Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 390

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228778--63745-3297667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

390 senden Rnssenstroin verinag er nicht rückwärts zu lenken, und so muh er es ruhig geschehen lassen, wenn sein reißender Wirbel auch seinen eigenen Nachwuchs fortreißt. Wie plump und frivol, das Judentum für die Geschehnisse in Rußland lind Rumänien verantnwrtlich zu machen! Die Gespensterftircht zu erregen, wird auch so viel von der jüdischen Solidarität, Geldherrschaft und Weltmachtssucht gefabelt. Chambcrlain führt in seinem famosen Buche: „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" alle dahin zielenden Fälle und die Aussprüche bekannter Juden an. Es ist dies kein leichtfertiger oder boshafter Schwäher, sondern ein ernster Denker, aber auch einer, der das Gruseln kennt und am Hellen Tage Gespenster erblickt. Wo in aller Welt ist denn diese angebliche Solidarität in dein mehr als in jeder anderen Nationalität so gespaltenen lind zerklüfteten Judentum? Was hat der Orthodoxe mit dem Reformer, der Gläubige mit dem Ungläubigen, der nichtdeutsche mit dem deutschen Juden gemeinsam außer der Förderung der Werke der Wohltätigkeit und des Erbarmens? Dies Chamberlainsche Buch hat schoil viel Unheil angerichtet, denil da es von einem denkenden Kopfe ansgeht, so ist es auch imstande, denkende Köpfe zu suggestrieren. Bon ihin sichtbar beeinflußt, ist auch in den Vereinigten Staaten jüngst von einenr gewissen Warner ein Buch unter dem ominösen Titel „The Jewish Spectre“ erschienen, das in allen öffentlichen Bibliotheken ansliegt, ein Fall, der bisher nicht vorgekommen, daß ähnliche Bücher zrigelassen worden. Es ist sicherlich ein Racheakt jenes ans Veranlassung einflußreicher Juden seines Amtes entsetzten Staatsbibliothekars, der bezichtigt wurde, Inhaber eines Juden ausschließenden Strandhotels zu sein. Das Judengespenst spukt also auch schon in der Neuen Welt. Der amerikanische Autor greift die Sache mit Glacehandschuhen an. Er will nicht an die gefürchtete jüdische Ueberlegenheit so recht glauben, doch, in der Chamberlainschen Manier räsonierend, merkt man ihin die Angst in allen Gliedern an und die Aehnlichkeit mit jenem furchtsamen Buben, der durch lautes Schreien seine Furcht zu verhüllen sucht. Welche Gemeiilschaft hat der jüdische Nabob und Börsenfürst mit der Sache seines Volkes? In der Zeit des ärgsten Dranges hat er sich nicht gescheut, russische Anleihen abzuschließen, die doch dazu bestimmt waren, die Fesseln für seine Stanunesgenvssen und die anderen russischen Untertanen zu schmieden. Jetzt freilich, nach den eingetretenen inneren Wirren, hält er sich reserviert zurück. Nur sein spezifisches Interesse ist maßgebend, nicht die Sache des Judentums, und sein Reichtum koinmt nur diesem insoweit zugut, als es sich um philanthropische Zwecke handelt. Da ist es ja auch recht gut, daß es unter den Hunderttausenden Armen auch einen Reichen gibt, um dem ungeheuren jüdischen Elend zu steuern. So verhält es sich mit dem Rothschild-Popanz. Wenn im Gefolge der Schrecken der letzten Jahre einige exaltierte Köpfe, an unserer Kultur irre geworden, von einer spezifisch jüdischen Weltkultur und einem Judenstaate fabeln, so muß man diese Verirrung beklagen. Doch geteilt wird sie nicht von allen Juden, zum mindesten nicht im Deutschen Reiche. Jene Partei beträgt da kaum zwei Prozent, wenn anch diese zuweilen sich das Ansehen gibt, für ganz Israel zu sprechen. Es ist nicht so schlimm wie es aussieht, und die tiefsten