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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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Nummern der „Rußkoje Snamja": „Die Stunde der Rache naht. . . Gebt uns nur Zeit, die Namen der schlimmsten Feinde der russischen Nationalidee allen Verbandsmitgliedern bekanntzugeben, und sie können versichert sein, das; sich eine ganze Menge freiwilliger Rächer der geschändeten Ehre und des erschütterten Ruhms des russischen Reichs finden wird." Was ist das anders, als eine Aufreizung zum Morde? So sehr man auch an die Ausnahmestellung des Verbandes des russischen Volks gewöhnt ist, fragt man sich doch staunend, wenn man dergleichen liest, wo denn die Grenze des Erlaubten für die „wahren Russen" liegt. Und gibt es überhaupt eine Schranke? Trotzdem sind die wahren Russen noch immer nicht zufrieden, und sie führen auch der Regierung gegenüber eine maßlose Sprache. Als Beispiel mag folgende Stilprobe dienen. „Einen sonderbaren Eindruck", so lesen wir in der „Rußkoje Snamja" vom letzten Sonntag, „machen die russischen Gerichte bei den sogenannten Pogromprozessen. Sie bestrafen nur solche Personen, die für den Zaren eintreten, während die wirklichen Urheber der Pogrome überall die Revolutionäre, diese Feinde der Zarengewalt sind. Alle diese Missetaten und Akte der Ungerechtigkeit werden zweifellos einmal gerächt werden. Die Namen Stolypius, Arbusows (Departementschef im Justizministerium), Schtscheglowitows, Kaufmanns und einiger anderer Mitarbeiter Stolhpins sind dem ganzen russischen Volke so verhaßt, daß man sich über die Herrschsucht dieser Herren wundern muß, die trotz des Mißtrauens von Millionen russischer Leute auf ihren Plätzen bleiben." Da der Verband sich noch immer mit einer angeblich nach Millionen zählenden Mitgliederzahl brüstet, mag in diesem Zusammenhänge beiläufig erwähnt werden, daß die von ihm eröffnete Geldsammlung für einen „Nationalfonds", der einem bis jetzt noch nicht angegebenen großen Zwecke dienen soll, im Laufe zweier Monate ganze 364 Rubel und 65 Kopeken gebracht hat. Eine solche Ebbe wie jetzt scheint es in den Kassen des Verbandes noch nicht gegeben zu haben. Fast ist diese Ebbe so groß, wie die in den Kassen der Regierung. Oder sollte beides dieselbe Ursache haben. £ Professor Hermann Vamböry, der Lehrer des Sultans Abdul Hamid und einer der besten Kenner der Türkei, hat sich in einem dem Herausgeber der „Neuen National-Zeitung" in Wien, Herrn Dr. S. R. Landau, gewährten Interview in sehr beachtenswerter Weise über die Stellung des Sultans zur jüdischen Kolonisation in Palästina ausgesprochen. Auf die Frage, wie die Pforte sich gegenwärtig zur Einwanderung in Palästina verhalte, antwortete Prof. Vambery: „Seit dem Sultan Abdul Hamid gibt es überhaupt keine „Pforte" mehr. Der Sultan ist alles, er macht alles. Das Schreibzimmer des Sultans ist überladen mit Schriftstücken aus allen Ländern seines großen Reiches. Selbst kleinere Verwaltungsangelegenheiten harren bei ihm der Erledigung. Er ist eine kolossale Arbeitskraft; allein die Arbeit, die er zu bewältigen hat, ist zu umfangreich für einen Menschen. Der Sultan, dessen Persönlichkeit ich ja in meinem Buche „The story of my struggles" (Die Geschichte meiner Kämpfe) ausführlich gewürdigt habe, ist ein großer Judensreund. Er ist es in seinen! eigenen Interesse. Denn die Juden sind seine einzigen nichtmohammedanischen Untertanen, auf die er bestimmt rechnen kann. Allein die Juden sind trotzdem schuld daran, daß sie der Sultan nicht als vollwertig ansieht. Sie sollten größere Anhänger des türkischen Staatsgedankens sein. Viele Jahrhunderte wohnen sie bereits in der Türkei, und sie sprechen noch immer nicht türkisch, sondern die Sprache Torquemadas. Die einwandernden Juden weigern sich, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen und bieten stets für den ausländischen Konsul einen willkommenen Anlaß, sich in die inneren Verhältnisse der Türkei einzumengen." „Wie steht es denn mit dem Verbot der Einwanderung?' „Die Einwanderung ist wohl de jure noch immer