Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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387 Das Unterhaus weigerte sich, diese Resolution gutzuheißen, und eZ wurde eine spezielle Kommission eingesetzt, welche ein Einverständnis >er beiden Häuser herbeiführen sollte. Man einigte sich schließlich dahin, mß jedes der beiden Häuser auf Grund einer bloßen Resolution seine gewählten Mitglieder auch ohne Hinweis aus die christliche Religion ulassen könne. Am Mittwoch den 21. Auli 1858 wurde dieser Entwurf zum Gesetz erhoben, fünf Tage später nahm Lionel Rothschild einen Sitz im Unterhaus ein, nachdem er zuvor bedeckten Hauptes >en Eid geleistet hatte, in welchem er sich statt der christlichen Formel, welche ihn elf Jahre an der Ausübung seines Rechtes verhindert mtte, der Worte bediente: „So helfe mir Gott!" Seither sind beide Parlamente bei jedem Anlaß mit gleicher Teilnahme für die Juden eingetreten, wie sich dies ja uich selbst bei »der Fremden-Bill gezeigt hat. Die Antwort, ne der Premierminister der jüdischen Deputation in der origen Woche gegeben hat, es wäre sein Ideal, wenn die •itr zur Erlangung des britischen Bürgerrechts so weit wie nöglich geöffnet würde, ist eine, die der Humanität Englands ■ lle Ehre macht. Ein Vergleich mit der Ausweisurigspolitik i nderer Länder ruft geradezu deprimierende Eindrücke wach. * Die verlogene Gesinnung der maßgebenden rumänischen greise in Behandlung der Judenfrage offenbart sich so recht; i einem schamlos offenen Artikel, der im „Liberatul", dem l Jassy erscheinenden Organ der jetzigen „liberalen" Regierungspartei, erschienen ist und als ein politisches Dokument stgenagelt zu werden verdient. Er lautet in deutscher Uebermgung: Alle diejenigen, die sich über die Lage des Landes, über" die nteressen des rumänischen Volkes klar sind, begreifen, daß wir den uden keine Rechte einräumen können. Den Juden jetzt Bürger- 'chte zu verleihen, wäre gleichbedeutend mit der Zertretung des imänischen Volkes, insbesondere der Bauernschaft und der produk-! ven städtischen Bevölkerung, durch das Jüdische, das unseren Be- - rebungen und Idealen fremd gegenübersteht. Die Agitation unserer uden kann uns nicht beeinflussen. Was uns aber fatal werden! nn, das wäre die öffentliche Meinung Europas, die uns . nngen kann, den Juden diese Rechte zu verleihen. Wir waren bereits im Jahre 1879 in Gefahr, als uns Europa d e Früchte des Krieges, des auf den bulgarischen Schlachtfeldern l rgossenen Blutes, nur gegen Verleihung der Bürgerrechte an die uden zusprechen wollte. Damals konnten wir widerstehen, indem ’ ir uns die Freiheit, in unserem Lande tun zu dürfen, was uns fällt, mit Milliarden erkauften, denn wir haben für den Ankauf ‘ et Eisenbahnen den dreifachen Preis bezahlt, nur damit wir nicht ■ ezwungen seien, den Juden Rechte zu verleihen. Wir konnten uns - lch deshalb noch frei machen, weil Rußland an dieser Frage interfiert war. Rußland wollte es durchaus nicht zugeben, daß auch ur im Prinzip die Gleichberechtigung der Inden ausgesprochen erde, denn es hatte ja seine eigenen Juden. Jetzt aber, da eine ommission der Duma bereits für die Gleichberechtigung der Juden ngetreten ist, jetzt, da Rußland wesentlich schwächer ist, ist unsere ituation viel schlechter. Wir sind eilt kleines Völkchen von nur chs Millionen Seelen, und wenn uns Europa jetzt zwingen : ollte. den Juden die Bürgerrechte zu verleihen, könnten ir nicht mehr widerstehen. Wir könnten Europa nicht mehr Milliarden in den Rachen werfen. Wir können auch nicht mehr ttf Rußlands Unterstützung rechnen. Da wir das einzige Volk n Europa sind, das den Juden keine Rechte zuspricht, könnten ir also dem Wunsche Europas nicht mehr Widerstand entgegentzen, besonders, da es sich durch die Bauernrevolten gezeigt hat, aß wir 40 Jahre nach Gewährung der Konstitutionen noch ein so ^waches Land sind. Wo liegt nun unser Interesse? In unserem Interesse ist es, daß och 20 bis 30 Jahre die jüdische Frage nicht vor Europa ebracht wird. Diese Frage soll so lange nicht zur Diskussion ommen, als wir nicht ein starkes Volk sind, bis nicht aus der rumänischen