Wasser sind nicht die, die am meisten rauschen. Es ist bitter zu bedauern, daß sie einem unerfüllbaren Wahne ihr alles, ihre Existenz und Karriere zum Opfer bringen. Aber wer hat's verursacht, wenn nicht der böse Anti semitismus? Wir anderen halten den Glauben an da- Deutschtum fest und sind überzeugt, daß sein guter Sinn, bei den Hexenglauben überwunden, auch dieses Gespensterglaubenendlich Meister werden wird, daß der helle Tag bald altbricht der das flatternde Tuch zeigt, das so lange als gruselnde- Gespenst gegolten. Die Vollständigkeit verlangt, daß ich zum Schlüsse nock die boshaften Machinationen jener Dunkelmänner anführe die aus Brotuild Konkurrenzneid die Gespensterfurcht zi verbreiten und ihre jüdischen Mitwerber zu verdrängen suchen doch dazu sehlt's mir an Raun:, und es wäre ja doch ver lorene Tinte. — Sapienti sat. Anlere Wrrktagsgebete? Ein S chulv ortrag. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. meine lieben jungen Freunde! Ihr seit gewiß alle brave gute Kinder, nicht wahr? Nun saget mir doch einmal wenn ihr so am Morgen nach einem gesunden Schlaf erwacht welcher Gedanke kommt euch da zuerst, so ganz von selbst wie angeflogen, wie sich der Hunger einstellt, wenn ihr lang ilicht gegessen habt? Gelt, zu Vater und Mutter eilen, ihnen „Gllten Morgen" sagen und sie zärtlich küssen, umhalsen Und, wie wenn ich dabei stünde, wie Ihr Mütterchen mit guten süßen Worten umschmeichelt! „Mein liebes, gutes Mütterchen! sagt ihr immer wieder und schmiegt euch so warnl der Mutte an, die euern Kuß zärtlich zurückgibt. Auch Vater wird ge kost und mit weichen Händen geschmeichelt; nur tut Ihr da nlit etwas mehr Ehrfurcht und Zurückhaltung. — Seht Ihr, s > sollen wir es auch mit dem lieben Gott machen. Wie ihr er wacht, müßt ihr die Hände faltensimd, als wolltet ihr dabei den lieben Gott umarmen und herzen, sprechen: „Du lieber Gotl der du immer warst und immer sein wirst, du guter, einziger allmächtiger Gott, der du ewig und unendlich bist, nicht s wie wir Menschen, die heute sind und morgen vielleicht nich mehr, du bist mein Beschützer, mein einziger Hort; du, mei> Fels in der Zeit der Not, mein ewig lebender Helfer, du bis mir Fahne und Zuflucht! In deine Hand gebe ich meine: Geist, ob ich schlafe oder wache, und mit meinem Geist schützest du auch meinen Körper. Bist du, o Gott, mit mir dann fürcht' ich nicht." Das ist, meine lieben Jungen, da Adaun - au 1 o m -Gebet, unser allmorgendlicher Willkomingrw an den lieben Gott. Wir nennen das Gebet Adaun-autom weil es mit diesen zwei Worten beginnt. Damit ihr aber j nicht vergesset, jeden Morgen diesen Gottesgruß zu betev solltet ihr alle über euer Bett diese Worte anbringeu Adaunoj li welau iro, „Gott mit mir, ich fürchte nicht. Präget diesen Satz euren Herzen ein, er werde das Leitwou eures ganzen Lebens. Allerdings, nicht jeder darf so sprechen. Wenn auch de. liebe Gott als der gütige Vater aller Menschen auch den Schlechtesten die Sünde verzeiht, wenn er sie ehrlich bereri *) Zur Orientierung des Lesers bemerke ich, daß ich Vogelstein auch für die österreichischen Mittelschulen approbiertes Schulgebetbw! eingeführt habe und in den zwei untersten Gymnasialklassen folgend Werktagsgebete mit den Schülern durchnehme: I. Adaun-aulom: 2. Elauhaj, neschomo; 3. Wijhi-rozaun; 4. Ahawo-rabbo; 5. Sehern i mit weohawto; 6. Schcmone-esre; 7. Olenu. Tas Gebet soll kei l Gewohnheitsding, sondern des Menschen tägliches innerstes Erlebnisein. Wie es den Kindern das werden kann, zeige diese Abhandlung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.