Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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gegen die Nachricht ausgenommen werden, daß die historische Kom-. Mission der bayerischen Akademie der Wissenschaften den Wiener,, Herausgeber des „biographischen Jahrbuches und deutschen Nekrologs", Herrn Tr. Anton Bettelheim,zu Lilienerons Nachfolger ausersehen haben soll. Mag die bisherige Herausgabe eines ähnlichen privaten Unternehmens mit Recht oder Unrecht als hinreichendes Befähigungs- Zeugnis im wissenschaftlichen Sinne gelten, so kommt hier doch in hohem Grade auch das nationale Vertrauen in Frage, und dieses wird bei allen bewußt Deutschgesinnten dem Unternehmen entzogen werden müssen, wenn man einen Mann jüdischer Herkunft mit einem solchen Amte betraut. Wie man in diesem Punkte zu der getroffenen Wahl denkt, bringt uns die Zuschrift eines Mitarbeiters mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Daß nun in Zukunft auch die Nekrologe aller hervorragenden Deutschen von Juden und Judengenossen geschrieben werden sollen, ist doch ein starkes Stück. Als Lebender läßt man sich ja manches gefallen, aber im Tode will man zu seinem Rechte kommen." Auch wir sind der Ansicht, daß hier eine verkehrte Wahl getroffen ist, und daß man sich auf eine bessere besinnen sollte. Denn Recht und Gerechtigkeit im Sinne eines Unternehmens wie der „Allgemeinen deutschen Biographie" kann dem Deutschen nur ein Deutschgeborener gewährleisten." — Merkwürdig, daß die „historische Kommission", in der nicht ein einziger Jude sitzt, und der greise Probst Rochus von Liliencron nicht so viel „nationalen Sinn" haben wie die „Deutsche Zeitung", deren Klage freilich eine vergebliche ist, da Dr. Bettelheim bereits gewählt und alle maßgebenden Stimmen einhellig diese Wahl für eine sehr glückliche halten. i. Stettin, 1. August. Die Antisemiten können sich zwar in rohen wörtlichen und zum Teil auch tätlichen Ausschreitungen gegen die Juden nie genug tun; wenn sie aber zur Propagierung ihrer „Ideale" in die Tasche greifen und das Portemonnaie ziehen sollen, dann drücken sich die Herren mit Vorliebe. Der antisemitischen Blättchen, die im Laufe der letzten Jahre aus Mangel an Mitteln ohne Sang und Klang verschwunden sind, ist schon eine stattliche Anzahl. Nun fängt auch die „Deutsche Hoch wacht" in Stettin an. darüber zu jammern, daß es ihr am nervus rerum fehlt. In fetten Lettern heißt es in einer der letzten Nummern des antisemitischenOrgans an leitender Stelle: „Heran, wer noch Glut in der Seele hat; wir bitten, Eure Gaben schleunigst eiuznschicken." Denn großes Unheil ist im Anzuge: „Die bekannten bedauerlichen Schädigungen der „Deutschen Hochwacht" lassen es fast unvermeidlich erscheinen, daß unser mit schweren Mühen zustande gekommenes (Antisemitendeutsch!) Tageblatt wieder in ein Wochenblatt umgewandelt werde"; darum wird, das zu verhindern, jeder einzelne gebeten, an die Geschäsisstelle der „Hochwacht" „vertrauensvoll" „sofort so viel Geld einzuschicken, wie er irgend flüssig machen und entbehren kann". Kp. Aus der Provinz Posen, im August. Die Firma Lippmann & Co. in Lab ischin feierte ihr 40jähriges Geschäftsjubiläum. Ans diesem Anlässe haben die Geschäftsinhaber Abraham und Moritz Lippmann zum Bau eines Diakonissenheims daselbst 1000 Mark und für die Armen der Stadt 300 Mark gespendet. — Die verwitwete . Frau Bertha Callomon iu Ostrowo hat der dortigen Synagogengemeinde -'>00 Mark als Legat hinlerlassen. Auch einige Vereine, deren Vorstandsmitglied die jüngst Verstorbene war, hat dieselbe mit Spenden bedacht. 16. Dresden, 2. August. Ucber die antisemitische Mittelstandswirtschaft in Sachsen, an der der bekannte Verleger der antisemitischen Bilderbogen G l ö ß Hauptbeteiligter ist, berichten die „Mitteilungen zur Abwehr" recht erbauliche Dinge. Kürzlich hat wieder eine außerordentliche Generalversammlung der Vereinigten Spareinleger, G. m. b. H. in Liquidation, stattgefunden, die sehr stürmisch verlief. Der Verwaltung wurde die Entlastung verweigert, eine Revisionskommission soll die Geschäftsführung prüfen. Aus der Versammlung seien die folgenden Einzelheiten erwähnt: Eine große Anzahl von Unteranteilhabern erhielt auf Betreiben des Direktors Glöß von der liquidierenden Gesellschaft keinen Zutritt zur Versammlung, es waren meist ärmere Leute, die nun vor dem Saale das Ergebnis erwarteten. Gleich zu Beginn der Verhandlungen wurde die Stimmung sehr erregt. In einer Broschüre hatte der Direktor Glöß dem Postassistenten Trautmann