Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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entschlossen, zumal sie einen weiteren Beitrag für die Schwierigkeit der Durchführung einer vollständigen Sonntagsruhe in den kaufmännischen Kontoren in sich schließt. ----- Frankfurt a. M., 31. Juli. Der Verein zur Erziehung israelitischer Waisen und Kinder unbemittelter Ettern aus dem deutschen Reich kann auch für das Jahr 1906 über befriedigende Leistungen seines in Diez a. d. Lahn unterhaltenen Kinderheims berichten. Die Anzahl der dort beherbergten Zöglinge betrug bis zum Herbst 42. von da ab 40, weil zwei junge Leute damals in kaufmännische Betriebe übertraten. 21 Zöglinge stammten ans Preußen, und zwar je fünf aus Hessen-Nassau und aus der Nheinprovinz, vier aus Brandenburg, drei aus Sachsen, zwei aus Schleswig-Holstein, je einer aus Hannover und Westpreußen, ferner fünf aus dem Königreich Sachsen, je drei aus Bayern, dem Großherzogtum Hessen und Elsaß-Lothringen, jeeiner aus Sachsen-Meiningen, Hamburg, Lübeck und Bremen. Dazu kam noch ein bei einem Pogrom verwaister, durch den Hilfsverein der deutschen Juden dem Kinderheim überwiesener russischer Knabe. Ostern d. I. verließen fiebeit Zöglinge die Anstalt, von denen einer zu einem Bäckermeister in die Lehre eingetreten ist, während die anderen sich dem Kaufmannsstande gewidmet haben. Die Knaben des Kinderheims besuchten die Volksschule in Diez, während der Unterricht in Hebräisch und Religion innerhalb der Anstalt von dem jüdischen Religionslehrer der Stadt erteilt wurde. Führung und Fortschritte aller Zöglinge waren durchwegs sehr befriedigend. Innerhalb der Anstalt wurde 20 Zöglingen auch Handfertigkeitsunterricht erteilt, für ältere Knaben außerdem ein Kursus in Stenographie, Rundschrift und Buchführung abgehalten, der dauernd beibehalten werden soll. " Auch die bereits aus der Anstalt ausgetretenen Knaben bleiben dadurch noch im Zusammenhang mit ihr, daß sie von ihr während der Lehrzeit mit Wüsche und Kleidung versehen werden. Die Berichte der Lehrherren lauten durchweg recht günstig. Der Gesundheitszustand war sehr befriedigend! es kamen keine Erkrankungen vor. Durch besondere Zuwendungen konnte den Kindern die Freude eines Ausfluges nach dem Niederwald gewährt werden. Ferner wurde im Garten der Anstalt ein reich ausgestatteter Turnplatz angelegt, so daß den Zöglingen erhöhte Gelegenheit zu heiterm Spiel und kräftiger Leibesübung geboten ist. Der Etat des Kinderheims balanciert mit 43 600 Mark. Die letztjährige Purimspende erreichte die Höhe von fast 12 000 Mark. — Worms, 31. Juli. Die große Deutsche Turnerschaft, der mehr als 800 000 deutsche Turner angehören, hielt in den letzten Tagen des Juli ihren Turnertag, der alle vier Jahre stattfindet, hier ab. Der greise Vorsitzende, Dr. Ferd. Goetz, der wegen seiner unparteiischen Haltung sich schon mancherlei Anfeindungen hat gefallen lassen müssen, erstattete dabei einen Bericht über die letzten Jahre. Er legte auch die Tendenz der Deutschen. Turnerschaft völlig klar, indem er betonte: „Parteigeist im politischen und religiösen Sinne fand keinen Boden in unserer Vereinigung, und so vollzog sich darum auch die Ausscheidung des größten Teils der früher mit uns vereinigt gewesenen österreichischen Turner wegen ihrer antisemitischen Forderungen, die mit unserem Standpunkt unverträglich waren, in friedlicher Weise. Und die Trennung der aus diesen Gründen Ausgeschiedenen in zwei sich gegenwärtig bekämpfende Lager! unter zwei sich bekämpfenden Führern) ist wohl der beste Beweis für die Gesundheit des Standpunktes unserer Deutschen Turnerschaft." Weiterhin schilderte Dr. Goetz die Angriffe des sozialdemokratischen Arbeiterturnerbundes gegen die „deutschen Turner". Er sagte im Anschluß daran: „Andere Anzapfungen, wie sie von den Antisemiten, von den Turnern zionistischer Richtung ausgehen, Angriffe der Abstinenzler, der Schwedenschwärmer und durch Leute, die in unserem deutschen Turnen das Aesthetische, das Kunstinteresse und vielleicht ihren eigenen Einfluß vermissen, läßt die Deutsche Turnerschaft, außer in ganz besonderen Fällen, meist ganz unbeachtet." Diese mit Beifall aufgenommenen Ausführungen zeigen, daß die Deutsche Turnerschaft, unbeschadet aller Angriffe, ihren alten liberalen Weg weiter wandelt. Ansbach, im August. Am 28. v. M. tagten hier die Vertreter der orthodoxen Synagogen von München und Nürnberg, um zu der in der Presse jüngsthin mehrfach erörterten