verboten, aber faktisch wird dieses Verbot sehr lax gehandhabt. Doch nicht int Interesse Palästinas. Die jüngste Einwanderung hat Elemente in Land gebracht, die demselben gar nicht zun: Vorteile gereichen. wäre sehr wünschenswert, ein Komitee zur Bewachung der Ein Wanderung einzusetzen." „Würde der Sultan eine Masseneinwanderung nach Palästina gern sehen?" „Der Sultan weiß die Vorzüge einer jüdischen Masseneinwanderun! und die damit für die volkswirtschaftliche Entwicklung der Türkt! verbundenen Vorteile sehr zu schätzen. Er würde daher mit Freuden eine jüdische Einwanderung in Kleinasien und in Mesopo« tamien sehen. Dort überwiegt die armenische Bevölkerung, un» die Juden könnten ein für die türkische Regierung sehr wertvolle? Gegengewicht bilden. Hier befinden sich zahlreiche fruchtbar Domänen des Sultans, der selbst sehr gerne einen Teil den Jude i einräumen wurde." „Würden Sie diese Ansiedlungsprojekte befürworten? „Ich würde dieselben jedenfalls sür sehr bedenklich Halter- Mesopotamien ist zwar herrlich, es ist ungemein fruchtbar und gilt im Jahre zwei Ernten. Allein hier wäre die Sicherheit dc Kolonisten sehr gefährdet. Ich erlaubte mir selbst an den Gros Herrn die Frage zu richten, ob er die Kolonisten auch genügen gegen die benachbarten Beduinen und andere Nomadenstänni! schützen könne? Leider erhielt ich darauf keine bejahende Antnwr. Die gleichen Verhältnisse herrschen in Kleinasien. Hier befinden fit. die verschiedensten aus Rußland hinausgeworseuen türkische t Elemente. Und die Nachbarschaft dieser noch wenig zivilisierte t Volksschichten auf der einen, die der Armenier auf der anderen Sei:-? könnten die Sicherheit der jüdischen Elemente keineswegs garantiere!.. „Es wäre", betonte Professor Vambery mit Nachdruck, „ein Ve brechen, die armen, verfolgten Juden nach Mesopotamien od r Kleinasien zu führen/' „Und warum wäre eine großangelegte Einwanderung und Kolon * sation in Palästina dem Sultan nicht erwünscht?" „Der Sultan muß mit dem Einstusse der anderen europäisch! l Mächte rechnen, welche dem Charter nicht günstig sind. Denn d c Chai-ter bedroht den Einfluß der europäischen Mächte im Orient un? lähmt ihre Interessensphären. Haben Sie eine Ahnung, was f> r ein Jntriguenspiel der Botschaften in Bewegung gesetzt wurde, n •> ich beim Sultan den Empfang des Dr. Herzl vorbereitete!" „Können sich in absehbarer Zeit die Verhältnisse nicht ändern „Die Verhältnisse in der Türkei sind jetzt im allgemeinen nie:. t sehr erfreulich. Allein es ist begründete Aussicht vorhanden, daß s c sich bessern werden. Die jüngere Generation nimmt europäistre Kultur an, somit muß auch die Administration sich bessern. D c asiatische Türkei wird mit der Zeit dank dem Einflüsse Deutstxands in Kleinasien die Bahn der europäischen Kultur betrete:. Die asiatische Türkei wird sich regenerieren. Es ist nicht wah daß Europa der Türkei den Garaus machen will! Die Großmäch ' zittern selbst vor diesem Augenblick, da sie daran gehen müßten, eine Teilung der Türkei vorzunehmen." „Was halten Sie von Konzessionen in Palästina?" „Konzessionen halte ich für möglich und auch für nützlich. Adiesem Wege wären Ueberwachungskomitees, Fabriken, Schulen us'. zu erlangen. Es müßten sich aber um diese Konzessionen geeigm ' Personen bewerben, in erster Linie türkische Untertanen." „Es scheint Ihnen somit die praktische Arbeit in Palästii r ersprießlich?" „Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Die I vestierung von großen Kapitalien in Palästina könnte ich nii >t empfehlen. Solange der Ankauf von Boden in Palästina nicht ai ■ fällt, werden ihn die Türken dulden. Später aber könnte all * annulliert werden. Wenn Sie neue Kolonien gründen, wer wird - selben gegen die Beduinen schützen? Glauben Sie, daß die zionistist;.c Bewegung den Beduinen, den Maroniten, Arabern fremdgebliebt r ist? Man sagt, es sei für die Türkei eine Lockspeise, die Stern - zehnten von den Kolonisten einzuheimsen. Aber ich frage, wer wi-d die Kolonisten gegen Uebergriffe der Steuerbeamten schützen?"

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