vorgeworsen, dieser habe wissentlich die Unwahrheit gesagt und könne überhaupt keine Bilanz lesen. Trautmann wendete sich nun heftig gegen Glöß und kündigte an, daß er weitere Schritte gegen ihn unternehmen werde. Auch Kaufmann Hohlfeld ging energisch gegen Direktor Glöß vor, der allen Mißtrauenskundgebungen zum Trotz fest an seinem mit 10000 Mark bezahlten Amte klebe. Vor allen Dingen müsse das Institut der Spareinleger von der Treuhandbank getrennt werden. Diese habe für Spareinleger-Anteilscheine, die einen Kurs von 55 Prozent haben, ganze 30 Prozent geboten. Wenn das seitens der Juden geschehen wäre, dann würde in Dresden der Ruf ertönt sein: Juden raus! Herr Vogel, der früher selbst mit im Aussichtsrat war, äußerte sein Mißtrauen gegen diesen und erwähnte eine Aeußerung des Dr. Böhme: „Geben Sie sich keinen Illusionen hin, wir wollen verdienen." Ratssekretär Bachmann legte dar, daß die Verwaltung nur Eigennutz kenne. In fünf Jahren seien von ihr 250 000 Mark für Verwaltungszwecke ausgegeben worden, eine im Verhältnis zum Geschäft ganz enorme Summe. Dr. Böhme, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, machte sich seine Erwiderung recht leicht. Vom Kapital seien für die Verwaltung nur 13 000 Mark ansgegeben worden, das übrige von den Zinsen. (Eine Unterscheidung, die an Spitzfindigkeit llichts zu wünschen übrig läßt.) Uebrigens verstünde die Opposition llichts von der Sache. Sehr erregt wurde die Versammlung, als der (antisemitische) Stadtrat Ahlhelm gegen die Führer der Opposition sprach. Der (antisemitische) Stadtverordnetenvizevorsteher Häckel begann seine Rede mit den Worten, die Debatte hätte ergeben, daß die Beschuldigungell seitens der Opposition falsch seien — weiter war er nicht zu verstehen, so hoch schwoll der Tumult an. Bei der Abstinnilung zeigte es sich, daß die Mitglieder der Verwaltung und einige ihnen Nahestehende, im ganzen nur wenige Personen, eine Majorität in ihrer Hand vereinigt. Die Versammlung verlangt dieser Tatsache gegenüber stürmisch, die Abstimmung nicht durch Stimmzettel, sondern durch Akklamation vorzunehmen. Die Erregung wuchs aufs höchste. Gegen die Verwaltung wurden Zahlreiche Verwünschungen laut, naurentlich gegen den Direktor Glöß. „Wenn Sie noch einen Funken Ehrgefühl hätten, loürden Sie Ihr Amt niederlegen!" „Herunter!" „Herunter mit ihm!" so ertönte es. Direktor Glöß antwortete: „Ihr werdet noch einmal alle zehn Fiuger nach mir lecken." Es wurde endlich der Beschluß gefaßt, die Geschäftsführung durch eine Revisionskonlmission prüfen zu lassen. Zum Schluß gab es noch einmal persönliche Auseinandersetzungen. Unter anderen wurde dem Direktor Glöß noch vorgehalten, er ließe den Vorwurf der Lüge ruhig auf sich sitzen, wohl aber habe er es fertiggebracht, den Ratssekretär Bahmarn und den Eisenbahnsekretär Trantmann bei ihren Behörden zu denunzieren. So schloß diese denkwürdige Versammlung, die noch dadurch besondere Bedeutung gewinnt, daß verschiedene Dresdner Stadträte und Stadtverordnete der Verwaltung der Spareinleger-Gesellschaft sehr nahe stehen. Jetzt endlich hat die Staatsanwaltschaft die ganze Sache in den Händen. Es wirkt geradezu komisch, wenn gegenüber solchen Verhältnissen der Fabrikantenverein und derLohnschiffchenmaschinenbesitzer-Verein in Planen vom dortigen Stadtgemeinderat die Ausweisung der armen „Ramschjuden" verlangen, die „der Industrie zum Schaden gereichten"! Die Ausweisung der Antisemiten sollten sie verlangen! Bielefeld, 2. August. In dem Bericht der „Westfälischen .Zeitung" über die letzte Sitzung der hiesigen Handelskammer ist zu lesen: „Der Verband der deutschen Juden hat beim Bundesrat beantragt, es möge bei der Regelung der Sonntagsruhe als Ausnahme durch Reichsgesetz gestattet werden, jüdische Angestellte in Kontoren und kaufmännischen Betrieben, die nicht mit offenen Verkaufsstellen verbunden sind, an Sonn- und allgemeinen Festtagen auf zwei Stunden zu beschäftigen, in soweit die jüdischen Geschäftsinhaber sich im voraus verpflichten, an Sabbaten und jüdischen Feiertagen ihre Betriebe fest geschlossen zu halten. Die Eingabe ist der Handelskammer zur Unterstützung übermittelt worden. Die Kammer lehnt die Eingabe ab, da sie sich nicht damit einverstanden erklären kann, daß den einer bestimmten Religionsgemeinschaft angehörenden Mitgliedern Sonderrechte bezüglich der Jnnehaltung der gesetzlichen Sonntagsruhe eingeräumt werden." Wie übrigens weiter berichtet wird, hat sich die Handelskammer in Dortmund zur Unterstützung dieser Eingabe