Frage der Revision des, Judenedikts Stellung zu nehmen. Seitens der anwesenden Delegierten kam übereinstimmend die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß die dermalige Fassung des Jndenedikts, bezw. die Auslegung, welche Verwaltung und Rechtsprechung den 8824 und 25 des Edikts gegeben haben, eine Gewissensbedrängnis für die orthodoxen Minoritäten in den Großgemeinden im Gefolge haben, und daß es insbesondere unerläßlich sei, für die bestehenden orthodoxen Minoritäten einen sicheren Rechtsboden zu schaffen. (!) Die Versammlung, welcher auch mehrere Gäste ans anderen bayrischen Kultusgemeinden anwohnten, beschloß, unverzüglich eine die Wünsche der Delegierten zusammenfassende Denkschrift an das bayrische Ministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten zu richten. Die Form und der Zeitpunkt, zu welchem die Denkschrift an den Landtag geleitet wird, soll späterer Beschlußfassung Vorbehalten bleiben. ---- Stuttgart, 4. August. Der Geh. Kommerzienrat Alexander v. Pflaum hat öie durch Wegzug sämtlicher bisher dort wohnenden Inden entbehrlich gewordene Synagoge in Pflaumloch, einen stattlichen Ban in byzantinischen Formen, ein Werk seines Vaters, Elias Pflaum, des Begründers der bekannten Bank, angetanst und einen prächtigen Festsaal, der edler Geselligkeit und Belehrung dienen soll, ein Lesezimmer, eine Kleinkinderpflege,- Diakonissenstativn und weitere Räume zu wohltätigen Zwecken eingebaut und am 29 v. M. seiner Heimatgemeinde persönlich übergeben, ein Zeugnis treuer Anhänglichkeit des Stifters an seine Heimat, und wohl das erste derartige Fest- und Gemeindehaus in Deutschland, das einer solch kleinen Gemeinde von nur 423 Einwohnern zur Verfügung steht und wie man es nur auch andern Städten und Dörfern wünschen möchte. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 5. August. Der erste Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Dr. Alfred Stern, feierte in dieser Woche sein goldenes Doktorjubilüum und wurde bei dieser Gelegenheit vielfach ausgezeichnet, wie er es auch um seiner selbstlosen und eifrigen Hingabe für alle gemeinnützigen Interessen vollauf verdient. — Aus dem Lande der Unwahrscheinlichkeiten ist wieder etwas Merkwürdiges zu melden: Der ehemalige Jnstizminister Ruber ist zum Präsidenten des obersten Gerichts- und Kassationshofes ernannt worden. lieber die wissenschaftliche Qualifikation des Mannes für dieses hohe Amt herrscht nur eine Stimme, und zwar eine sehr ungünstige. Doch das geht am Ende uns nichts an. Was uns aber doch angeht, ist folgende Tatsache: Unter Ruber passierte der Fall Hilsner! Und die Anklagen, die jahrelang gegen den ehemaligen Justizminister aus diesem Aulasse öffentlich erhoben wurden, sind so schwerwiegender Art, daß es absolut unbegreiflich erscheint, daß der Mann noch nicht die Hilfe des Gerichts gegen diese ehrenrührigen Anschuldigungen angerufen hat. Unter diesen Umständen gewinnt die Berufung Ruders auf einen so verantwortungsvollen Posten allerdings eine große Bedeutung. — Die Angelegenheit der Präterierung jüdischer Magistratsbeamten in Wien kann noch immer nicht zur Ruhe kommen. Der Vorstand des „Vereins der Beamten der Stadt Wien" veröffentlicht jetzt eine Resolution, durch die die Nachricht von dem Ausschluß des Antragstellers bestätigt wird. In der Vorstaudssitzung wurde vornehmlich der Standpunkt vertreten, daß der Verein seinen Statuten entsprechend sich von jeder politischen Tendenz fernhalten müsse. Der Antrag Moißl hätte, wie in der Debatte hervorgehoben wurde, was seine Form betreffe, die Meinung erwecken können, als wolle sich der Verein aus das Gebiet der Politik begeben. Wenn es sich darum handle, sich der jüdischen Beamtenschaft als Kollegen anzunehmen, so sei der Verein, da es sich dann um die Solidarität der Kollegenschaft handle, wohl berechtigt, sich mit der Angelegenheit zu befassen, aber in einer Form, welche eine politische Tendenz dabei ausschließt. Außerdem sei die Empfindlichkeit der im Rathaus herrschenden Partei hierbei zu berücksichtigen. Die definitive Ausschließung Moißls und die Ausführung des Vorstandsbeschlusses können übrigens erst durch die Hauptversammlung vorgenommen werden, die wegen der Sommerferien vor dem Herbst kaum einbernfen werden wird. — Dem Stadtrat und Königl. Preußischen Geh. Sanitätsrat Dr. Ignaz Hirsch, Ritter des Franz Joseph-Ordens und des Königl. Preußischen Roten Adler- Ordens, Primarius des israelitischen Badehospitals in Tepli tz, wurde