken könnte als das Schlechte? Doch passet auf! Wenn ihr jeden Tag zum Mittagessen Leckerbissen bekämet, würden sie lange Leckerbissen bleiben? Nein. Ihr gewöhnet euch schließlich so daran.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.