Bauernschaft eine aufgeklärte, bewußte und wohlhabende Bevölkerung geworden ist. Wenn es so weit sein wird, dann werden wir auf unsere eigene Kraft vertrauen und nach Maßgabe unseres eigenen Interesses beschließen, was wir zu tun haben. Und nun sehen wir, daß ein Erzreaktionär, A. C. Cuza (der bekannte antisemitische Professor und Agitator), um ein Mandat fürs Parlament zu erlangen, auf dem Antisemitismus herumreitet, indem er an der Universität hetzt, den jüdischen Jargon imitiert, alle Leidenschaften anfwühlt, indem er die Leiden der von den Juden im Kampf ums Dasein Besiegten verkündet, die Jugend verdirbt, indem er sie von ihren Studien ablenkt. Kurz, um einer erbärmlichen Gloriole willen agitiert er in einer Frage, die im Interesse der Rumänen unberührt im Dunkeln schlummern müßte. Man kann den Juden keinen besseren Dienst leisten, als wenn man für die Aufrolluug dieser Frage arbeitet. Dieser infame Reaktionär, der im Trüben fischen will, der sich mit Tarabutu verbunden hat, mit demselben Tarabutu, mit dem zusammen er vor einigen Jahren die Fensterscheiben der Juden eingeschlagen und das Land gezwungen hat, sich vor dem Auslande zu demütigen und mit großer Mühe das Wiederansrollen der Judenfrage zu unterdrücken — was will er jetzt noch? Wenn er einen Tropfen patriotischen Empfindens hätte, jetzt, da er nicht mehr 20 Jahre alt ist, würde er einsehen, daß er diesem Lande keinen größeren Schaden zufügen kann, als wenn er einen Brand entfacht, der das ganze Land in Flammen setzen kann. Alle diejenigen, die nicht dazu helfen wollen, daß das Vaterland zugrunde geht, müssen also diesem gewissenlosen Menschen den Rücken kehren, diesem Volksverräter — ja Verräter, denn wir glauben nicht, daß er zurechnungsfähig ist, da er nicht begreifen kann, was ein jeder halbwegs Gebildete begreifen muß, daß nänilich Aufrollung der Judenfrage im Interesse der Juden liegt und zum Schaden des rumänischen Vaterlandes dient. Wir, die wir uns alle Mühe geben, der Welt zu beweisen, daß die „Judenfrage" jüdische Erfindung ist, daß wir das toleranteste Volk sind (und wir sind es auch), wir dürfen uns keine Blöße geben, wir dürfen nicht zeigen, daß wir die Bestialität ermutigen. Mit welcher Wonne erwarten die Juden des In- und Auslandes Cuzas Wahl! (sie!) Mit welcher höllischen Freude erwarten sie seine wilden Reden, damit sie sie vor dem zivilisierten Europa ausbeuten können durch ihre europäische Presse, die sie fast durchweg beherrschen. Jede Stimme, die Cuza gegeben wird, ist gegen die Demokratie abgegeben, denn er ist ein Reaktionär, der nur den Demokraten spielt. Jede dieser Stimmen ist ein Verrat am Volke, denn es ist die Ermutigung einer Haltung, die eine Frage ins Rollen bringt, die verschwiegen und versteckt werden muß." Ist das wohl zu glauben, daß man so schamlos — die Wahrheit auf den Kopf stellen und sich dabei liberal nennen darf? * Wenn es gilt, gegenüber dem reichen Tatsachenmaterial, das die Beteiligung des „Verbandes des russischen Volks" an der Ermordung von Herzenstein unb Dr. Jollos unwiderleglich beweist, wenigstens ein paar nichtssagende Redensarten zur Verteidigung des Verbandes vorzubringen, so erklären dessen Wortführer, die beiden meuchlings ermordeten Männer seien zwar bloß „revolutionäre Juden" gewesen, die kein besseres Schicksal verdient haben, der Verband des russischen Bvlks sei aber eine durchaus friedliche Organisation, die mit Mordtaten nichts zu tlm hat. Die blutigen Gewalttaten in Odessa und vielen anderen Provinzstädten, wie auch das Vorhandensein einer bewaffneten „Kampfwehr", stehen freilich mit dieser Behauptung nicht im Einklang, doch haben die lvahreil Russen hierfür eine — wenn auch nicht gerade plausibel klingende — Allsrede, der Verband brauche die Kampfivehr und die Bandeil, die auf den Straßen von Odessa friedliche Bürger mißhandeln, zum „Selbstschutz" gegen die Revolutionäre. Ganz andere Dinge bekommt man aber zu hören und zu lesen, wenn die Führer des Verbandes gegen ihre politischen Gegner vom Leder ziehen. Welche Sprache sie in solchen Füllen führen, zeigt folgende Auslassung aus einer der letzten v 1